Heideggers Spiel mit dem Pappkameraden

Im Internet kursiert ein Video von Heidegger, in welchem er Marx‘ elfte Feuerbachthese kritisiert. Liegt Heidegger mit seiner Kritik richtig? Ist Marx Feuerbachthese wirklich unfundiert?

Der Einwand von Heidegger ist wirklich nicht sonderlich originell. Heidegger nimmt in seiner Kritik an Marx nicht den dialektischen Gehalt seiner Feuerbathese auf, sondern übt eine falsche Dichotomisierung. In den der elften Feuerbachthese vorausgehenden Reflexionen wird von Marx klar auf das dialektische Verhältnis von Praxis und Theorie hingewiesen, welches Heidegger brüsk übergeht. Marx kritisiert am falschen Materialismus, dass „Wirklichkeit (…) nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefasst wird; nicht aber als menschliche sinnliche Tätigkeit, Praxis, nicht subjektiv“. Schon in der ersten Feuerbachthese verweist Marx explizit auf das Element der Anschauung. Laut Heidegger habe Marx dieses aber nicht berücksichtig: Interpretation müsse der Veränderung vorausgehen, Philosophie sei daher immer konstitutiv für den Prozess der Veränderung. Er wirft Marx vor auf Basis einer bestimmten „Weltinterpretation“ eine Änderung zu fordern, die aber unausgesprochen Philosophie vorausgesetzt. Daher sei Marx‘ Schluss nicht fundiert. Diese Kritik ignoriert, dass in den elf Thesen zu Feuerbach Philosophie keineswegs unausgesprochen vorausgesetzt wird, sondern sichtbarer Gegenstand der Thesen ist. Marx verfällt nicht in einen blinden Aktionismus, welcher sich der eigenen theoretisch-philosophischen Fundierung nicht mehr bewusst ist. Marx versucht vielmehr die Spaltung des Praktischen und des Theoretischen im Prozess des Verstehens der Wirklichkeit miteinander zu vermitteln. Die Aufspaltung und einseitige Reflexion der Wirklichkeit als „Anschauung“ kritisiert Marx durch seine dialektische Betrachtungsweise und ergänzt sie um die Mehrdimensionalität der dialektischen Beziehungsformen. Marx geht es auch nicht um den zeitlichen Aspekt des Vorher und Nachher. Heidegger denkt in einem temporär-logischen Abfolgeprozess: erst komme die philosophische Reflexion, dann eventuell die praktische Folgerung. Dieses Schema stülpt er Marx‘ Gedankengängen über und wird ihm deshalb auch nicht gerecht. Marx denkt Theorie und Praxis nämlich nicht als aufeinander folgende Momente eines Prozesses. Er versucht die logische Verbindung dieser beiden Pole in den philosophischen Gedanken zu verlegen und damit den Gedanken auf das spannungsvolle Verhältnis von Theorie und Praxis auszurichten. Die Reflexive Isolierung des Gedankens in selbstständigen Bewegungen kann offenbar kein wirklich philosophischer Gedankengang mehr sein: „Der Streit über die Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit eines Denkens, das sich von der Praxis isoliert, ist eine rein scholastische Frage.“ (Marx).
Marx Anspruch ist also keineswegs ein anti-philosophischer, der die Übermacht der praktischen Gewalt anruft und sich stillschweigend-beschämt bestimmter philosophische Prämissen bedient. Er gibt in seinen Feuerbachthesen vielmehr den Anstoß zur philosophischen Selbstreflexion eines Gedankens. Thema der Reflexion soll nicht nur das Überdenken immanenter Widersprüche und Probleme eines Begriffs sein, sondern der Gedanke muss als Element seiner Selbst die eigene Existenz innerhalb bestimmter Wirklichkeit situieren. Durch diese logische Permanenz wird dem Gedanken ein Verhältnis zum Praktischen inhärent. Die Denkvermittlung zwischen dem Begriff und der Wirklichkeit des Praktischen muss in den Gedanken eingehen.
Es wäre idealistisch nur ausgearbeitete Gedankeprodukte als wirkliche Äußerungen des menschlichen Lebens zu verstehen und reflexiv zu Behandeln. Dem wirklichkeitsgerechten Gedanken muss die Verwiesenheit auf ihn umgebende Wirklichkeit enthalten sein. Da der Gedanke dann in Sphären hineinreicht die nicht mehr nur ihn selbst betreffen, ist dem Gedanken die revolutionäre Möglichkeit des Überschreitens – also die eigene Transzendierung – eingekerbt. Der Übergang des Begriffs in soziale Praxis muss innerhalb des Begriffes gefasst und damit ein Ineinanderfließen dieser Pole – Praxis und Begriff – ermöglicht werden. Die Möglichkeit des Anderen kann daher schon im falschen Begriff selbst ausgetilgt sein, oder hingegen in einem Gedanken als prinzipielles Versprechen fortwirken. Begriffsbildung, welche die dialektische Vermitteltheit von Subjekt und Objekt, realexistierender Praxis und theoretischer Fundierung nicht aufnimmt ist zur Hypostase verdammt.
Es ist nicht so, dass Begriffsbildung und daraus folgende Handlungen getrennt sind, sondern beide Momente sind miteinander eng verschlungen, sie enthalten sich wechselseitig. Der Begriff wird dabei allerdings nicht interessengeleitet zum Ziel geführt, sondern der Konnex zur Praxis ist als Reflexionsebene struktureller Moment des Gedankens.
„Alle Mysterien, welche die Theorie zum Mystizismus verleiten, finden ihre rationelle Lösung in der menschlichen Praxis und im Begreifen dieser Praxis.“ (Marx). Marx plädiert deutlich gegen ein Denken, welches sich selbst a priori bereits als Isoliertes erzeugt, denn Reflexion ist immer in soziale Praxen verstrickt. Selbstbezügliches Denken fördert die begriffliche Verewigung des Bestehenden. Die Separation des Praktischen und Theoretischen bringt gesellschaftliche Widersprüche auf „in sich und gegeneinander widerspruchslose Begriffe“ (Adorno). Wenn Heidegger davon spricht, dass der Praxis die Interpretation der Wirklichkeit vorausgeht, dann schottet er beide Ebenen voneinander ab und trägt zur Vernichtung deren Dialektik bei. In diesem Schema ist die Praxis auch keine wirkliche Praxis mehr, sondern praktisch gewordener Gedanke. Die Praxis ist dann in das Reich der gedanklichen Begriffsbildung übergegangen, philosophisch Infiltriert und unschädlich gemacht und dadurch von der sozialen Praxis der Individuen entfernt.
Marx’ Überlegungen liegt die Kenntnis zugrunde, nach welcher bestimmte philosophische Widersprüche nicht innerphilosophisch, sondern nur außerhalb der Philosophie gelöst werden können. Die kritische Theorie der bürgerlichen Gesellschaft versucht darzustellen, „in welchen bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen es gründete, wenn die Philosophie an eine weitertragende Problemstellung nicht herankommen konnte, und dass eine andere Lösung außerhalb der Reichweite dieser Philosophie lag.“ (Marcuse). Die Philosophie verinnerlicht äußere Widersprüche. Widersprüche der bürgerlichen Gesellschaft werden philosophisch ausgetragen, indem sie zu Problemen der Ethik oder der Metaphysik verewigt werden. Das Ausgangsproblem ist dadurch zu einer philosophischen Angelegenheit geworden; der Versuch die philosophisch konstatierten Widersprüche nun praktisch zu versöhnen etabliert eine falsche Praxis. Die Praxis ist in der Isolation von Theorie und Praxis keine wirkliche Praxis mehr, sondern praktisch gewordener Gedanke der verinnerlichten Widersprüche. Die Praxis ist dann in den Bereich der gedanklichen Begriffsbildung übergegangen und von der sozialen Praxis der Individuen entfernt. Die Rückübersetzung schlägt fehl, weil die Praxis nur als Träger des Verinnerlichten Widerspruchs genutzt wird und damit um ihr revolutionäres Potential gebracht ist.
Die ideologische Spitze ist erreicht, wenn die Philosophie ein vernünftiges Subjekt unterstellt, welchem dann diese falsche Praxis aufgebürdet und die Verbrüderung der real existierenden Widersprüche als Aufgabe dieser individuellen Praxis bestimmt wird. An Descartes Satz „Ich denke also bin ich“ wird die vernunftlose Qualität dieser Subjektfixierung weiterführend deutlich: die Hinwendung auf das Selbst kann als reines Führwahrhaltens des eigenen Gedankens innerhalb widersprüchlicher Praxiswirklichkeit verstanden werden. Dies leistet einem Begnügen mit einem erkenntnistheoretischen Subjektivismus Vorschub. Objektive Erkenntnis des gesellschaftlichen Zusammenhangs und dessen aktive Transformation scheint dann nicht mehr möglich. Die monadische Eigenständigkeit des Gedankens erschafft die Exklusivität des Individuellen als wahrhaftige Existenzform innerhalb einer Gesellschaft, die durch den Einzelnen nicht durchschaubar ist. Die gemeinsame Konstruktion einer Gesellschaft ist damit negiert und die Vereinzelung des Individuums als Konkurrenzsubjekt wird philosophisch-erkenntnistheoretisch rationalisiert.


9 Antworten auf “Heideggers Spiel mit dem Pappkameraden”


  1. Gravatar Icon 1 Z.K. 08. März 2008 um 14:21 Uhr

    Auch wenn dieser Text nicht gerade leicht verständlich war (was freilich kein Einwand ist), muss ich dir doch recht geben. So einleuchetend Heideggers Satz, jeder Weltveränderung gehe eine Weltinterpretation vorraus, könnte man genuaso gut auch umdrehen: jeder Weltinterpretation geht eine Weltveränderung vorraus bzw. das beides letztendlich in eins geht.
    Auch, dass Heidegger die Feuerbachthese gänzlich entkontextualisiert hat, hast du richtig erkannt.
    Ich würde daher mal sagen, dass man den Punktestand auf 2:1 zu Gunsten von Marx korrigieren muss.

  2. Gravatar Icon 2 Moneymaker 16. März 2008 um 0:07 Uhr

    hast du die decartes-interpretation selbst erarbeitet oder fußt sie auf einem anderen ansatz?
    bei letzterem würde mich der background interessieren, hab ich nämlich so noch net gesehen/gelesen.

  3. Gravatar Icon 3 schorsch 23. März 2008 um 20:22 Uhr

    der ansatz war meiner, aber gestern habe ich bei marcuse etwas gelesen, was in eine ähnliche richtung zielte.

  4. Gravatar Icon 4 outcast 24. März 2008 um 11:22 Uhr

    Heidegger scheint ja wirklich DER Pappkamerad Nr. 1 zu sein. Ist ja auch nicht verwunderlich, daß sich ein Rechter besonders leicht bloß moralisierend (d.h. ohne jegliches Verständnis seiner Philosophie) kritisieren lässt. Aber auch eine rechte AutorIn muss Mensch lesen um eine überzeugende Kritik zu entwickeln.

    Verwunderlich daran erscheint mir, daß Heidegger in der linken (internationalen) Theoriediskussion im Moment gerade besonders hip ist. Gerade die Welle von Heideggerianischen Marxismen scheint nicht abzureißen. Heideggers Ausführungen zu Marx beschränken sich dabei nicht auf ein Fernsehinterview (!), er hat bei einem Seminar in Frankreich viel mehr dazu zu sagen gewusst.

  5. Gravatar Icon 5 schorsch 25. März 2008 um 1:14 Uhr

    Mir ist auch klar, dass Heidegger nicht ausschließlich seine Kritik an Marx auf dem basiert, was in dem Video auftaucht. Vielmehr von ihm kenne ich allerdings nicht. Ich weiß nicht genau, ob du in meinem Text schon moralisierendes Unverständnis seiner Philosophie siehst oder ob diese Formulierungen kritisch gegen mein eventuelles Halbwissen gerichtet sind. Das geht zwar sicherlich nicht völlig am Thmea vorbei, aber über direkte Kritik an meinem Text wäre sicherlich auch nicht uninteressant.

  6. Gravatar Icon 6 Z.K. 26. März 2008 um 17:28 Uhr

    Schorsch stellt ja auch nicht den Anspruch, die gesamte Philosophie Heideggers kritisieren zu wollen, es geht ja jetzt wirklich nur um diese eine Aussage.
    Ich find aber schon, dass man an Heidegger einiges kritisieren kann. Gibt z.B. ein paar ganz gute Texte auf der Seite vom ca ira-verlag (isf-freiburg.de) dazu.

  7. Gravatar Icon 7 DWR 04. Oktober 2008 um 18:44 Uhr

    lese deinen text jetzt zufällig, nachdem ich von irgendwoher auf diesen blog gekommen bin, und bin ziemlich überrascht, zu demselben interview mit heidegger einen monat später auch einen blogtext geschrieben zu haben, der die kritik aber nur textexegetisch fundiert. trotz überschneidungen ist das ein guter zweiter ansatz, den ich da gelesen habe.

  1. 1 Philosophie und Subversion // Zeilenzwischentraumzeichenfeenlandschaftsraum Pingback am 11. März 2008 um 22:17 Uhr
  2. 2 Spiel-dich-schön » RE - Spiel mit Opfern Pingback am 05. April 2008 um 15:06 Uhr
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