Archiv für Oktober 2007

Theodor W. Adorno: Gespräche – Mit Ernst Bloch, Max Horkheimer, Eugen Kogon, Lotte Lenya, Arnold Gehlen, Hans Mayer

Kritische Notizen zum Freihandel und zur „Theorie komparativer Kostenvorteile“ (Zweiter Teil)

Fortsetzung des ersten Teils.

Die Wertschöpfungsketten1 und damit auch die diversen Produktionsschritte für die meisten Produkte sind global differenziert und relativ weiträumig verteilt. In den Hochlohnländern konzentrieren sich wirtschaftliche Aktivitäten, die hochqualifizierte (im marxschen Terminus „komplizierte“) Arbeitskraft erheischen. Vor allem diese Aktivitäten (z.B. Forschung, Design, Werbung) bleiben aus Gründen, die Marx „Ökonomie in der Anwendung der Produktionsmittel“ nannte, räumlich agglomeriert. Ihre Zerstreuung hätte, im Gegenteil zu anderen Momenten der Produktion, keine Kostenminimierung zur Folge. Die Löhne der Beschäftigten in diesen kapitalintensiven Aktivitäten befinden sich meist auf einem hohen Niveau, da ihre Arbeitskraft nicht sonderlich fungibel ist. Im Gegenteil dazu ist der Lohn der Beschäftigten in den häufig ausgelagerten Produktionsbereichen, die einfache Durchschnittsarbeit benötigen, äußerst gering.
Diese globale Aufteilung von Kapitalintensiven und Arbeitsintensiven Produktionsmethoden und der anschließende Austausch ihres Produkts wird von der Theorie der komparativen Kostenvorteile ausdrücklich empfohlen.
Unter Bedingungen kapitalistischer Warenproduktion bedeutet diese Aufteilung jedoch ungleichen Tausch.
Im Folgenden muss zwischen den Produktionsabläufen der Wertschöpfungskette einer Ware und zwischen voneinander völlig getrennten Produktionsprozessen unterschieden werden. Zunächst geht es um diese getrennten Produktionsprozesse verschiedener Waren, die sich aber auch durch die globale Aufteilung von arbeits- und kapitalintensiver Produktion auszeichnen.
Globalisierung
In der kapitalintensiveren Produktion nimmt Arbeitsproduktivität gegenüber der arbeitsintensivern Produktion viel bedeutender zu, da hoher Technisierungsgrad eine große Vielfalt der Produktivitäts- und Rationalisierungsmöglichkeiten zulässt.
Ein Beispiel kann die Folgen verdeutlichen: während in der kapitalintensiven Produktion im Norden Agrarmaschinerie produziert wird, stellt ihr Pendant im Süden Genussmittel, etwa Kaffee, her.
Eine Verdoppelung der Produktivität im ersten Bereich bedeutet also, dass Menschen in der Genussmittelproduktion für das gleiche Produkt doppelt solange arbeiten müssten, um die Tauschrelationen aufrechtzuerhalten.
Häufig wird argumentiert, dass der Produktivitätssteigerung meist ein Preisverfall folge und die Produkte billiger werden. Das stimmt zwar, allerdings (und das ist überhaupt der Grund für kapitalistische Unternehmen eine Produktivitätssteigerung durchzusetzen2) werden die erzeugten Güter nicht im Umfang der Reduktion der Arbeitszeit verbilligt. Dies läuft effektiv auf eine Verarmung der Produktionsbereiche im Süden hinaus.
Nun gilt es, die Konkurrenz zwischen den verschiedenen Ebenen einer Wertschöpfungskette zu betrachten, die meist auch zwischen Norden und Süden differenziert ist. Die ausgelagerten Produktionsmomente mit niedriger Entlohnung bedeuten eine Spezialisierung wesentlicher Teile des formellen Sektors einer Volkswirtschaft auf ebendieses Produktionsmoment. Hier kann die Herstellung von Halbfertigwaren als Beispiel dienen. Diese Spezialisierung kann, dies bleibt in der Theorie der komparativen Kostenvorteile unterbelichtet, von einem anderen Betrieb oder einer produktiveren Nationalökonomie mit jedoch ähnlich niedrigen Löhnen, übernommen werden. Solche Prozesse marktvermittelter Konkurrenzentfaltung haben nicht selten die Abkopplung ganzer Landesteile vom Weltmarkt zur Folge.
Die geringere Produktivität arbeitsintensiver Produktion muss in der globalen Konkurrenzsituation also immer mit einem scharfen Intensivierungsgrad und möglichst großer Verbilligung der Arbeitskräfte kompensiert werden, um sich im Wettbewerb behaupten zu können.
Es gibt also eine Konkurrenzspirale armer Länder, die für ihren Produktionsstandort häufig mit Gewerkschaftsverboten oder paramilitärischen Verbänden werben.
Die Orientierung auf unverarbeitete Agrarprodukte führt zudem noch schnell zu einem enormen Überangebot und zu darauffolgenden Preissenkungen und damit zu einem fehlenden oder mangelhaften Auskommen für die in der Agrarproduktion beschäftigten Arbeiter.
Globalisierung
Die Spezialisierung auf bestimmte Exportgüter, eben das Ideal der komparativen Kostenvorteile führt somit eben nicht hin zu einem steigenden Reichtum, sondern vielmehr setzt es die Konkurrenzmechanismen in Gang, welche den Lebensstandart breiter Bevölkerungsschichten auf niedrigem Niveau stagnieren lassen oder sogar zusätzlich herabsenken.3
Im vergleichsweise besten Fall folgt einer konkurrenzbegleiteten Konzentration auf ein Produkt, mit anschließender Abkopplung oder extremem Pauperisierung ein erneuter Spezialisierungsversuch. Letztere sind also nie bzw. kaum an natürliche Produktionsstandorte gebunden oder Resultate komplexer Kosten-Nutzen-Abwägungen, wie sie von der Theorie der komparativen Kostenvorteile unterstellt werden, sondern immer zwanghafte Anpassungen an konkurrenzvermittelte Marktgeschehnisse.
Dies zeigt also, dass die Theorie der komparativen Vorteile praktisch nichts als den Imperativ der erfolgsadäquaten Strukturierung und Anpassung eines Landes an den Sachzwang Weltmarkt bedeutet.
Die Theorie der komparativen Vorteile kann hieran anschließend analytisch-logisch problematisiert und Gründe für ihre Problemblindheit benannt werden. Ihr liegt ein sehr vereinfachendes Modell zweier Länder und zweier Güter, die nach den genannten Prinzipien des Modells produziert und ausgetauscht werden sollen zu Grunde. Es abstrahiert von Kategorien, die konstitutiv für die kapitalistische Produktionsweise stehen, da ihre Anschauungen der Sphäre der einfachen Zirkulation entlehnt sind, in welcher die Formen der kapitalistischen Produktion noch gänzlich unentwickelt existieren. Daher ist das Modell für Erörterungen einer kapitalistischen Warenproduktion, die sich aus verschieden miteinander verflochtenen Ebenen der Zirkulation und Produktion zusammensetzt ungeeignet, da die Dimension des Produktionsprozesses ausgespart bleibt und sich auf der Ebene einfacher Gleichgewichtsvorstellungen bewegt, die schon von Marx heftigst kritisiert wurden. Das Modell geht also von falschen kategorialen Vorraussetzungen aus. Der realen Verfasstheit der kapitalistischen Ökonomie wird ein simples Muster modellhafter Betrachtungen übergestülpt. Damit gehen aber alle Spezifika der zu erklärenden Produktionsweise theoretisch abhanden. Die Produktion wird aus dieser Perspektive lediglich als technische Notwendigkeit angesehen und an-sich betrachtet ohne den Konnex zur kapitalistischen Verfasstheit derselben zu analysieren.
Das „Ansichbetrachten (…) beweise haarscharf, daß alle jene handgreiflichen Widersprüche bloßer Schein der gemeinen Wirklichkeit, aber an sich, also auch in der Theorie gar nicht vorhanden sind.“ (Marx, Das Kapital)

  1. Die Abfolge der Tätigkeiten die zur Produktion eines fertigen Produkts nötig sind [zurück]
  2. Nach der Produktivitätssteigerung verteilt sich gleicher Wert über mehr Produkte. Der Wert der Ware ist jedoch nicht ihr individueller, sondern immer ihr gesellschaftlicher. Hat sich die neue Produktivität noch nicht verallgemeinert, kann der Kapitalist die Ware über ihrem individuellen Wert, aber unter ihrem gesellschaftlichen Wert verkaufen und dadurch einen Extramehrwert realisieren. [zurück]
  3. China, oft Musterbeispiel für die angeblich segensreichen Wirkungen liberalisierter Handelssituationen, setzte eben nicht auf die empfohlenen Mittel. Vielmehr wurde die Binnenwirtschaft von der Exportwirtschaft abgegrenzt und durch ein eigensinniges und protektionistisches Entwicklungskonzept der chinesischen Regierung eine Absage an die üblichen Liberalisierungsparadigmen erteilt [zurück]

Kritische Notizen zum Freihandel und zur „Theorie komparativer Kostenvorteile“ (Erster Teil)

Im ersten Teil werden ideologische Aspekte des Freihandelsgedankens als auch der Theorie komparativer Kostenvorteile und deren sozioökonomische Wirkungen im globalisierten Kapitalismus vorgestellt. Im zweiten Teil folgen dann später Ausführungen des ersten Teils. Zusätzlich werden darin die theoretischen Implikationen und Vorraussetzungen der dargestellten Theorie kritisch untersucht.

Die Liberalisierung des Welthandels, so die gängige Floskel liberaler Globalisierungseuphorie, etabliere eine internationale Arbeitsteilung, die jeder Nation ein ihr naturwüchsiges Produktionssegment zuweisen würde. Die Gesamtkombination dieser national parzellierten Produktionen würde sich in Gestalt umfassender Spezialisierung zum Vorteil aller Beteiligten realisieren. Jedes Land sollte sich dabei auf die Gütersorte spezialisieren, die es relativ billiger produzieren kann. Wirtschaftliche Aktivität soll sich also auf Felder effizientester Produktion konzentrieren und ineffiziente vernachlässigen. Die jeweilige Produktion realisiert dann einen relativen Kostenvorteil. Ganz grob ist damit schon die Theorie der komparativen Kostenvorteile, die ursprünglich von David Ricardo entwickelt wurde, umrissen. David Ricardo
In äußerst naiver Form zeigt sich der Gedanke, wenn behauptet wird, der globalisierte Handel lasse beide Tauschpartner monetär profitieren. Auch wenn dies auf die einzelne Transaktion bezogen stimmen mag und der Verkauf von Ware A über ihrem Wert (durch ein länderspezifisches Privileg etwa) gegeben sei, gleicht sich der wertmäßige Gewinn gesamt betrachtet jedoch aus, da die Wertverhältnisse zwischen den Waren unverändert bleiben müssen. Blieben sie dies nicht und könnte Ware A permanent teurer verkauft werden, müsste es zumindest ein Kapital geben, welches die entstehenden Mehrkosten beständig aufbringt, was in einem System globaler Kapitalkonkurrenz notwendigerweise den Bankrott des Kapitals evozieren würde.
Wertmäßig kann also durch den bloßen Austausch kein Gewinn erzeugt werden. Lediglich im Bezug auf den Gebrauchswert können beide Tauschpartner einen Vorteil ziehen. Dies ist aber keine besondere Spezifik internationaler Handelsbeziehungen, sondern Bedingung eines jeden Warentausches:

Die stoffliche Verschiedenheit der Waren ist das stoffliche Motiv des Austausches und macht die Warenbesitzer wechselseitig voneinander abhängig, indem keiner von ihnen den Gegenstand seines eignen Bedürfnisses und jeder von ihnen den Gegenstand des Bedürfnisses des andren in seiner Hand hält.“ (Marx, Das Kapital).

Weiterhin ist es pure Ideologie internationale Teilung der Arbeit als natürliche Spezialisierung und länderspezifische Besonderung der Produktion zu beschreiben.
Vielmehr ist die Herrichtung eines nationalen Produktionsstandortes objektiver Zwang weltmarktlichter Konstellationen und transnationaler wie intergouvernementaler Konfigurationen.
Die Konzentration vieler Entwicklungsländer auf bestimmte Produkte ist zum einen Resultat institutionalisierter Machtverhältnisse auf globaler Ebene. Beispielhaft hierfür stehen die Spezialisierungsempfehlungen der Weltbank Ende der siebziger Jahre, Strukturanpassungsprogramme des IWF oder im weiteren Sinne die des HIPC-Prozesses.
Zum anderen bedeutet eine erfolgreiche „Strukturanpassung“ die Realisierung unternehmerfreundlicher Akkumulationsbasen auf nationaler Ebene, die zwischenstaatlich umkämpft sind und Kapital anziehen. Die spezifische Herrichtung oder Spezialisierung eines Produktionsstandortes ist also immer Ausdruck globaler Konkurrenzsituationen und Spiegelbild erfolgreicherer und kapitalintensiverer Produktionsländer.
Schon zu Marx’ Zeiten war diese Interdependenz prinzipiell offensichtlich :

Es wird eine neue, den Hauptsitzen des Maschinenbetriebs entsprechende internationale Teilung der Arbeit geschaffen, die einen Teil des Erdballs in vorzugsweis agrikoles Produktionsfeld für den andern als vorzugsweis industrielles Produktionsfeld umwandelt.
(Marx, Das Kapital)

Es herrscht also keine relativ gleichmäßige Aufteilung des Kapitals auf globaler Ebene, sondern eine wertmäßg differenzierende Verkettung von Produktionsabläufen, die soziales Ungleichgewicht erzeugen und den Verwertungsbedingungen des Kapitals angepasst sind.
Die jeweils aktuelle Lage ist weiterhin nie statisch zu begreifen, sondern zumindest langfristig den weltweiten Auswirkungen dynamischer Kapitalakkumulation ausgesetzt.
Wieder Marx:

Vor zwei Jahrhunderten hatte die Natur, die sich nicht um den Handel kümmert, dort [Westindien] weder Kaffeebäume noch Zuckerrohr gepflanzt.
Und es wird vielleicht kein halbes Jahrhundert dauern, bis Sie dort weder Kaffee noch Zucker mehr finden. Denn bereits hat Ostindien durch billigere Produktion gegen diese angeblich natürliche Bestimmung von Westindien den Kampf siegreich aufgenommen. Und dieses Westindien mit seinen natürlichen Reichtümern ist bereits eine ebenso schwere Last für die Engländer wie die Weber von Dakka, die auch von Anbeginn der Zeiten bestimmt waren, mit der Hand zu weben. (Marx, Rede über die Frage des Freihandels)

Die Orientierung auf eine bestimmte Produktensorte kann unter kapitalistischen Verhältnissen also nie feste und bedürfnisadäquate wirtschaftliche Gefüge etablieren.
Dies soll im zweiten Teil näher erörtert werden.

Eilmeldung (stolen again)

+++ Eilmeldung+++

Alles okay

Bonn/dpa. Wie gerade durchgegeben wurde, ist Burmas / Birmas Junta zurückgetreten, alle Mönche sind wieder lebendig, Marco wird morgen aus türkischer Haft entlassen, und Maddie ist auch wieder zuhause.

sagt die Titanic.