Maßnahmen zur Senkung des Lohns

Die Verschiedenen Maßnahmen zur Senkung des Lohnes auch in Stagnationsphasen der kapitalistischen Ökonomie (siehe dazu „Lohnpolitik mit Sinn und Marx“) sind keine marxistische Gedankenspielerei, wie ein Leser rechthaberisch zu wissen meint, sondern harte Realität. Dazu einige empirische Daten1 und Anmerkungen von Karl Marx um die Kontinuität dieser Maßnahmen zu verdeutlichen.
Marx führt Möglichkeiten an, bei absolut unveränderten Löhnen die relative Entlohnung des Arbeiters zu mindern. Ein wichtiger Faktor dafür ist das Verhältnis von Entlohnung und Lebenshaltungskosten. „Stiege der Arbeitslohn gar nicht oder nicht genügend, um die erhöhten Werte der Lebensmittel zu kompensieren, so würde der Preis der Arbeit unter den Wert der Arbeit sinken und der Lebensstandart des Arbeiters würde sich verschlechtern.“ (Marx, Lohn, Preis und Profit).
Im Jahr 2006 stiegen die tariflichen Stundenlöhne der Arbeiter um 1,5%, die Verbraucherpreise allerdings um 1,7%. Somit fiel die Diskrepanz von 0,2% zu ungunsten der Arbeiter aus, während die Arbeitgeber auf eine Lohnsteigerung verweisen können.
Die Reallöhne sanken 2006 zum dritten Mal in Folge, was den Trend sinkender oder stagnierender Reallöhne seit 1992 fortsetzt.
Der wirtschaftliche Erfolg Deutschlands als „Exportweltmeister“ spricht bezüglich der Produktivitätssteigerung klare Worte. Der Produktivitätssteigerung nicht angepasste (möglicherweise sogar steigende) Löhne stehen effektiv für eine relative Lohnsenkung.

Es lässt sich also konstatieren, dass die jahresbezogene Tarifsteigerung von, im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt, 1,5% erneut unter dem kostenneutralen Verteilungsspielraum aus Preissteigerung (+1,7%) und Produktivitätszuwachs (+1,9% je Arbeitsstunde) lag.
Weiterhin kann der Lohn auch bei gleichzeitiger Verlängerung des Arbeitstages steigen, der Verlängerung der Arbeitszeit aber insgesamt unangemessen bleiben und dadurch gemindert werden.
„Durch Erhöhung der Intensität der Arbeit mag ein Mann [oder eine Frau] dazu gebracht werden, in einer Stunde soviel Lebenskraft zu verausgaben, wie früher in zwei.“ (Marx, ebd.).
Die fortschreitenden (Massen-)Entlassungen in den vergangenen Jahren führten notwendigerweise neben einer Verlängerung der Arbeitszeit zu einer Intensivierung der Arbeit. Etwaige Lohnsteigerungen lassen sich auch in diesem Zusammenhang durchaus als relative Kürzungen verstehen.
Zuletzt sollte den Ergebnissen von Tarifverhandlungen nicht ohne weiteres Glauben geschenkt werden. In jedem Jahr nach 1991 war die Differenz zwischen den tariflich vereinbarten Löhnerhöhungen und den tatsächlichen nämlich negativ.
Nach den WSI-Informationen zur Tarifpolitik besteht dafür ein Grund im Abbau übertariflicher Leistungen. Nach der Kürzung von Urlaubs- oder Weihnachtsgeld lassen sich Lohnsteigerungen auch über die Abnahme übertariflicher Leistungen verrechnen und somit reale Lohnsenkungen durchsetzen.

  1. Sofern nicht anders angegeben aus: „Verteilungspolitische Schieflage – Arbeits- und Kapitaleinkommen 1991-2006″ von Joachim Kreimer-de Fries und Bernhard Müller, Sozialismus 4/2007 [zurück]

7 Antworten auf “Maßnahmen zur Senkung des Lohns”


  1. Gravatar Icon 1 Dieter 14. September 2007 um 6:13 Uhr

    Hallo Schorsch,
    hier ein paar Anmerkungen zu deinen ökonomischen Gedankenspielen.

    „Die verschiedenen Maßnahmen zur Senkung des Lohnes … sind … harte Realität. … Marx führt Möglichkeiten an, bei absolut unveränderten Löhnen die relative Entlohnung des Arbeiters zu mindern.“ – Die gegenwärtige „Senkung des Lohnes“ ist aber nicht relativ, sondern absolut. Marx` Ausgangspunkt in folgendem Satz ist der, daß der momentane Lohn dem Wert der Arbeit entspricht: „Stiege der Arbeitslohn gar nicht oder nicht genügend, um die erhöhten Werte der Lebensmittel zu kompensieren, so würde der Preis der Arbeit unter (!) den Wert der Arbeit (!) sinken und der Lebensstandard des Arbeiters würde sich verschlechtern.“

    Wir müssen kristallklar den Lohn vom Wert der Arbeitskraft unterscheiden. Und dann kommen wir zu dem Ergebnis, daß in den letzten 40 Jahren die deutsche Arbeitskraft um ein Vielfaches zu hoch entlohnt wurde: Der Preis der Arbeitskraft lag weit über ihrem Wert. Diesen Tatbestand wirst du nirgends bei Marx finden, weil er zu seiner Zeit nicht vorstellbar war. Der gegenwärtige Lohn- und Sozialabbau hat als Ursache die Gesetze der kapitalistischen Konkurrenz, insbesondere das Wertgesetz, und nähert den Preis der Arbeit wieder seinem Wert an, wie es o.g. Gesetz verlangt.

    „Es lässt sich also konstatieren, dass die jahresbezogene Tarifsteigerung von, im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt, 1,5% erneut unter dem kostenneutralen Verteilungsspielraum aus Preissteigerung ( 1,7%) und Produktivitätszuwachs ( 1,9% je Arbeitsstunde) lag.“ – Du mußt doch zugeben, daß diese 0,2 bis 0,4 % keine wirkliche Bedeutung haben. Entscheidend ist, daß der deutsche Lohn mindestens das dreifache des Wertes der Arbeitskraft hat, wenn wir Hartz IV und den Durchschnittslohn als Maßstäbe nehmen. Lohnkürzungen von 10 % und mehr (siehe Telekom) sind an der Tagesordnung. Selbst Hartz IV ist noch zuviel, nehemn wir polnische oder gar chinesische Löhne: Der westedeutsche Arbeiter kostet seinen Unternehmer ca. 29 Euro pro Stunde, der chinesische keine 2. Dieses Verhältnis drückt auf den deutschen Lohn, nicht die Inflation.

    viele Grüße,
    Dieter

  2. Gravatar Icon 2 schorsch 14. September 2007 um 15:52 Uhr

    Hallo Dieter,

    erstmal vielen Dank für deine ausführlichen Ergänzungen. Du hast recht, wenn du in Form der internationalen Konkurrenz eine besondere Ursache für die Lohnsenkung ausmachst. Auch stimme ich dir zu, dass es wichtig ist Preis und Wert bei Marx auseinanderzuhalten.
    Besonders aber in Lohnfragen ist es sehr schwierig einfach überhöhte Preise für den Wert, also „zu hohe“ Löhne festzustellen. Marx spricht im Kapital von einem „historisch und moralischen“ Moment, welches in jede Wertbestimmung der Arbeit einfließt. Als die internationale Konkurrenz noch nicht so potent auftrat, wie sie es heute tut, konnten die Arbeiter durchaus einen hohen Lohn einfordern, eben weil die historisch-spezifische Situation es ihnen erlaubte. Dadurch war durchaus der Wert durch diese Konstellationen bestimmt.

    Mir ging es in dem Beitrag in gewisser Weise um „verdeckte“ Senkungen des Lohns. Das hätte ich deutlicher machen sollen. Mir ging es darum zu zeigen, wieso Lohnforderungen durchaus angebracht sind, auch um die Reproduktionskosten überhaupt aufbringen zu können und um den Hinweis auf die immergleichen Argumentationsmuster und Forderungen der Arbeitgeber, hier im Bezug zu Lohnforderungen und wechselnder Konjunktur. Man darf das bloße Zahlenwerk über die Löhne in Deutschland nicht zu ernst nehmen, um eben so „verdeckte Lohnentwicklungen“ nicht auszuklammern, die sich häufig nicht in Statistiken wiederfinden lassen. Das wollte ich veranschaulichen, auch weil sich ein Leser abfällig über die angeblich unmögliche empirische Fundierung Marx‘ Gedanken im vorletzten Beitrag von diesem geäußert hatte.

    Viele Grüße,

    Georg

  3. Gravatar Icon 3 Dieter 18. September 2007 um 7:07 Uhr

    Hallo Schorsch,
    wenn du sagst, daß „in Form der internationalen Konkurrenz eine besondere Ursache für die Lohnsenkung“ auszumachen ist, und „es wichtig ist, Preis und Wert bei Marx auseinanderzuhalten“, so sollte dieses auch „in Lohnfragen“ nicht mehr schwierig sein. Und was Marx mit dem “historisch und moralischen” Moment, welches in jede Wertbestimmung der Arbeit einfließt, auch immer gemeint haben mag (vielleicht sollte ich noch mal nachlesen), so ist es der Definition des Wertes eindeutig nachgeschaltet. Wenn du jetzt aber darauf hinaus willst, daß ein Mallorkaurlaub, ein Mittelklassewagen oder eine Jahreskarte im Tennisklub ein “historisch und moralisches” Moment des Wertes der Arbeitskraft ausmacht und zu diesem zuzurechnen ist, dann hebelst du schlicht die gesamte Marxsche Ökonomie aus – und damit den Marxismus selbst. Wie durch ein Loch in einem Luftballon, so fällt der Marxismus in sich zusammen, wenn du das deutsche Lohnniveau als „Wert der Arbeitskraft“ definierst. An anderer Stelle werde ich, auch im Zusammenhang mit „Nichtmarxist“, noch einmal genauer auf den geradezu philosophischen Aspekt eingehen.

    „Mir ging es in dem Beitrag in gewisser Weise um “verdeckte” Senkungen des Lohns.“ – Das war mir schon klar. Nur, warum sollen wir uns mit 0,2 – 0,4 % verdeckter Lohnsenkung beschäftigen, wenn von dieser erstens keinerlei historische Wirkung ausgeht, und zweitens die unverdeckte Lohnsenkung in 10 – 20 %-Schritten voranschreitet, und die letztendlich zur Systemveränderung führt. Ich wollte hingegen mit meinen Hinweisen auf das Wertgesetz und den objektiven Wert der Arbeitskraft aufzeigen, daß die gegenwärtigen Lohnforderungen a) nichts mit den Reproduktionskosten zu tun haben, da der bisherige Lohn schon weit darüber liegt, und b) daß sie langfristig gesehen völlig aussichtslos sind. Eines meiner Lieblingszitate von Marx ist Folgendes:

    „Handelt es sich in den Assoziationen“ (= Gewerkschaften) „wirklich nur um das, worum es sich zu handeln scheint, nämlich um die Bestimmung des Arbeitslohnes, wäre das Verhältnis von Arbeit und Kapital ein ewiges, so würden diese Koalitionen an der Notwendigkeit der Dinge erfolglos scheitern.“

    Die „Notwendigkeit der Dinge“ sind die „Zwangsgesetze der kapitalistischen Konkurrenz“, wie Marx an anderer Stelle sagt. Die Arbeiterklasse mit ihren Gewerkschaften kann nur zwischen Lohnsteigerung und Senkung der Arbeitslosigkeit wählen – beides schließt sich gegenseitig aus, ja es treibt gesetzmäßig auseinander.

    „Man darf das bloße Zahlenwerk über die Löhne in Deutschland nicht zu ernst nehmen, um eben so “verdeckte Lohnentwicklungen” nicht auszuklammern, die sich häufig nicht in Statistiken wiederfinden lassen. Das wollte ich veranschaulichen, auch weil sich ein Leser abfällig über die angeblich unmögliche empirische Fundierung Marx’ Gedanken im vorletzten Beitrag von diesem geäußert.“ – Die Marxschen Gedanken lassen sich aber gerade und viel besser „empirisch“ eben am „bloßen Zahlenwerk über die Löhne in Deutschland“ belegen. Nur muß man natürlich die Marxsche Wertdefinition, die übrigens schon seine Vorgänger kannten, als Grundlage nehmen. Was am Wert der Arbeitskraft „historisch und moralisch“ ist, genauso wie die Inflationsrate im gegenwärtigen Ausmaß, kann man getrost außen vor lassen.

    viele Grüße,
    Dieter

  4. Gravatar Icon 4 schorsch 22. September 2007 um 13:13 Uhr

    Das historisch-moralische Element ist dem Wert der Arbeitskraft grade nicht nachgeschaltet, sondern mit diesem eng verzahnt.
    Zwar stimmt das Marx-Zitat und deine Auführungen prinzipiell schon, aber gewisse Spielräume sind gewerkschaftlich durchaus nutzbar und machen dann für den oder die Betroffenen schon etwas aus.

  5. Gravatar Icon 5 Dieter 25. September 2007 um 8:23 Uhr

    Lieber Schorsch,
    wenn du sagst, daß „das historisch-moralische Element dem Wert der Arbeitskraft gerade nicht nachgeschaltet, sondern mit diesem eng verzahnt ist“, dann wäre ich dir dankbar, wenn du mir/uns diese Verzahnung noch einmal verständlich vor Augen führen könntest. Ich habe schon Schwierigkeiten, mir überhaupt etwas unter dem „historisch-moralischen Element des (!) Wertes der Arbeitskraft“ vorzustellen. Wie diese beiden – das Teil und das Ganze – dann „verzahnt“ sein sollen, übersteigt glatt meine Vorstellungskraft. Wenn du dich an eine Antwort heranwagst, bitte nehme dann auch Marx allgemeine Wertdefinition als Ausgangspunkt: „Es ist also nur“ (!!!) „das Quantum gesellschaftlich notwendiger Arbeit oder die zur Herstellung eines Gebrauchswerts gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit, welche seine Wertgröße bestimmt. (Das Kapital, 1.Band, 1.Abschnitt, 1.Kapitel.“ Ein „historisch-moralisches Element“ kann vielleicht diesen oder jenen Terminus unerheblich modifizieren, aber die eigentliche Bedeutung dieser Definition kann es nicht verändern, schon gar nicht den Kern der Definition, die „notwendige Arbeitszeit“. Und „notwendig“ ist per Definition das Minimum dessen, um „nicht in Not zu geraten“. Und in Not gerät man, wenn einem die Existenzgrundlage entzogen wird.

    „Zwar stimmen das Marx-Zitat und deine Ausführungen prinzipiell schon, aber gewisse Spielräume sind gewerkschaftlich durchaus nutzbar und machen dann für den oder die Betroffenen schon etwas aus.“ – „Zwar – gewisse – durchaus – schon etwas.“ Alles Hintertürchen, um sich nicht festlegen zu müssen. Versuche mal bitte, solche Platzhalter der Unsicherheit zu vermeiden, indem du im Vorfeld die jeweilige Tatsache genauer prüfst: Was stimmt an meinen Ausführen – und was nicht? Welche Spielräume bleiben den Gewerkschaften genau? Wie können die Gewerkschaften diese (wenigen) Spielräume genau nutzen, und zu welchem Ergebnis für die Betroffenen können sie dann (nur noch) gelangen? Wenn Marx sagt, daß die Gewerkschaften an der Notwendigkeit der Dinge erfolglos scheitern müssen, kannst du schwerlich antworten: Dies stimmt „prinzipiell“ schon, aber durch einen „gewissen Spielraum“ erreichen sie doch ihr Ziel. …

    Ich plaudere gerne über Gott und die Welt, aber ich ziehe definierte Aussagen doch jedem „gewisse – durchaus – schon etwas“ vor.

    In diesem Sinne viele Grüße,
    Dieter

  6. Gravatar Icon 6 MEW 25. September 2007 um 11:15 Uhr

    „Diese eigentümliche Ware, die Arbeitskraft, ist nun näher zu betrachten. Gleich allen andren Waren besitzt sie einen Wert.(42) Wie wird er bestimmt?
    Der Wert der Arbeitskraft, gleich dem jeder andren Ware, ist bestimmt durch die zur Produktion, also auch Reproduktion, dieses spezifischen Artikels notwendige Arbeitszeit. So sie Wert, repräsentiert die Arbeits- kraft selbst nur ein bestimmtes Quantum in ihr vergegenständlichter gesellschaftlicher Durchschnittsarbeit. Die Arbeitskraft existiert nur als Anlage des lebendigen Individuums. Ihre Produktion setzt also seine Existenz voraus. Die Existenz des Individuums gegeben, besteht die Produktion der Arbeitskraft in seiner eignen Reproduktion oder Erhaltung. Zu seiner Erhaltung bedarf das lebendige Individuum einer gewissen Summe von Lebensmitteln. Die zur Produktion der Arbeitskraft notwendige Arbeitszeit löst sich also auf in die zur Produktion dieser Lebensmittel notwendige Arbeitszeit, oder der Wert der Arbeitskraft ist der Wert der zur Erhaltung ihres Besitzers notwendigen Lebensmittel. Die Arbeitskraft verwirklicht sich jedoch nur durch ihre Äußerung, betätigt sich nur in der Arbeit. Durch ihre Betätigung, die Arbeit, wird aber ein bestimmtes Quantum von menschlichem Muskel, Nerv, Hirn usw. verausgabt, das wieder ersetzt werden muß. Diese vermehrte Ausgabe bedingt eine vermehrte Einnahme.(43) Wenn der Eigentümer der Arbeitskraft heute gearbeitet hat, muß er denselben Prozeß morgen unter denselben Bedingungen von Kraft und Gesundheit wiederholen können. Die Summe der Lebensmittel muß also hinreichen, das arbeitende Individuum als arbeitendes Individuum in seinem normalen Lebenszustand zu erhalten. Die natürlichen Bedürfnisse selbst, wie Nahrung, Kleidung, Heizung, Wohnung usw., sind verschieden je nach den klimatischen und andren natürlichen Eigentümlichkeiten eines Landes. Andrerseits ist der Umfang sog. notwendiger Bedürfnisse, wie die Art ihrer Befriedigung, selbst ein historisches Produkt und hängt daher großenteils von der Kulturstufe eines Landes, unter andrem auch wesentlich davon ab, unter welchen Bedingungen, und daher mit welchen Gewohnheiten und Lebensansprüchen die Klasse der freien Arbeiter sich gebildet hat.(44) Im Gegensatz zu den andren Waren enthält also die Wertbestimmung der Arbeitskraft ein HISTORISCHES UND MORALISCHES ELEMENT. Für ein bestimmtes Land, zu einer bestimmten Periode jedoch, ist der Durchschnitts-Umkreis der notwendigen Lebensmittel gegeben.“

  7. Gravatar Icon 7 Dieter 26. September 2007 um 7:37 Uhr

    Vielen Dank für das Zitat,
    nur hättest du auch einige Sätze des Kommentars anfügen können. Daß Marx von einem HISTORISCHEN UND MORALISCHEN ELEMENT im Zusammenhang mit dem Wert der Arbeitskraft gesprochen hat, wissen alle Interessierten. Nur gehen bei der Interpretation die Auffassungen eben weit auseinander. Zunächst definiert Marx den Wert der Ware Arbeitskraft, und zwar unmißverständlich:

    “Diese eigentümliche Ware, die Arbeitskraft, ist nun näher zu betrachten. Gleich allen andren Waren besitzt sie einen Wert. Wie wird er bestimmt? Der Wert der Arbeitskraft, gleich dem jeder andren Ware, ist bestimmt durch die zur Produktion, also auch Reproduktion, dieses spezifischen Artikels notwendige Arbeitszeit. So sie Wert, repräsentiert die Arbeitskraft selbst nur ein bestimmtes Quantum in ihr vergegenständlichter gesellschaftlicher Durchschnittsarbeit.“

    Konkret heißt das: „Die zur Produktion der Arbeitskraft notwendige Arbeitszeit löst sich also auf in die zur Produktion dieser Lebensmittel notwendige Arbeitszeit, oder der Wert der Arbeitskraft ist der Wert der zur Erhaltung ihres Besitzers notwendigen Lebensmittel. … Die Summe der Lebensmittel muß also hinreichen, das arbeitende Individuum als arbeitendes Individuum in seinem normalen Lebenszustand zu erhalten.“ – Bis hierher gibt es hoffentlich keine Diskrepanzen. Die Sätze sind klar und verständlich und lassen keinen Spielraum für Mallorkaurlaub oder Tessisklub. Doch nun wird es langsam schwierig:

    „Die natürlichen Bedürfnisse selbst, wie Nahrung, Kleidung, Heizung, Wohnung usw., sind verschieden je nach den klimatischen und andren natürlichen Eigentümlichkeiten eines Landes.“ – Der Eine ißt Reis, hat zwei Ernten im Jahr un benötigt kaum Anziehsachen, der andere benötigt Winterklamotten und ißt Kartoffeln, von denen die Hälfte auch noch zu klein ist. So muß der erste nur einen Bruchteil seiner Zeit (wir erinnern uns: der Wert hat eine Zeiteinheit), der andere aber fast den ganzen Tages mit der Lebensmittelproduktion zubringen. Leuchtet auch noch ein. Doch jetzt kommt`s:

    „Andrerseits ist der Umfang sog. notwendiger (!) Bedürfnisse, wie die Art ihrer Befriedigung, selbst ein historisches Produkt und hängt daher großenteils von der Kulturstufe eines Landes, unter andrem auch wesentlich davon ab, unter welchen Bedingungen, und daher mit welchen Gewohnheiten und Lebensansprüchen die Klasse der freien Arbeiter sich gebildet hat.Im Gegensatz zu den andren Waren enthält also die Wertbestimmung der Arbeitskraft ein HISTORISCHES UND MORALISCHES ELEMENT. Für ein bestimmtes Land, zu einer bestimmten Periode jedoch, ist der Durchschnitts-Umkreis der notwendigen Lebensmittel gegeben.”

    Und hier haben wir den Punkt, der allen Revisionisten dazu dient, den jeweiligen Stand des deutschen Lohnes als Wert der Arbeitskraft zu interpretieren. Doch auch an dieser Stelle ist der Ausgangspunkt die „notwendigen Bedürfnisse“. Diese hat Marx oben zweifelsfrei definiert als die „zur Erhaltung ihres Besitzers notwendigen Lebensmittel“. Welche „Gewohnheiten und Lebensansprüche“ Marx nun konkret meint, und in welche Richtung sie den Wert der Arbeitskraft beeinflussen, ist jedenfalls aus unserem MEW-Zitat nicht ersichtlich. Ich glaube, er wollte solchen „Experten“ den Wind aus den Segeln nehmen, die immer mit Bombay oder Shanghai zu widerlegen versuchen, daß die Arbeitskraft weltweit den gleichen Wert hat. Absolut unsinnig ist es aber, mit dieser Stelle belegen zu wollen, daß der elemantare Wert der Arbeitskraft 6 Wochen Urlaub, einen 8-Stunden-Tag, einen Mittelklassewagen, usw., vielleicht noch ein Eigenheim mit Swimmingpool beinhaltet. Das wäre schlicht kleinbürglerlicher Revisionismus.

    Schauen wir uns mal explizit das „moralisches Element“ an. Hierfür ist die Kinderarbeit ein gutes Beispiel. Zu Marx Zeiten wurde diese bei den Unternehmern immer begehrter und drückte so auf den Wert der Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt. Die Moral der bürgerlichen Gesellschaft hat die Kinderarbeit jedoch verdrängt, so daß der Wert der Arbeit stieg. Daß die deutschen Unternehmer auch heute noch in Asien gerne Kinder ausbeuten, ist allen bekannt und zunächst das Problem der „asiatischen Moral“. In solchen Ländern existiert noch keine bürgerliche Gesellschaft im europäischen Sinne. Daß der 8-Stunden-Tag hingegen als „moralisches Element“ zu werten ist, wage ich zu bezweifeln. Jeder, der noch Arbeit hat, spürt den Druck, die Arbeitszeit unentgeltlich auszudehnen.

    Kurzum: Lohn- und Sozialabbau dienen dazu, eine überbewertete Ware auf ihren eigentlichen Wert zu reduzieren. Die Arbeitslosigkeit ist nichts als ein schnöder Börsenkrach – auf dem Arbeitsmarkt. Jeder darf sich selbstverständlich einreden, daß sein hoher Lohn dem Wert seiner Arbeitskraft entspricht. Der weitere Lohnabbau wird ihn jedoch eines Besseren belehren.

    Wenn tatsächlich derzeit Lohn = Wert der Arbeitskraft wäre, kann mir dann mal einer die Arbeitslosigkeit erklären? Da laufen täglich „Werte“ in Milliardenhöhe zum Arbeitsamt und finden keinen Käufer? An dieser Stelle meint der Revisionist dann regelmäßig den Stein der Weisen gefunden zu haben mit: „Die Maschinen verdrängen die Arbeiter.“ Da jedoch nur die menschliche Arbeitskraft Werte schaffen kann, müßte nach dieser Logik der Warenmarkt früher oder später implodieren. Die Aktienkurse zeigen aber in die genau entgegengesetzte Richtung. – Nein, Herrschaften! Da gehen Menschen zum Arbeitsamt, die ihre Ware für ein Vielfaches ihres tatsächlichen Wertes feilbieten. Wenn der deutsche Arbeiter statt seiner 29 Euro, die er brutto seinen „Arbeitgeber“ kostet, nur mit 5-7 Euro ins Kontor schlagen würde wie ein Pole oder Tscheche, oder gar nur mit rund 2 Euro wie ein Chinese, so hätte er am nächsten Tag Arbeit. Und bekommen die Polen und Chinesen etwa nicht genug Lebensmittel, die „hinreichen, das arbeitende Individuum als arbeitendes Individuum in seinem normalen Lebenszustand zu erhalten.“ …

    viele Grüße,
    Dieter.

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