Archiv für Februar 2008

Heideggers Spiel mit dem Pappkameraden

Im Internet kursiert ein Video von Heidegger, in welchem er Marx‘ elfte Feuerbachthese kritisiert. Liegt Heidegger mit seiner Kritik richtig? Ist Marx Feuerbachthese wirklich unfundiert?

Der Einwand von Heidegger ist wirklich nicht sonderlich originell. Heidegger nimmt in seiner Kritik an Marx nicht den dialektischen Gehalt seiner Feuerbathese auf, sondern übt eine falsche Dichotomisierung. In den der elften Feuerbachthese vorausgehenden Reflexionen wird von Marx klar auf das dialektische Verhältnis von Praxis und Theorie hingewiesen, welches Heidegger brüsk übergeht. Marx kritisiert am falschen Materialismus, dass „Wirklichkeit (…) nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefasst wird; nicht aber als menschliche sinnliche Tätigkeit, Praxis, nicht subjektiv“. Schon in der ersten Feuerbachthese verweist Marx explizit auf das Element der Anschauung. Laut Heidegger habe Marx dieses aber nicht berücksichtig: Interpretation müsse der Veränderung vorausgehen, Philosophie sei daher immer konstitutiv für den Prozess der Veränderung. Er wirft Marx vor auf Basis einer bestimmten „Weltinterpretation“ eine Änderung zu fordern, die aber unausgesprochen Philosophie vorausgesetzt. Daher sei Marx‘ Schluss nicht fundiert. Diese Kritik ignoriert, dass in den elf Thesen zu Feuerbach Philosophie keineswegs unausgesprochen vorausgesetzt wird, sondern sichtbarer Gegenstand der Thesen ist. Marx verfällt nicht in einen blinden Aktionismus, welcher sich der eigenen theoretisch-philosophischen Fundierung nicht mehr bewusst ist. Marx versucht vielmehr die Spaltung des Praktischen und des Theoretischen im Prozess des Verstehens der Wirklichkeit miteinander zu vermitteln. Die Aufspaltung und einseitige Reflexion der Wirklichkeit als „Anschauung“ kritisiert Marx durch seine dialektische Betrachtungsweise und ergänzt sie um die Mehrdimensionalität der dialektischen Beziehungsformen. Marx geht es auch nicht um den zeitlichen Aspekt des Vorher und Nachher. Heidegger denkt in einem temporär-logischen Abfolgeprozess: erst komme die philosophische Reflexion, dann eventuell die praktische Folgerung. Dieses Schema stülpt er Marx‘ Gedankengängen über und wird ihm deshalb auch nicht gerecht. Marx denkt Theorie und Praxis nämlich nicht als aufeinander folgende Momente eines Prozesses. Er versucht die logische Verbindung dieser beiden Pole in den philosophischen Gedanken zu verlegen und damit den Gedanken auf das spannungsvolle Verhältnis von Theorie und Praxis auszurichten. Die Reflexive Isolierung des Gedankens in selbstständigen Bewegungen kann offenbar kein wirklich philosophischer Gedankengang mehr sein: „Der Streit über die Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit eines Denkens, das sich von der Praxis isoliert, ist eine rein scholastische Frage.“ (Marx).
Marx Anspruch ist also keineswegs ein anti-philosophischer, der die Übermacht der praktischen Gewalt anruft und sich stillschweigend-beschämt bestimmter philosophische Prämissen bedient. Er gibt in seinen Feuerbachthesen vielmehr den Anstoß zur philosophischen Selbstreflexion eines Gedankens. Thema der Reflexion soll nicht nur das Überdenken immanenter Widersprüche und Probleme eines Begriffs sein, sondern der Gedanke muss als Element seiner Selbst die eigene Existenz innerhalb bestimmter Wirklichkeit situieren. Durch diese logische Permanenz wird dem Gedanken ein Verhältnis zum Praktischen inhärent. Die Denkvermittlung zwischen dem Begriff und der Wirklichkeit des Praktischen muss in den Gedanken eingehen.
Es wäre idealistisch nur ausgearbeitete Gedankeprodukte als wirkliche Äußerungen des menschlichen Lebens zu verstehen und reflexiv zu Behandeln. Dem wirklichkeitsgerechten Gedanken muss die Verwiesenheit auf ihn umgebende Wirklichkeit enthalten sein. Da der Gedanke dann in Sphären hineinreicht die nicht mehr nur ihn selbst betreffen, ist dem Gedanken die revolutionäre Möglichkeit des Überschreitens – also die eigene Transzendierung – eingekerbt. Der Übergang des Begriffs in soziale Praxis muss innerhalb des Begriffes gefasst und damit ein Ineinanderfließen dieser Pole – Praxis und Begriff – ermöglicht werden. Die Möglichkeit des Anderen kann daher schon im falschen Begriff selbst ausgetilgt sein, oder hingegen in einem Gedanken als prinzipielles Versprechen fortwirken. Begriffsbildung, welche die dialektische Vermitteltheit von Subjekt und Objekt, realexistierender Praxis und theoretischer Fundierung nicht aufnimmt ist zur Hypostase verdammt.
Es ist nicht so, dass Begriffsbildung und daraus folgende Handlungen getrennt sind, sondern beide Momente sind miteinander eng verschlungen, sie enthalten sich wechselseitig. Der Begriff wird dabei allerdings nicht interessengeleitet zum Ziel geführt, sondern der Konnex zur Praxis ist als Reflexionsebene struktureller Moment des Gedankens.
„Alle Mysterien, welche die Theorie zum Mystizismus verleiten, finden ihre rationelle Lösung in der menschlichen Praxis und im Begreifen dieser Praxis.“ (Marx). Marx plädiert deutlich gegen ein Denken, welches sich selbst a priori bereits als Isoliertes erzeugt, denn Reflexion ist immer in soziale Praxen verstrickt. Selbstbezügliches Denken fördert die begriffliche Verewigung des Bestehenden. Die Separation des Praktischen und Theoretischen bringt gesellschaftliche Widersprüche auf „in sich und gegeneinander widerspruchslose Begriffe“ (Adorno). Wenn Heidegger davon spricht, dass der Praxis die Interpretation der Wirklichkeit vorausgeht, dann schottet er beide Ebenen voneinander ab und trägt zur Vernichtung deren Dialektik bei. In diesem Schema ist die Praxis auch keine wirkliche Praxis mehr, sondern praktisch gewordener Gedanke. Die Praxis ist dann in das Reich der gedanklichen Begriffsbildung übergegangen, philosophisch Infiltriert und unschädlich gemacht und dadurch von der sozialen Praxis der Individuen entfernt.
Marx’ Überlegungen liegt die Kenntnis zugrunde, nach welcher bestimmte philosophische Widersprüche nicht innerphilosophisch, sondern nur außerhalb der Philosophie gelöst werden können. Die kritische Theorie der bürgerlichen Gesellschaft versucht darzustellen, „in welchen bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen es gründete, wenn die Philosophie an eine weitertragende Problemstellung nicht herankommen konnte, und dass eine andere Lösung außerhalb der Reichweite dieser Philosophie lag.“ (Marcuse). Die Philosophie verinnerlicht äußere Widersprüche. Widersprüche der bürgerlichen Gesellschaft werden philosophisch ausgetragen, indem sie zu Problemen der Ethik oder der Metaphysik verewigt werden. Das Ausgangsproblem ist dadurch zu einer philosophischen Angelegenheit geworden; der Versuch die philosophisch konstatierten Widersprüche nun praktisch zu versöhnen etabliert eine falsche Praxis. Die Praxis ist in der Isolation von Theorie und Praxis keine wirkliche Praxis mehr, sondern praktisch gewordener Gedanke der verinnerlichten Widersprüche. Die Praxis ist dann in den Bereich der gedanklichen Begriffsbildung übergegangen und von der sozialen Praxis der Individuen entfernt. Die Rückübersetzung schlägt fehl, weil die Praxis nur als Träger des Verinnerlichten Widerspruchs genutzt wird und damit um ihr revolutionäres Potential gebracht ist.
Die ideologische Spitze ist erreicht, wenn die Philosophie ein vernünftiges Subjekt unterstellt, welchem dann diese falsche Praxis aufgebürdet und die Verbrüderung der real existierenden Widersprüche als Aufgabe dieser individuellen Praxis bestimmt wird. An Descartes Satz „Ich denke also bin ich“ wird die vernunftlose Qualität dieser Subjektfixierung weiterführend deutlich: die Hinwendung auf das Selbst kann als reines Führwahrhaltens des eigenen Gedankens innerhalb widersprüchlicher Praxiswirklichkeit verstanden werden. Dies leistet einem Begnügen mit einem erkenntnistheoretischen Subjektivismus Vorschub. Objektive Erkenntnis des gesellschaftlichen Zusammenhangs und dessen aktive Transformation scheint dann nicht mehr möglich. Die monadische Eigenständigkeit des Gedankens erschafft die Exklusivität des Individuellen als wahrhaftige Existenzform innerhalb einer Gesellschaft, die durch den Einzelnen nicht durchschaubar ist. Die gemeinsame Konstruktion einer Gesellschaft ist damit negiert und die Vereinzelung des Individuums als Konkurrenzsubjekt wird philosophisch-erkenntnistheoretisch rationalisiert.