Bürgerliche Rebellion: Konsumkritik

Elser reflektiert über die Methodologie der Kritik der Konsumkritik und Juli von EmanzipationoderBarbarei überdenkt die Parole „Luxus für alle!“.
Das soll Anlass genug sein, ein paar Gedankenfetzen zur Konsumkritik bzw. zum „bewußten Konsumieren“ loszuwerden.

Wenn man von den beschränkten Wirkungen eines fairen oder nachhaltigen Konsumverhaltens absieht, ist der implizite Hinweis auf die angebliche Gestaltungsmacht des Einzelnen bedeutend, der in der Betonung einer „Macht des Konsumenten“ immer mitschwingt.
Kritisches Nachdenken des Einzelnen wird durch sie nämlich in den marktkonformen Habitus des Verbrauchers übersetzt. Kritische Reflexion wird in dieser zur Frage der individuellen Ausrichtung privater Angelegenheiten. Damit geht dann jeder Überlegung der politische Anspruch auf gesellschaftliche Transformation verloren, da politische Intervention sich zur Form privaten Lifestyles verengt. Die warenproduzierende Gesellschaft steht in diesem Konzept oft nicht mehr im Bezug zu Ausbeutungsverhältnissen, sondern diese scheinen erst durch fehlende Moralität und disziplinlose Konsumfreudigkeit des Einzelnen verursacht.
Damit bleibt Konsumkritik eng mit dem bürgerlichen Gerede von „Partizipation“ und „Empowerment“ des Konsumenten verbunden. Auch sonst bleibt Konsumkritik auf dem Boden einer staatsbürgerlichen Vorstellungswelt stehen.

Die gesellschaftliche Dimension mischt sich einem solchen Verständnis nämlich häufig in Form eines elitären Kulturkonservativismus bei. Dieser behauptet einen Widerspruch zwischen Kultur und Markt und denunziert elitär die moderne Kultur als Massenkultur. Echte Kultur und Kunst scheint dann von billigen Produkten oder proletarischen Massen beschmutzt. „Die Reinheit der bürgerlichen Kunst, die sich als Reich der Freiheit im Gegensatz zur materiellen Praxis hypostasierte, war (aber) von Anbeginn mit dem Ausschluss der Unterklasse erkauft“ (Adorno/Horkheimer) und ist damit nicht Gegenpol, sondern Teil des falschen Ganzen.
Adorno schreibt von der Kulturindustrie, sie hebe die Spaltung der Kunst in ernste und leichte in einer ästhetischen Synthetisierung oder einem ästhetischen Eklektizismus auf, anstatt über gesellschaftliche Revolutionierung die Vorraussetzungen der Spaltung anzugreifen. Konsumkritik hingegen geht ideell über die Addierung der Kunsttypen im ästhetischen und daher begrenzten Raum hinaus, indem letzterer praktisch entgrenzt wird und sich damit totaler entfaltet: dem konsumistisch und dekadent empfundenem Lebensstil, wird Verzichtslogik, Askese oder „bewußtes Einkaufen“ gegenübergestellt, um so – auf das „Eigentliche“ konzentriert – authentisch Leben zu können. So wird eine Ästhetisierung des Privaten vollzogen.

Dieser Schritt wird meist auch als selbsttherapeutische Individualbefreiung vollzogen. Die Ware wird nicht als Produkt der Einheit von Produktion und Konsumtion verstanden, sondern geht als begriffliche Differenzierung selber verloren. Dies geschieht, indem auf phänomenologischer Ebene der Warenfetisch als individuelle Markenfixierung und Überhöhung von Konsumgütern verstanden wird und verschiedene Produkte als Ausdruck konsumistischer Kaufsucht erscheinen. Ein bestimmtes Konsumverhalten wird gedanklich von konstituierenden Faktoren abgekoppelt und als „Konsum-Ideologie“ idealistisch als Krankheitsbild oder Wahnvorstellung des Einzelnen gebrandmarkt.
Diese Abspaltung und Dekontextualisierung sozialer Phänomen verbindet Konsumkritik strukturell mit verschiedenen Spielarten verkürzter Kapitalismuskritik und bildet ein vielseitiges Feld ideologischer Beliebigkeit.
Konsumkritik bildet daher die Grundlage einer breite Palette unvermittelt-vermittelt politisch-ideologischer Überzeugungen.
Neben kulturalistischen Relativisten, spießbürgerlichen Genussfeinden, Attac-Linken und Ökologiebewegten verstehen sich ebenso anti-amerikanische Ideologen und Anhänger des nationalen Sozialismus als Wächter der reinen Gemeinschaft.
Während es den einen um den Schutz kultureller Hoheit oder volkskörperlicher Gesundheit geht, wollen die anderen in der Beschränkung auf das Individuelle die letzte Artikulationsmöglichkeit politischer Ideen entdeckt haben. Meistens sind diese beiden Stränge aber miteinander ergänzt und in verschiedener Weise ausformuliert.

Die Auflösung gesellschaftlich erzeugter Problemlagen soll im besten Fall also individuell gebündelt werden. Der Kauf von Fair-Trade Produkten und Bio-Waren ist aber bloß eine nachholende und partikulare Verbesserung. In einem solchen immerwiederkehrenden Prozess kann individuelle Emanzipation aber kaum erfolgen. Auswirkungen der Kapitalakkumulation können – wenn überhaupt – nur beschränkt gemildert werden. Diese Milderung vollzieht sich aber immer nur als spiegelbildliche Korrektur kapitalistischer Produktion immanenter, sich ständig wiederholender Prozesse. Bedürfnisorientierung ist unter solchen Umständen also im besten Fall die auf die zermürbende Permanenz von Gegengewalt fixiert.


2 Antworten auf “Bürgerliche Rebellion: Konsumkritik”


  1. Gravatar Icon 1 Andre Kistner 07. April 2008 um 9:32 Uhr

    Ihre Argumentationsweise finde ich sehr schlüssig und ich stimme Ihnen weitgehend zu. Dennoch: der gewissenhafte Mensch – solange er im Kapitalismus lebt – wird tagtäglich mit dem Widerspruch konfrontiert Dinge, also Waren, zu konsumieren, von denen er weiß, dass er das System, welches er eigentlich ablehnt, unterstützt. Es ist ein quälender Konflikt für den bewusst lebenden Menschen, denn er versucht auf seine Art und Weise zu kompensieren – so z.B, indem er seinen Konsumverzicht oder das ,,bewusste Konsumieren“ auf sein Privatleben reduziert. Was soll er den auch sonst anderes tun, außer den Kapitalismus abzuschaffen, was wir Linken ja tagtäglich predigen….Doch solange wir eine Minderheit sind wird dies uns wohl kaum gelingen. Darum partizipiren wir alle, jeder auf seine Art und Weise, am kapitalismusimmanenten Konsumverhalten, was schrecklich ist.

  1. 1 subwave - exakt neutral :: indydioten. heute: volxsport in berlin. Pingback am 12. November 2007 um 19:36 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.