Deutscher Wochen-Dschungel?

Der Text in der Jungle World über die dritte Islamkonferenz ist vor allem eine journalistische Nachricht, die mit dem medialen Echo und sicherlich auch mit dessen nationalistischen „Wir“-Jargon und Implikationen zusammenfällt, aber eben keine theoretische Abhandlung, als welche sie die Kritik fälschlicherweise kategorisiert.
Leider geht in der wortreichen Anklage der nationalistischen Umtriebe einzelner Texte der Jungle World ein interessanter Konfliktgegenstand linker Theorie verloren.
Die praktisch-realpolitische und moralische Basis des Textes ist ziemlich deutlich. Einwände gesellschaftskritischer Theorie sind deshalb zwar nicht falsch. Sie bleiben in ihrer selbstbezogenen Insistenz allerdings deutlich hinter einem Denken zurück, welches sich nicht mit Isolierung begnügt, sondern empirische Prozesse einschließt. Damit laufen sie aber ebenso Gefahr begriffslos zu werden wie der Jungle-World Text.
Dessen Begriffslosigkeit wird offensichtlich, wenn etwas hilflos-idealistisch „die zivilisatorische Errungenschaft der Trennung von Kirche und Staat“ gegen aktuelle Geschehnisse im politischen Alltag der Demokratie hochgehalten wird. Diese Begriffslosigkeit tritt auch in der elitären Ablehnung des fruchtlosen Ringens um selbstverständliche Binsenweisheiten hervor. Anscheinend werden die defizitären Resultate der Islamkonferenz angeprangert. Der Text tendiert damit allerdings in eine Richtung, welche Kritik einschlägt, wenn sie nichts mehr zu sagen weiß: „Bringt ja sowieso nichts, ist alles Palaver“. Man fühlt sich hier an ziemlich verkürzte Bezichtigungen Marx’ erinnert; der Reichtstag sei in erster Linie eine (unproduktive) „Quasselbude“. Spätestens an solcher Stelle schlägt Kritik fast immer in Affirmation um oder wird reaktionär.
Es wäre falsch linke Kritik auf die unaufhörliche Repetition prinzipieller Theorieeinwände zu reduzieren. Zwar ist theoretische Beharrlichkeit notwendig, vermittelnde Reflexion deshalb aber nicht schlechter. Mir scheint es, als bedürfe das Spannungsfeld negatorischer Kritik und realpolitischer Perspektive eine inhaltliche Reflexion und theoretisch-dialektische Fassung, auch damit sich linke Gesellschaftskritik nicht in der Polarisierung orthodoxer Theorieeigentlichkeit und aktualitätsbezogenem Empiriepositivismus entschärft.
Ob die Jungle World in ihrem realpolitischen Gespür für das Praktische den Konnex zur kritischen Theorie der Gesellschaft verloren hat wird sich zeigen, scheint mir aber eher unwahrscheinlich.


4 Antworten auf “Deutscher Wochen-Dschungel?”


  1. Gravatar Icon 1 Moneymaker 11. September 2008 um 12:33 Uhr

    erstmal zuspruch für all die teile die nicht direkt gegenstandsbezogen sind. Die debatte selber ist mir zu mühselig um was dazu sagen zu können/wollen.

    ein bis zwei kleine bitten/anmerkungen hätte ich dann schon noch. Manchmal läuft dein Stil etwas aus dem ruder und verliert an trennschärfe. So halte ich die verwendung des begriffes „realpolitik“ für unzutreffend, auch wenn er vermutlich das richtige meint. Evtl. wären begrifflichkeiten wie konkret/abstrakt treffsicherer. dre begriff realpolitik hat aber allein geistesgeschichtlich so manch unshcöne assoziation.
    dazu wären die ersten paar minuten zur „Kritik vs. realpolitik“ veranstaltung zu empfehlen. gerber reisst dort kurz an warum dieser begriff nicht umsonst von Reaktionären eingeführt wurde.
    Das soll jedoch keine pedanterie darstellen, sondern trifft m.E. auf einige passagen deiner texte zu. Manchmal gehts etwas über und man braucht doch etwa sinterpretationskraft um zu wissen was du willst.

    PS. das obligatorische Mrxzitat musst du selbstverständlich beibehalten, nur eine Quelle fände ich nett. Nicht nur weil sich ab und an fehlzitationen einshcleichen, sondern der kontext interessiert ;)

    -lg, Money

  2. Gravatar Icon 2 schorsch 12. September 2008 um 1:36 Uhr

    hallo,

    du hast mit deiner begriffskritik recht. kannst du mir dne link zu dem erwähnten vortrag schicken?
    die quelle des zitats hab ich grade leider nicht zur hand, bin mir aber ziemlich sicher einmal marx mit diesem ausdruck gelesen und davon losgelöst etwas ähnliches über marx gehört zu haben.

    grüße,
    schorsch

  3. Gravatar Icon 3 Moneymaker 18. September 2008 um 23:00 Uhr

    hi, etwas verspätet, aber hier gibts den vortrag: http://nokrauts.antifa.net/
    imo reicht es aus teil 1 zu laden, da das eingangstsatemen recht nett ist. ansonsten ist das etwa bis teil 2 oder 3 hörbar, danach ist die soundquali im eimer.

  1. 1 Antideutsch leichtgemacht (7) « Stumpf ist Trumpf Pingback am 27. März 2008 um 22:04 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.