Das Land der faulen Affen

Jeder Versuch, das Gegenbild der affirmativen Kultur zu zeichnen, stößt auf das unausrottbare Klischee vom „Schlaraffenlande“. Es ist aber immer noch besser, dieses Klischee zu akzeptieren als jenes von der Umwandlung der Erde in eine riesige Volksbildungs-Anstalt.
Herbert Marcuse


7 Antworten auf “Das Land der faulen Affen”


  1. Gravatar Icon 1 antikapl 06. Januar 2008 um 11:47 Uhr

    Hm, ich verstehe dieses Zitat nicht so ganz. Was ist denn mit diesem „Schlaraffenlande“ gemeint? Heißt das, dass nicht-affirmative Kultur (was versteht Marcuse hier unter „Kultur“?) notwendig eine ans Schlaraffenland erinnernde Utopie beinhalten muss? Und ist das als explizite oder implizite Utopie gemeint?

  2. Gravatar Icon 2 schorsch 06. Januar 2008 um 13:15 Uhr

    Marcuse thematisiert die Abspaltung des Schönen vom Notwendigen in eine eigene – kulturelle – Sphäre. Indem gewährleistet ist, dass die Menschen sich glücklich fühlen, es aber nicht sind bewahrheitet diese Kultur ihr affirmatives Wesen.
    Die Aufhebung dieser affirmativen Kultur – der spezielle Bereich der Kunst – fällt mit der Aufhebung der bürgerlichen Gesellschaft zusammen. Damit wird aber auch die Hoffnung erzeugt, mit der Aufhebung der affirmativen Kultur höre auch ein Bereich des Notwendigen auf zu existieren und konstruiert daher das Klischee des Schlaraffenlandes. Dies ist aber immer noch besser, als die der Spaltung zugrundeliegende Gesellschaft im Wesen zu affirmieren, indem die affirmative Kultur als Besonderer Bereich einfach ausgebreitet werden soll. Diese Vision findet man nicht nur bei Nationalsozialisten, sondern auch bei („traditions-“)marxistischen Theoretikern.

  3. Gravatar Icon 3 Helden Karl 08. Januar 2008 um 18:56 Uhr

    Wenn die Menschen sich „glücklich“ fühlen sind sie auch glücklich. Ein „eigentliches Glück“, das man den Leuten nahelegen könnte gibt es nicht/ sehe ich nicht. Glück ist eben eine unzureichende (bürgerliche) Kategorie, die unabhängig von einer Befriedigung eines konkreten(!) Bedürfnisses, die Befriedigung eines ultimativen, abstrakten Bedürfnisses behauptet. Solch ein geartetes Bedürfnis gibt es aber nicht, schongleich gibt es kein Bedürfnis nach „Glück“. Es ist klar, dass sowas nur der Kompensation dienen kann, z.B. Arm ABER glücklich.

    Ich würde auch plädieren, nicht etwas weniger falsches, oder schlechtes zu vertreten, sondern etwas richtiges.

  4. Gravatar Icon 4 schorsch 09. Januar 2008 um 0:06 Uhr

    Okay, es ist vielleicht wirklich etwas problematisch dem Glück – wenn man diese Kategorie benutzt – eine „Eigentlichkeit“ oder eine Authentizität anzudichten. Trotzdem ist es m.E. nach wichtig zwischen der Beseelung und der Idealisierung von Glück und dessen Realisierung ohne diese Vernebelung zu differenzieren und dadurch die materiellen Lebensverhältnisse in den Blick nehmen. Eben davon lenkt aber (von Einzelheiten abgesehen) die affirmative Kultur ab.

  5. Gravatar Icon 5 Helden Karl 11. Januar 2008 um 0:10 Uhr

    Das was mit „affirmative Kultur“ beschrieben wird lenkt vor allen Dingen davon ab, dass man sich als Lohnarbeiter verdingen muss, und dass das Interesse von einem keinen rechten Platz hat in dieser Gesellschaft. Wenn ich das aber weiss, dann fordere ich doch nicht eine „Realisierung von Glück ohne dessen Vernebelung“ sondern mache mir einen Reim auf diese Kategorie Glück im speziellen und diese Gesellschaft und ihre Ideologien im Allgemeinen. Deswegen „realisiert“ sich das Glück auch nicht schlecht oder schlechter im Kapitalismus, und das ist ja auch nicht die Kritik an ihm (jedenfalls nicht meine). „Das Glück“ gibt es so nicht. Nein, auch keine „kommunistische“ oder „richtige“ Übersetzung davon.

  6. Gravatar Icon 6 schorsch 11. Januar 2008 um 1:24 Uhr

    Die Vernebelung bezeichnet die gesellschaftliche bzw. kulturelle Organisierung von Bedürfnissen oder Ansprüchen, die ein revolutionäres Potential enthalten könnten und daher in der bürgerlichen Gesellschaft gestutzt werden müssen, ohne in einseitige Unterdrückung zu laufen. Das ist wichtig, weil sonst Glück als Ideologie gar nichts mehr ist, womit sich die bürgerliche Gesellschaft schmücken kann, weil sie den Anspruch auf die Realisierung des Glücks offenkundig aufgegeben hat.
    Ich würde Glück nicht als Kategorie bezeichnen, die ausschließlich Ideologie bedeutet, sondern darin einen Ambivalenz sehen. Der idealistische Charakter des Glücks entschärft zwar einerseits transzendierende Forderungen, andererseits wird aber noch ein bestimmtes Versprechen (in einer kulturellen Sphäre) aufrechterhalten. Das ist zwar dann noch keine materialistische Kritik an kapitalistischen Produktionsverhältnissen, bedeutet aber doch etwas anderes als letztere fatalistisch hinzunehmen und kann daher ein wichtiges Moment in Aufhebungsbestrebungen sein.
    Wobei ich dir recht geben würde, dass die Kategorie des „Glücks“ eng mit der bürgerlichen Gesellschaft verwoben ist und daher diese Kategorie in einer anderen Gesellschaft keinen Sinn mehr macht, wobei unter gegebenen Verhältnissen darin sich eben ein utopischer Charakter abzeichnet.

  7. Gravatar Icon 7 Helden Karl 13. Januar 2008 um 15:59 Uhr

    „Das ist wichtig, weil sonst Glück als Ideologie gar nichts mehr ist, womit sich die bürgerliche Gesellschaft schmücken kann, weil sie den Anspruch auf die Realisierung des Glücks offenkundig aufgegeben hat.“

    Ich halte Glück aber gar nicht für etwas positives, deshalb bin ich auch nicht der MEinung dass sich die brgl Gesellsch damit schmückt, und halte ihr es auch nicht zugute wenn sie Glück propagiert.

    „Das ist zwar dann noch keine materialistische Kritik an kapitalistischen Produktionsverhältnissen, bedeutet aber doch etwas anderes als letztere fatalistisch hinzunehmen und kann daher ein wichtiges Moment in Aufhebungsbestrebungen sein.“

    Naja, das ist wohl sehr interessiert gedacht. Einige Sätze zuvor warst du noch konkreter gewesen. Es ist das Versprechen nach Kompensation der Verhältnisse, und das ist genau meine Kritik am „Glück“. DESWEGEN meine ich, ist nicht nur das der Fall, dass Glück in anderen Gesellschaften keinen Sinn macht weil die Verhältnisse nicht mehr „Glück“ erfordern (die Kategorie ihre Zeitgemäßheit verliert), sondern das Glück selber ist schon eine Kategorie die nur zu bestimmten Verhältnissen „passt“. Damit steht das „Glück“ auch ein bisschen entgegengesetzt zu dem was Leute wollen, denen diese Gesellschaft nicht so passt. Glück verliert nicht nur deshalb im Kommunismus seine Bedeutung weil es keine Lohnarbeit mehr gibt, also auch nichts was man „kompensieren“ müsste, sondern auch deshalb weil die Leute einsehen, das Glück selber eine unsinnige Kategorie ist.

    Allgemein: Kompensation schließt doch die Bejahung dessen ein was da kompensiert wird…

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