„Ich bin ein revolutionäres Subjekt, holt mich hier raus!“

Das Wochenende und der „…ums Ganze!-Kongress“ ist vorbei, ich musste wieder in die Schule und ein way out lässt sich nach wie vor nicht finden.
Trotzdem war der Kongress kein Desaster und ein inhaltlicher Rückblick lohnt.
Der erste Tag des Kongresses war mit Einführungen in diverse Theorieströmungen belegt und nicht ungeheuer aufregend, wenngleich die Einführung in den Postoperaismus nicht verständlich gelang und daher am zweiten Tag in der Diskussion zum Begriff der Arbeit nachgeholt wurde.
Während dieser Diskussion zeichneten sich durchaus schon theoretische Kollisionslinien von Postoperaismus und Wertkritik ab, die aber leider nicht verfolgt wurden. Auch in den folgenden Referaten und Diskussionen herrschte eher eine isolierte Parallelität der theoretischen Ausgangspunkte, als eine vermittelnde Diskussion, die ja eigentlich wesentliches Ziel des Kongresses war. Das überrascht allerdings nicht großartig, weil die Diskutanten teilweise gekonnt aneinander vorbeiredeten oder in oberflächlicher Toleranz ihrer Standpunkte verharrten.
Dabei hätte eine vertiefende Diskussion sicherlich Fruchtbares bewirken können. Während der wertkritischen Position die theoretische Verbindung zu sozialen Kämpfen abhanden gekommen schien, erweckte der postoperaistische Standpunkt den Eindruck, in strategischen Bewegungsfragen verloren zu gehen. Zwar betonte Trenkle in seinem Einführungsreferat zurecht, dass die durch ihn vertretene Position keineswegs blind gegenüber den verschiedenen Formen der sozialen Auseinandersetzung ist, da die Totalität von Wert und Arbeit immer auf der Konstruktion eines nicht vernünftigen Anderen beruht. Allerdings musste er sich durchaus den Vorwurf gefallen lassen, seine Position beherberge die Gefahr einer idealistischen Wendung. Hier hätten weiterführende Diskussionen eingreifen sollen.
Die Fassung der Vielheit von sozialen Auseinandersetzung in der Bezeichnung Multitude des Postoperaismus scheint mir aber keineswegs eine gute Alternative zu sein, sondern enthält selber eine erhebliche Entfernung von materialistischer Analyse. Auch weil diese Beschreibung nicht nur leicht schwammig, sondern deutlich undifferenziert ist.
Jede Form der widerständigen Auseinandersetzung wird unter die Beschreibung der Multitude summiert. Damit bleibt diese Bezeichnung aber im wesentlichen bloß an Erscheinungsformen von Widersprüchen geheftet und ist daher ein phänomenologischer Strategiebegriff.1
Thomas Seibert erläuterte die Multitude zwar als Zusammenfassung heterogener und somit auch reaktionärer Kämpfe und deckte damit den Schein eines eventuell romantisierenden Gehalts auf. Diese Vertiefung führte allerdings keine wirklich begrifflichen Überlegungen ein, sondern entwickelte eine Bewegungstaktik: reaktionäre Bewegungen müssten demnach in umfassender Kommunikation mit anderen sozialen Akteuren verbunden und damit dann progressiv beeinflusst oder abgesprengt werden.
Zwar ist es sicherlich fatal soziale Auseinandersetzungen theoretisch per se in erklärt reaktionäre Gefilde zu verbannen, dennoch müssen Grenzen der Kommunikation zwischen sozialen Protestformen gefunden werden. Der deskriptive Begriff der Multitude scheint wegen seiner unterschiedsloser Hinnahme der gegebenen Kämpfe diese Grenzen aus sich selbst heraus nicht definieren zu können. Höchstens kann ihm ein normativer Standpunkt von außen beigebracht werden, der z.B. die Zusammenarbeit mit Islamisten verbietet. Dies aber lässt kritische Theorieproduktion zur Farce werden, weil damit der immanente Anteil kritischer Analyse durch ein moralisierendes Element ersetzt wird.
Hier scheint mir auch das tiefliegendere Problem vom Konzept „Multitude“ zu liegen:
im Postoperaismus gibt es offenbar eine Abspaltung praxistheoretischer Reflexionen von gegenstandsbezogenen Überlegungen.
Damit läuft eine kritische Theorie der Gesellschaft Gefahr imperativistische Praxisorientierung zu erzeugen. Die Anbindung von Praxisfragen ans Alltagsleben muss aber immer von Theoriebildung selbst bestimmt sein und darf nicht „strategiezistisch“ umgeformt und von ihr abgespalten werden. Eine solche Umformung nämlich würde Theoriebildung immer schon mit einem von ihr abgekoppelten Praxismuster einengen, oder die kritische Reflexion sogar einem Primat der Praxis ausliefern.
Zurück zum Kongressablauf. Der Workshop der AG „Arbeit und Geschlechterverhältnisse im Postfordismus“ stellte weitgehend Bekanntes zum wertkritischen Blick auf Geschlechterkonstruktion dar und schloss argumentativ an die einleitenden Worte von Norbert Trenkle am Vortag an, indem die logische Simultaneität von Wert und Geschlecht betont wurde. Die Wertabspaltung wurde als Dichotomisierung der Geschlechter und dessen prozessuale Verallgemeinerung ausgeführt. Der postoperaistische Blickwinkel verband den Workshop mit der Diskussion über „Immaterielle Arbeit, Ware Wissen und Biopolitik“, indem die geschlechtliche Fixierung von affektiver und immaterieller Arbeit akzentuiert wurde. Eben weil dieser Workshop in die anderen Veranstaltungen gut eingebettet war, wirkte er nicht wie eine Alibiveranstaltung und ließ den Kongress aus der vorab vermuteten inhaltlichen Einseitigkeit heraustreten.
Viel tiefergehendere Betrachtungsweisen hätte ich mir (nicht nur) in der Diskussion zwischen Michael Heinrich und Norbert Trenkle gewünscht, die den Begriff der Krise darstellten. Trenkle führten die bekannte These von einem Abschmelzen der Wertmasse dar und erstaunte Skeptiker (u.a. Heinrich) durch seine Aussage, die sich aus dem Abschmelzen ergebende Krisensituation sei keineswegs als Ende des Kapitalismus zu begreifen. Vage blieb leider, warum sich dann diese akute Krise von anderen Verwertungskrisen des Kapitals großartig unterscheidet und welche Mechanismen sie evozierten. Außerdem blieb er dem Publikum die Ausführung schuldig, wieso immaterielle Arbeit keinen Wert schafft.
Seine empirischen Hinweise auf aktuelle globale Erscheinungsformen der Krise unterschieden sich zwar wohltuend von beispielfreien Ausführungen anderer Referenten, blieben aber mit seinen theoretischen Darlegungen eher unverbunden stehen. Das führte dazu, dass seine empirische Diagnose ziemlich fehlerhaft ausfiel: er beschrieb eine vermeintliche Konkurrenz zwischen den wertgenerierenden Kernsektoren und den prekär Beschäftigten als Grund und Hinweis für ein Abschmelzen der Wertmasse, ignorierte damit aber die reale Verfasstheit der globalen Wertschöpfungsketten. Kernsektor und prekäre Beschäftigung existieren meist nämlich eben nicht in einem Konkurrenzverhältnis, sondern sind als Teile weitläufiger Verwertungslinien miteinander vermittelt.
Heinrich übte dann weitgehend Kritik an Trenkles Überlegungen und verwies besonders auf die Restrukturierungspotenz der kapitalistischen Produktionsweise und die Präsenz billiger Arbeitskraft auf dem Weltmarkt, die eine Produktivkraftentwicklung behindert.
Zwar dürfte ein Hinweis auf die Restaurationsfähigkeit des Kapitalismus nur wenige Linke überraschen. Allerdings scheint mir Heinrichs Bemerkung sinnvoll zu sein, da Restrukturierung nicht erst nach einer großen Krise erfolgen muss, sondern simultan zu krisenhaften Tendenzen verlaufen kann und damit krisenpräventiv wirkt.
Die folgende Diskussion war für mich eine der interessantesten des Kongresses, da mir der Ansatz der Keimform-Theorie noch gänzlich unbekannt war. Stefan Meretz stellte am Beispiel freier Software Anknüpfpunkte einer emanzipatorischen Bewegung dar und war wohl einer der ersten Referenten, dessen Thema mit dem Motto des Kongresses inhaltlich etwas zu tun hatte: erstmals ging es tatsächlich um eine wirkliche Möglichkeit des titelgebenden „way out“.
Indem Meretz richtigerweise auf den fragwürdigen Erkenntnisgewinn der Kategorie immaterieller Arbeit hinwies, führte er die Unterscheidung in produktive und unproduktive Arbeit an. Daraufhin wurde zwischen abstrakt-allgemeiner und konkret-allgemeiner Arbeit differenziert. Konkret-allgemeine Arbeit bedürfe keiner Vermittlung über den Wert mehr, um als gesellschaftliche Arbeit zu gelten, sondern sei bereits unmittelbar vergesellschaftet, eben als Arbeit die einmal getan werden muss und damit jeder Person zur freien Verfügung steht. Dadurch existiere ein spontaner Kommunismus, sofern diese Arbeit nicht durch das Kapital nutzbar gemacht und damit beschränkt wird. An diesem Punkt wurde seine Argumentation auf kategorialer Ebene meiner Meinung nach allerdings etwas unklar. Die Strategien des Kapitals in der Nutzbarmachung dieser Arbeit als Kommodifizierung wurden in künstlicher Verknappung gesehen. Das ist zwar sicherlich als basale Bedingung des Warentauschs und der Kapitalakkumulation richtig, ignoriert aber weitergehende Fragestellungen: wie wird Wert in dieser künstlichen Verkappung erzeugt? Kann sich der Negativaufwand von Unternehmen in Form künstlicher Verknappung auf gesamtgesellschaftlicher Ebene als unnötige Arbeit herausstellen und Verluste erzeugen? Wird einer bürgerlichen Vorstellung von Knappheit als Determinante des Wert theoretisch der Weg geebnet? Ist die Nutzbarmachung von freier Software nicht vergleichbar mit ursprünglicher Akkumulation, also einem Aneignungsprozess unter kapitalistischen Verhältnissen, der von sozialen Akteuren innerhalb bestehender Ordnungen nicht rückgängig gemacht werden kann? Es scheint also in diesen Aneignungsprozessen ein Machtverhältnis gespiegelt zu sein, welches ein klarer Hinweis auf den Primat der Kapitalinteressen ist, dem anscheinend notwendigerweise auch Elemente konkreter Allgemeinheit ausgeliefert sind.
Weiterführend zerging Meretz nicht in optimistischem Freisoftwareenthusiasmus, sondern problematisierte den Nutzen der privaten Wirtschaft von den Formen freier Software als Mittel im Konkurrenzkampf. Dennoch schien er zu ignorieren, dass die Freigabe der Software bloß eine höhere Stufe im Prozess der Kapitalakkumulation erzeugen würde. Beispielhaft hierfür steht wohl eine Aussage des Präsidenten Rumäniens, der zugab: “Rumänien wurde mit Windows-Piraterie aufgebaut.”. Der kapitalistische Nutzen von Software bestand in diesem Fall also eben nicht in der Beschränkung, sondern in der Entgrenzung von Wissen.

P.S.: Den Bericht setze ich ggf. die nächsten Tage fort. Der Kongress war m.E. ziemlich gut organisiert, es gab einen Kongress-Reader und einführende Begriffserläuterungen. Außerdem gab’s Ausgaben des GSP, der Jungle World und einen Reader zu studentischen Verbindungen und weiteres Infomaterial umsonst, was die Anfahrtskosten etwas kompensierte. EmanzipationoderBarbarei schreibt übrigens auch über den Kongress und Steffentreffen beschreibt zwei kuriose Wortmeldungen.

  1. Dies scheint ohnehin ein Problem des Postoperaismus zu sein: anstatt dialektisch-materialistischer Begriffsentwicklung herrscht die Definition positiver Begriffe, z.B. der immateriellen Arbeit [zurück]

2 Antworten auf “„Ich bin ein revolutionäres Subjekt, holt mich hier raus!“”


  1. Gravatar Icon 1 Benni Bärmann 11. Dezember 2007 um 10:45 Uhr

    Wenn der Keimformansatz für Dich neu und interessant ist, solltest Du vielleicht mal unser Blog besuchen. Den Vortrag von Stefan kann man übrigens auch online diskutieren: http://www.opentheory.org/immaterielle_arbeit/text.phtml

  1. 1 No way out? (Jetzt aber wirklich) | Karwan Baschi | Paules Blog Pingback am 12. Dezember 2007 um 18:05 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.