Archiv für Dezember 2007

Der affirmative Charakter bürgerlicher Kulturkritik

Die Angst steht am Anfang aller idealistischen Lehren, die höchste Glückseligkeit in der ideellen Praxis zu suchen: Angst vor der Unsicherheit aller Lebensverhältnisse, vor dem „Zufall“des Verlusts, der Abhängigkeit, des Elends, aber auch Angst vor der Sättigung, dem Überdruß, dem Neid der Menschen und Götter. Doch die Angst um das Glück, welche die Philsophie zur Trennung des Schönen und Notwendigen getrieben hatte, hält die Forderung nach Glück noch in der getrennten Spähre aufrecht. Herbert Marcuse

Mit der Logik der Konsequenz und dem Pathos der Wahrheit könnte daher die Kulturkritik fordern, daß die Verhältnisse durchaus auf ihren materiellen Ursprung reduziert, rücksichtslos und unverhüllt nach der Interessenlage zwischen den Beteiligten gestaltet werden müßten. (…) Würde man aber radikal danach handeln, so würde man mit dem Unwahren auch alles Wahre ausrotten… Theodor W. Adorno

Diese Reduktion auf die Macht des Faktischen würde die Philosophie zudem um ihr überschreitendes und hoffnungsvolles Denken bringen. Hoffnung jenseits von Positivismus und Spekulation findet keine theoretische Fortführung mehr, sondern weicht der universal und überhistorisch erscheinenden Macht der bürgerlichen Gesellschaft. Die bloße Existenz derselben befreit sie von jeder Rechtfertigung. Die liberale Theorie der Gesellschaft baut diesen Schutzpanzer ideologisch aus: der Versuch die Gesellschaft rational zu ordnen sei im Kern zum Scheitern verurteil. Demgegenüber steht die dem Denken vorausgesetzte Kapitulation vor der Faktizität der falschen Gesellschaft und die Zurückdrängung der Ratio in den Bereich des Privaten.

Das erwähnte Motiv der Kulturkritik basiert auf der Perpetuierung des Individuum als theoretisches Primat der Gesellschaftlichkeit. Sie beinhaltet die Perspektive der mondaischen Isolierung, indem sie sich in den Bereich der praktischen Handlungsanleitung der ökonomischen Kalkulation ohne den retardierenden Schleier der Kultur begibt und zeichnet sich durch ein instrumentelles Verhältnis zum falschen Ganzen aus. Dessen Transzendierung ist daher bereits in der Setzung des Individuum als Denkvorraussetzung negiert.
Es muss daher im Besonderen der Bezug zur falschen Allgemeinheit reflexive Präsenz zeigen, ohne das Besondere gedanklich zu tilgen. Dann ist kritische Theorie die adäquate Reflexion der aktuellen Gesellschaft, ohne dessen falsche Aufhebung oder die Apologie des Bestehenden zu befördern.

Du bist schon wieder Deutschland!

Die „Du bist Deutschland“ Social-Marketing-Kampagne wurde neu aufgelegt. Der Fernsehkonsument muss sich kein drogenschwangeres Gefasel mehr anhören, sondern bekommt die Message nun in säuselnder und volksnaher Alltagssprache um die Ohren gehauen. Zudem sind neue inhaltliche Akzentuierungen bemerkbar, die mitnichten die Grundmotivation tangieren, aber einzelne Aspekte durchaus anders thematisieren. Sicherlich hat das schon mit einer veränderten Addressatenschicht zu tun, die Deutschland wieder mehr Kinder zeugen soll: individualistische Akademiker/innen.
Interessant ist außerdem die Differenz zu bisherigen demographischen Diskursen: weder ein großer Aufschrei noch Zahlen und Daten bestimmen den Filmverlauf. Dennoch gibt es fatale Übereinstimmungen, die sich aus dem Anliegen selbst ergeben.

Hauptthema des Spots ist die abstrakte Fixierung auf die familiäre oder individuelle Sphäre und deren nationalistische Kontextualisierung. Konkrete gesellschaftliche Verhältnisse werden nicht betont und keine explizit politischen Aussagen geformt.
Der Werbefilm kommt als quasi-unpolitisches Machwerk daher und beansprucht als solches – unabhängig und neutral – Tatsachen und Wahrheiten an den Mann oder die Frau zu bringen. Der Spot bietet keine politischen Hiobsbotschaften über ein etwaiges Aussterben der Deutschen und appelliert auch nicht direkt ans nationalistische Verantwortungsgefühl des Einzelnen für den Standort D.
Hier liegt ein bedeutsamer Unterschied zu dem alten Film, der eine Identität nationaler und individueller Zielgebung viel klarer Verdeutlichte.
Dem neuen Spot hingegen, der sich auf den privaten Bereich des Individuellen einlässt, fehlt eine appellative Ebene fast völlig.
Vielmehr wird Leid und Freud des idealtypischen Akademikerpärchens mit dessen Kindern ausgemalt, während offen politisch-soziale Botschaften den Spot gar nicht belasten sollen. Der Spot suggeriert also nicht nur, neutrale Objektivität darzulegen, sondern verlegt den Blickwinkel ins Private und Innerliche und schließt daher eine gesellschaftliche oder politische Perspektive aus. Charakteristisch ist damit auch jegliches Fehlen eines kontroversen Bezugspunktes skeptischer oder problematisierender Reflexion.
Darin liegt allerdings keine ideologische Entschärfung, sondern die emotionale und schwammige Allgemeinheit übertrumpft den kritischen Einzelstandpunkt von vornherein.
Dementsprechend basiert der Spot auch auf Entscheidungsfreiheit der Einzelnen. Kein Akademiker und keine Akademikerin soll ermahnend gemaßregelt oder strafend zur Verantwortung geführt werden. Vielmehr soll sich jeder selbstständig und frei für sein individuelles Glück entscheiden, „sich mit gesundem Menschenverstand einfügen“ (Adorno/Horkheimer).

Selbstverständlich zieht der Werbeclip zu seinem Ende eine nationalistische Konsequenz und es ist auch evident, dass sozial differenzierende Biopolitik zum Anliegen des Reklamestreifens gehört: „Man hat nur die Wahl, mitzutun oder hinterm Berg zu bleiben“ (Adorno/Horkheimer). Wer hinterm Berg bleiben muss zeigt der Kurzfilm sehr deutlich, denn „kinderlose“ Menschen und Rentner werden im Spot umsonst gesucht. Hier spiegelt sich nicht zuletzt der darwinistisch vorgestellte Kampf zwischen Jung und Alt, der die Demographiedebatte seit ihrem Anfang begleitet.
Außerdem zeugt der Spot auch nicht von durchdringlicher Ignoranz gegenüber deutsch-völkischen Merkmalen der erwünschten Kinder. Zwar propagiert der neue „Du bist Deutschland“-Clip keine völkischen Ideale, aber dennoch herrscht der ideologische Primat einheimischer Geburtenförderung anstelle der Anwerbung qualifizierter Arbeitskräfte.

Eine weitere Ebene liegt in der impliziten Aufforderung zum fatalistischen Abfinden mit der Realität, die durch das Kind neu und besser geschaffen werden soll. Das Familienleitbild wird als ein „heroischer Pauperismus“ (Marcuse) erzeugt.
Dabei wird die kapitalistische Totalität als sinnstiftendes Element ideologisch privatisiert. Die Teilhabe am Ganzen soll dem privaten Bereich einen tieferen Sinn verleihen, indem aus der zwangsläufigen Angewiesenheit des Besonderen auf das Allgemeinen die Essenz des Glücks gezogen wird: „Du hast Mutter und Vater und brauchst doch das ganze Land, um glücklich aufzuwachsen.“.
Die überindividualistisch erscheinende Lebensweise soll mit den Grenzen des Individualismus Frieden schließen, indem Reglementierungen als notwendige Einschränkungen und damit als Beitrag zum eigenen Glück verstanden werden. Da diese Beschneidung keine rationale Rechtfertigung kennt muss dessen Legitimierug auf irrationale Prinzipien zurückgreifen, die von dem Clip normativ aufgeladen werden: Familie, Volk, Nation und Deutschland. Aber auch tiefsinnig erscheinende Schlagwörter wie „Unbezahlbarkeit“, „Zukunft“ und „Glück“ –die allesamt in Abstraktionen stecken bleiben – verschleiern die Irrationalität der individuellen Selbstbegrenzung. Dies vollzieht sich indem der selbstständigen Einengung ein transzendent und übernatürlich erscheinendes Ziel als „wertvolle Aufgabe“ zugetragen wird, nämlich die Geburt eines Kindes.
Aber selbst das naheligend erscheinende individuelle „Glück“ ist keineswegs garantiert, sondern existiert bloß ideell reduziert. Die Individuation des Glücks soll dessen wirkliche Abwesenheit in Form eines individuellen Glücksversprechens unabhängig von gesellschaftlichen Umständen ausgleichen und in den Verantwortungsbereich der einzelnen Familie als Wille zur Kinderfreundlichkeit delegieren.
Der Spot zeigt daher recht anschaulich, wie ein genuin liberalistisches Gesellschaftsverständnis bemerkenswert eng mit faschistoiden Motiven verschränkt ist: die bedingungslose Akzeptanz des Faktischen gilt beiden als Rechtfertigung für die „radikale Entwertung des Logos als des offenbarenden und entscheidenden Wissens“ (Marcuse).

„Ich bin ein revolutionäres Subjekt, holt mich hier raus!“

Das Wochenende und der „…ums Ganze!-Kongress“ ist vorbei, ich musste wieder in die Schule und ein way out lässt sich nach wie vor nicht finden.
Trotzdem war der Kongress kein Desaster und ein inhaltlicher Rückblick lohnt.
Der erste Tag des Kongresses war mit Einführungen in diverse Theorieströmungen belegt und nicht ungeheuer aufregend, wenngleich die Einführung in den Postoperaismus nicht verständlich gelang und daher am zweiten Tag in der Diskussion zum Begriff der Arbeit nachgeholt wurde.
Während dieser Diskussion zeichneten sich durchaus schon theoretische Kollisionslinien von Postoperaismus und Wertkritik ab, die aber leider nicht verfolgt wurden. Auch in den folgenden Referaten und Diskussionen herrschte eher eine isolierte Parallelität der theoretischen Ausgangspunkte, als eine vermittelnde Diskussion, die ja eigentlich wesentliches Ziel des Kongresses war. Das überrascht allerdings nicht großartig, weil die Diskutanten teilweise gekonnt aneinander vorbeiredeten oder in oberflächlicher Toleranz ihrer Standpunkte verharrten.
Dabei hätte eine vertiefende Diskussion sicherlich Fruchtbares bewirken können. Während der wertkritischen Position die theoretische Verbindung zu sozialen Kämpfen abhanden gekommen schien, erweckte der postoperaistische Standpunkt den Eindruck, in strategischen Bewegungsfragen verloren zu gehen. Zwar betonte Trenkle in seinem Einführungsreferat zurecht, dass die durch ihn vertretene Position keineswegs blind gegenüber den verschiedenen Formen der sozialen Auseinandersetzung ist, da die Totalität von Wert und Arbeit immer auf der Konstruktion eines nicht vernünftigen Anderen beruht. Allerdings musste er sich durchaus den Vorwurf gefallen lassen, seine Position beherberge die Gefahr einer idealistischen Wendung. Hier hätten weiterführende Diskussionen eingreifen sollen.
Die Fassung der Vielheit von sozialen Auseinandersetzung in der Bezeichnung Multitude des Postoperaismus scheint mir aber keineswegs eine gute Alternative zu sein, sondern enthält selber eine erhebliche Entfernung von materialistischer Analyse. Auch weil diese Beschreibung nicht nur leicht schwammig, sondern deutlich undifferenziert ist.
Jede Form der widerständigen Auseinandersetzung wird unter die Beschreibung der Multitude summiert. Damit bleibt diese Bezeichnung aber im wesentlichen bloß an Erscheinungsformen von Widersprüchen geheftet und ist daher ein phänomenologischer Strategiebegriff.1
Thomas Seibert erläuterte die Multitude zwar als Zusammenfassung heterogener und somit auch reaktionärer Kämpfe und deckte damit den Schein eines eventuell romantisierenden Gehalts auf. Diese Vertiefung führte allerdings keine wirklich begrifflichen Überlegungen ein, sondern entwickelte eine Bewegungstaktik: reaktionäre Bewegungen müssten demnach in umfassender Kommunikation mit anderen sozialen Akteuren verbunden und damit dann progressiv beeinflusst oder abgesprengt werden.
Zwar ist es sicherlich fatal soziale Auseinandersetzungen theoretisch per se in erklärt reaktionäre Gefilde zu verbannen, dennoch müssen Grenzen der Kommunikation zwischen sozialen Protestformen gefunden werden. Der deskriptive Begriff der Multitude scheint wegen seiner unterschiedsloser Hinnahme der gegebenen Kämpfe diese Grenzen aus sich selbst heraus nicht definieren zu können. Höchstens kann ihm ein normativer Standpunkt von außen beigebracht werden, der z.B. die Zusammenarbeit mit Islamisten verbietet. Dies aber lässt kritische Theorieproduktion zur Farce werden, weil damit der immanente Anteil kritischer Analyse durch ein moralisierendes Element ersetzt wird.
Hier scheint mir auch das tiefliegendere Problem vom Konzept „Multitude“ zu liegen:
im Postoperaismus gibt es offenbar eine Abspaltung praxistheoretischer Reflexionen von gegenstandsbezogenen Überlegungen.
Damit läuft eine kritische Theorie der Gesellschaft Gefahr imperativistische Praxisorientierung zu erzeugen. Die Anbindung von Praxisfragen ans Alltagsleben muss aber immer von Theoriebildung selbst bestimmt sein und darf nicht „strategiezistisch“ umgeformt und von ihr abgespalten werden. Eine solche Umformung nämlich würde Theoriebildung immer schon mit einem von ihr abgekoppelten Praxismuster einengen, oder die kritische Reflexion sogar einem Primat der Praxis ausliefern.
Zurück zum Kongressablauf. Der Workshop der AG „Arbeit und Geschlechterverhältnisse im Postfordismus“ stellte weitgehend Bekanntes zum wertkritischen Blick auf Geschlechterkonstruktion dar und schloss argumentativ an die einleitenden Worte von Norbert Trenkle am Vortag an, indem die logische Simultaneität von Wert und Geschlecht betont wurde. Die Wertabspaltung wurde als Dichotomisierung der Geschlechter und dessen prozessuale Verallgemeinerung ausgeführt. Der postoperaistische Blickwinkel verband den Workshop mit der Diskussion über „Immaterielle Arbeit, Ware Wissen und Biopolitik“, indem die geschlechtliche Fixierung von affektiver und immaterieller Arbeit akzentuiert wurde. Eben weil dieser Workshop in die anderen Veranstaltungen gut eingebettet war, wirkte er nicht wie eine Alibiveranstaltung und ließ den Kongress aus der vorab vermuteten inhaltlichen Einseitigkeit heraustreten.
Viel tiefergehendere Betrachtungsweisen hätte ich mir (nicht nur) in der Diskussion zwischen Michael Heinrich und Norbert Trenkle gewünscht, die den Begriff der Krise darstellten. Trenkle führten die bekannte These von einem Abschmelzen der Wertmasse dar und erstaunte Skeptiker (u.a. Heinrich) durch seine Aussage, die sich aus dem Abschmelzen ergebende Krisensituation sei keineswegs als Ende des Kapitalismus zu begreifen. Vage blieb leider, warum sich dann diese akute Krise von anderen Verwertungskrisen des Kapitals großartig unterscheidet und welche Mechanismen sie evozierten. Außerdem blieb er dem Publikum die Ausführung schuldig, wieso immaterielle Arbeit keinen Wert schafft.
Seine empirischen Hinweise auf aktuelle globale Erscheinungsformen der Krise unterschieden sich zwar wohltuend von beispielfreien Ausführungen anderer Referenten, blieben aber mit seinen theoretischen Darlegungen eher unverbunden stehen. Das führte dazu, dass seine empirische Diagnose ziemlich fehlerhaft ausfiel: er beschrieb eine vermeintliche Konkurrenz zwischen den wertgenerierenden Kernsektoren und den prekär Beschäftigten als Grund und Hinweis für ein Abschmelzen der Wertmasse, ignorierte damit aber die reale Verfasstheit der globalen Wertschöpfungsketten. Kernsektor und prekäre Beschäftigung existieren meist nämlich eben nicht in einem Konkurrenzverhältnis, sondern sind als Teile weitläufiger Verwertungslinien miteinander vermittelt.
Heinrich übte dann weitgehend Kritik an Trenkles Überlegungen und verwies besonders auf die Restrukturierungspotenz der kapitalistischen Produktionsweise und die Präsenz billiger Arbeitskraft auf dem Weltmarkt, die eine Produktivkraftentwicklung behindert.
Zwar dürfte ein Hinweis auf die Restaurationsfähigkeit des Kapitalismus nur wenige Linke überraschen. Allerdings scheint mir Heinrichs Bemerkung sinnvoll zu sein, da Restrukturierung nicht erst nach einer großen Krise erfolgen muss, sondern simultan zu krisenhaften Tendenzen verlaufen kann und damit krisenpräventiv wirkt.
Die folgende Diskussion war für mich eine der interessantesten des Kongresses, da mir der Ansatz der Keimform-Theorie noch gänzlich unbekannt war. Stefan Meretz stellte am Beispiel freier Software Anknüpfpunkte einer emanzipatorischen Bewegung dar und war wohl einer der ersten Referenten, dessen Thema mit dem Motto des Kongresses inhaltlich etwas zu tun hatte: erstmals ging es tatsächlich um eine wirkliche Möglichkeit des titelgebenden „way out“.
Indem Meretz richtigerweise auf den fragwürdigen Erkenntnisgewinn der Kategorie immaterieller Arbeit hinwies, führte er die Unterscheidung in produktive und unproduktive Arbeit an. Daraufhin wurde zwischen abstrakt-allgemeiner und konkret-allgemeiner Arbeit differenziert. Konkret-allgemeine Arbeit bedürfe keiner Vermittlung über den Wert mehr, um als gesellschaftliche Arbeit zu gelten, sondern sei bereits unmittelbar vergesellschaftet, eben als Arbeit die einmal getan werden muss und damit jeder Person zur freien Verfügung steht. Dadurch existiere ein spontaner Kommunismus, sofern diese Arbeit nicht durch das Kapital nutzbar gemacht und damit beschränkt wird. An diesem Punkt wurde seine Argumentation auf kategorialer Ebene meiner Meinung nach allerdings etwas unklar. Die Strategien des Kapitals in der Nutzbarmachung dieser Arbeit als Kommodifizierung wurden in künstlicher Verknappung gesehen. Das ist zwar sicherlich als basale Bedingung des Warentauschs und der Kapitalakkumulation richtig, ignoriert aber weitergehende Fragestellungen: wie wird Wert in dieser künstlichen Verkappung erzeugt? Kann sich der Negativaufwand von Unternehmen in Form künstlicher Verknappung auf gesamtgesellschaftlicher Ebene als unnötige Arbeit herausstellen und Verluste erzeugen? Wird einer bürgerlichen Vorstellung von Knappheit als Determinante des Wert theoretisch der Weg geebnet? Ist die Nutzbarmachung von freier Software nicht vergleichbar mit ursprünglicher Akkumulation, also einem Aneignungsprozess unter kapitalistischen Verhältnissen, der von sozialen Akteuren innerhalb bestehender Ordnungen nicht rückgängig gemacht werden kann? Es scheint also in diesen Aneignungsprozessen ein Machtverhältnis gespiegelt zu sein, welches ein klarer Hinweis auf den Primat der Kapitalinteressen ist, dem anscheinend notwendigerweise auch Elemente konkreter Allgemeinheit ausgeliefert sind.
Weiterführend zerging Meretz nicht in optimistischem Freisoftwareenthusiasmus, sondern problematisierte den Nutzen der privaten Wirtschaft von den Formen freier Software als Mittel im Konkurrenzkampf. Dennoch schien er zu ignorieren, dass die Freigabe der Software bloß eine höhere Stufe im Prozess der Kapitalakkumulation erzeugen würde. Beispielhaft hierfür steht wohl eine Aussage des Präsidenten Rumäniens, der zugab: “Rumänien wurde mit Windows-Piraterie aufgebaut.”. Der kapitalistische Nutzen von Software bestand in diesem Fall also eben nicht in der Beschränkung, sondern in der Entgrenzung von Wissen.

P.S.: Den Bericht setze ich ggf. die nächsten Tage fort. Der Kongress war m.E. ziemlich gut organisiert, es gab einen Kongress-Reader und einführende Begriffserläuterungen. Außerdem gab’s Ausgaben des GSP, der Jungle World und einen Reader zu studentischen Verbindungen und weiteres Infomaterial umsonst, was die Anfahrtskosten etwas kompensierte. EmanzipationoderBarbarei schreibt übrigens auch über den Kongress und Steffentreffen beschreibt zwei kuriose Wortmeldungen.

  1. Dies scheint ohnehin ein Problem des Postoperaismus zu sein: anstatt dialektisch-materialistischer Begriffsentwicklung herrscht die Definition positiver Begriffe, z.B. der immateriellen Arbeit [zurück]