Lohnpolitik mit Sinn und Marx

Laut den Aussagen einiger Spezialisten seien Lohnforderungen angesichts der konjunkturellen Lage unangebracht. Die Arbeitnehmer sollen vielmehr Lohnzurückhaltung üben, um den Aufschwung nicht zu gefährden. Galant übergehen diese Appelle natürlich auch faktische Lohnsenkungen in Gestalt von Arbeitszeitverlängerungen oder Intensivierung von Arbeit (auch) zur Zeit der wirtschaftlichen Stagnation.

Lohnforderungen von fünf Prozent passen nicht in die konjunkturelle
Landschaft. Der sich endlich abzeichnende vorsichtige Aufschwung darf
nicht gefährdet werden.

Mario Ohoven, Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft
(BVMW)

Wir brauchen dringend niedrigere Löhne, damit die Investitionsgüternachfrage wieder anspringt. Im zweiten Schritt wird
dies auch Jobs schaffen und damit die Konsumgüternachfrage
stimulieren.

Prof. Dr. Hans-Werner Sinn, Präsident des ifo-Instituts

Die Sprüche und Ideologien ändern sich ebenso wenig, wie die grundsätzliche Verfasstheit des warenproduzierenden Systems.
Zu exakt diesen Offenbarungen schreibt nämlich Karl Marx 1856 in „Lohn, Preis und Profit“:

Um nicht der Geprellte zu sein, muß er [der Arbeiter], selbst während eines (…) Sinkens der Marktpreise, mit dem Kapitalisten darüber markten, in welchem proportionellen Ausmaß eine Lohnsenkung notwendig geworden sei. Wenn er nicht bereits während der Prosperitätsphase, solange Extraprofite gemacht werden, für eine Lohnsteigerung kämpfte, so käme er im Durchschnitt eines industriellen Zyklus nicht einmal zu seinem Durchschnittslohn oder dem Wert seiner Arbeit. Es ist der Gipfel des Widersinns, zu verlangen, er solle, während sein Arbeitslohn notwendigerweise durch die ungünstigen Phasen des Zyklus beeinträchtigt wird, darauf verzichten, sich während der Prosperitätsphase schadlos zu halten.

Ein Sozialdemokratismus als endgültige Antwort auf diesen „Gipfel des Wiedersinns“ kann aber auch keine Lösung sein. Vielmehr setzt sich eine moderat sozialdemokratische Politik für den Gesamterhalt des Wert der Ware Arbeitskraft ein. Während der Aufschwung einige Arbeitsplätze beschert, der Arbeitsmarkt zumindest partiell geleert wird, relativiert sich auch das Erpressungspotential des Kapitals, was sich in selbstbewussten Lohnforderungen der Gewerkschaften wiederspiegelt. Neben der Nachfrage und damit dem Preis der Arbeitskraft, steigt auch die Produktivität, was den Wert der Arbeitskraft teilweise erhöht. Forderungen der SPD, den Aufschwung allen zugute kommen zu lassen, platziert diese Partei also auf dem Feld des besseren ideellen Gesamtkapitalisten.

Marx folgend heißt die Losung also:

Statt des konservativen Mottos: „Ein gerechter Tagelohn für ein gerechtes Tagewerk!“, sollte sie [die Arbeiterklasse] auf ihr Banner die revolutionäre Losung schreiben: „Nieder mit dem Lohnsystem!“


3 Antworten auf “Lohnpolitik mit Sinn und Marx”


  1. Gravatar Icon 1 Dieter 14. September 2007 um 8:44 Uhr

    Hallo Schorsch.

    Wenn man versuchen will, einen „gerechten“ Lohn zu ermitteln, muß man von den persönlichen Ambitionen der Interessenten – Arbeiter und Unternehmer – absehen und nach einem höheren Maßstab suchen. Dieser Maßstab sind die ökonomischen Gesetze des Kapitalismus. Das Wertgesetz besagt, daß sich die Waren nach ihren Werten austauschen. Die Ware Arbeitskraft verkauft der Arbeiter auf dem Arbeitsmarkt an den Unternehmer. Welches ist nun der eigentliche Wert der Arbeitskraft?

    Der Wert einer jeden Ware ist das gesellschaftlich Notwendige, das zur Reproduktion erforderlich ist. Für die Arbeitskraft ergibt sich demnach das Minimum (Notwendige) an Lebensmitteln, Kleidung, Wohnung etc. Selbst wenn man diese Definition extrem großzügig auslegt, kommt man zu dem Schluß, daß in der BRD die Arbeiter ihre Ware viel zu teuer verkaufen. Und der Arbeitskraft geht es wie jeder anderen Ware auch, die gegen das Wertgesetz verstößt: sie fliegt als unverkäuflich auf Halde. Gleichzeitig wird natürlich ihr Preis gesenkt: Lohn- und Sozialabbau.

    Man kann also von der gegenwärtigen Lohnsenkung halten, was man will, sie folgt nur den objektiven Gesetzen des Kapitalismus. Arbeitslosigkeit oder Lohnsenkung, das sind die beiden Alternativen, zwischen denen der „Arbeitnehmer“ wählen kann. Wenn dereinst der Arbeitslohn wieder annähernd dem Wert der Arbeitskraft entspricht, werden wir uns umgehend der Vollbeschäftigung nähern.

    viele Grüße,
    Dieter

  2. Gravatar Icon 2 Dieter 26. September 2007 um 12:58 Uhr

    Schorsch endet mit folgendem Absatz:

    „Vielmehr setzt sich eine moderat sozialdemokratische Politik für den Gesamterhalt des Wert der Ware Arbeitskraft ein.“ – Wie soll denn, lieber Schorsch, der „Gesamterhalt des Werts der Ware Arbeitskraft“ aussehen? Du setzt hier voraus, daß die Politik Einfluß auf die Bestimmung dieses Wertes nehmen kann. Du liegst mit dieser Annahme, wie ich nun schon an mehreren Stellen darlegte, völlig daneben. Und „moderat“ ist wieder eines deiner Hintertürchen, das dich zu allen Seiten absichern soll: Die einen Übertreiben dann halt mit ihrer sozialdemokratischen Politik, die anderen untertreiben.

    „Während der Aufschwung einige Arbeitsplätze beschert, der Arbeitsmarkt zumindest partiell geleert wird, …“ – Auf dem Arbeitsmarkt wird die Arbeitskraft gehandelt. Wenn also Arbeitsplätze geschaffen werden, dann füllt sich der Arbeitsmarkt, das Handelsvolumen der umgesetzten Waren nimmt zu. Die Arbeitslosen sind nämlich gar kein Teil des eigentlichen Arbeitsmarktes, da sie vom Marktgeschehen ausgeschlossen sind. Merke: Die bürgerliche Sprache dreht die Fakten regelhaft auf den Kopf.

    „… relativiert sich auch das Erpressungspotential des Kapitals, was sich in selbstbewussten Lohnforderungen der Gewerkschaften widerspiegelt.“ – Wer erpreßt hier wen? Wenn wir genau hinsehen, haben wir einen stink normalen Kauf-Verkauf-Akt vor uns, der in einem beiderseitigen Feilschen um den Preis seinen Ausdruck findet. Das Kapital als Käufer will einen möglichst niedrigen Preis, die Arbeiter als Verkäufer einen möglichst hohen Preis erzielen. Den schwarzen Peter des „Erpressers“ nun einseitig den Unternehmern zuzuschieben, ist aus ökonomischer Sicht nicht redlich. Und wenn wir noch den Streik der Gewerkschaften bei der Preisbildung mitbetrachten, kommen wir nicht umhin, auch die Arbeiter als Erpresser zu bezeichnen.

    „Neben der Nachfrage und damit dem Preis der Arbeitskraft, steigt auch die Produktivität, was den Wert der Arbeitskraft teilweise erhöht.“ – Daß der Preis der Arbeitskraft bei höherer Nachfrage steigt, wäre richtig, hätten wir nicht 4 Millionen Arbeitslose. Stelle dir vor, ein Autokonzern hätte 4 Millionen unverkäufliche Autos auf Halde liegen. Wenn sich nun eine plötzliche Nachfrage nach 1 Million Autos bildet, wird der Konzern froh sein, seine Autos nach Liste verkaufen zu können. Realistischer wäre allemal, daß er sie unter dem Listenpreis abgibt. Das gleiche gilt für den Arbeitsmarkt. Auch wenn kurzfristig neue Jobs entstehen, wird der allgemeine Lohnabbau davon nicht beeinträchtigt – jeder ist froh, in Lohn und Brot zu kommen. Und die Produktivitätssteigerung paßt hier überhaupt nicht herein. Diese steigt nun losgelöst von allen Krisenschwankungen beständig an, solange Menschen auf dieser Welt umgehen. Und zum Schluß noch ein glasklarer Fehler: Der Wert der Arbeitskraft sinkt im Gefolge der Produktivitätssteigerung, da für die notwendigen Lebensmittel – du erinnerst dich – weniger Zeit erforderlich ist.

    „Marx folgend heißt die Losung also: Statt des konservativen Mottos: „Ein gerechter Tagelohn für ein gerechtes Tagewerk!“, sollte sie [die Arbeiterklasse] auf ihr Banner die revolutionäre Losung schreiben: „Nieder mit dem Lohnsystem!“ – Wie du das Lohnsystem niederringen willst, das würde mich nun doch mal interessieren. Nicht daß ich nicht deiner Meinung wäre, doch habe ich diesbezüglich noch keinen einzigen Gedanken bei dir finden können.

    viele Grüße
    Dieter

  1. 1 Maßnahmen zur Senkung des Lohns // Schorsch’s online Journal Pingback am 16. Juli 2007 um 20:07 Uhr
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