Der affirmative Charakter bürgerlicher Kulturkritik

Die Angst steht am Anfang aller idealistischen Lehren, die höchste Glückseligkeit in der ideellen Praxis zu suchen: Angst vor der Unsicherheit aller Lebensverhältnisse, vor dem „Zufall“des Verlusts, der Abhängigkeit, des Elends, aber auch Angst vor der Sättigung, dem Überdruß, dem Neid der Menschen und Götter. Doch die Angst um das Glück, welche die Philsophie zur Trennung des Schönen und Notwendigen getrieben hatte, hält die Forderung nach Glück noch in der getrennten Spähre aufrecht. Herbert Marcuse

Mit der Logik der Konsequenz und dem Pathos der Wahrheit könnte daher die Kulturkritik fordern, daß die Verhältnisse durchaus auf ihren materiellen Ursprung reduziert, rücksichtslos und unverhüllt nach der Interessenlage zwischen den Beteiligten gestaltet werden müßten. (…) Würde man aber radikal danach handeln, so würde man mit dem Unwahren auch alles Wahre ausrotten… Theodor W. Adorno

Diese Reduktion auf die Macht des Faktischen würde die Philosophie zudem um ihr überschreitendes und hoffnungsvolles Denken bringen. Hoffnung jenseits von Positivismus und Spekulation findet keine theoretische Fortführung mehr, sondern weicht der universal und überhistorisch erscheinenden Macht der bürgerlichen Gesellschaft. Die bloße Existenz derselben befreit sie von jeder Rechtfertigung. Die liberale Theorie der Gesellschaft baut diesen Schutzpanzer ideologisch aus: der Versuch die Gesellschaft rational zu ordnen sei im Kern zum Scheitern verurteil. Demgegenüber steht die dem Denken vorausgesetzte Kapitulation vor der Faktizität der falschen Gesellschaft und die Zurückdrängung der Ratio in den Bereich des Privaten.

Das erwähnte Motiv der Kulturkritik basiert auf der Perpetuierung des Individuum als theoretisches Primat der Gesellschaftlichkeit. Sie beinhaltet die Perspektive der mondaischen Isolierung, indem sie sich in den Bereich der praktischen Handlungsanleitung der ökonomischen Kalkulation ohne den retardierenden Schleier der Kultur begibt und zeichnet sich durch ein instrumentelles Verhältnis zum falschen Ganzen aus. Dessen Transzendierung ist daher bereits in der Setzung des Individuum als Denkvorraussetzung negiert.
Es muss daher im Besonderen der Bezug zur falschen Allgemeinheit reflexive Präsenz zeigen, ohne das Besondere gedanklich zu tilgen. Dann ist kritische Theorie die adäquate Reflexion der aktuellen Gesellschaft, ohne dessen falsche Aufhebung oder die Apologie des Bestehenden zu befördern.