Archiv für Juli 2007

Umweltschutz und Naturbeherrschung

Anmerkungen zu Ivo Bozics „Wie rechts ist der Klimawandel?“

In der aktuellen Jungle World fragt Ivo Bozic, wie rechts der Klimawandel sei.
Zum Ende des Artikels wird festgestellt, dass es das Beste für die Linke sei nicht über den Klimawandel zu reden. Dennoch stellt der Autor fest, dass offene Fragen im Raum stehen würden.
Eine offene Frage scheint der Wiederspruch von Naturbeherrschung und Naturalismus zu sein.
Zustimmend wird das polemische Ultimatum von Harald Schmidt aufgenommen: Gletscher oder Hüften! Also entweder technischer Fortschritt oder Umweltschutz.
Einen „wahren Kern“ hat diese Polemik durchaus: kapitalistische Wachstumsmodi können nicht auf Naturbeherrschung verzichten. Das wusste schon Marx: „Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.“.
Diesen „wahren Kern“ meint Bozic allerdings nicht, wie zum Schluss des Textes dargelegt wird, denn „(a)uch im schönsten Kommunismus würden wir doch nicht zur Steinzeit zurückwollen.“.
Indem der Dualismus von Naturbeherrschung oder Selbstunterwerfung unter die Natur als überhistorischer verstanden wird, scheint Fortschritt und Emanzipation des Menschen nur durch eine fortschreitende Natursubsumtion erreichbar. Ziemlich deutlich wird durch die Anerkennung eines „wahren Kerns“ in der Polemik von Harald Schmidt also eine bürgerliche Fetischisierung des Naturverhältnisses reproduziert, und dessen kapitalistische Qualität verkannt.
Der Dualismus von Naturbeherrschung oder Naturalismus ist Resultat kapitalistischer Dominanzverhältnisse, die zu Subsumtionsverhältnissen führen. Eine Akzeptanz dieses Dualismus stellt aber keine Lösung dar, denn jeder Versuch den Naturzwang zu brechen, indem Natur schrittweise gebrochen wird, führt in Form ökologischer Krisen stetig tiefer in den Naturzwang hinein und etabliert neue Abhängigkeiten.

Die Historizität von Wachstumsmodellen scheint sich für Bozic also nicht im Stoffwechsels des Mensch mit der Natur wiederzuspiegeln. Vielmehr handele es sich hierbei um einen übernatürlichen Gegensatz.
Weil Bozic dieses Axiom erst mal für richtig hält gibt es für ihn auch keine wirkliche linke Perspektive auf den Klimawandel und so gilt für ihn: „Wer akut die Klimakatastrophe fürchtet, kann nicht auf ein utopisches Ziel in ferner Zukunft verweisen, an dessen Realisierung er selbst nicht ernsthaft glaubt.“.

Indem aber kapitalistischer Umweltschutz für unabdingbar gehalten wird, werden perpetuierende Maßnahmen und fortwährende Subsumtionsverhältnisse eingefordert, die sich krisenhaft entladen können. Diese ökologischen Krisen treffen dann meist Entwicklungsländer oder materiell schlecht gestellte Menschen, weil Naturkatastrophen ihre Zerstörungskraft nie losgelöst von politischem Management und ökonomischer Krisenreaktion entfalten, die sich repressiv gegen „untere Gesellschaftsgruppen“ wenden (z.B. Hurricane Katarina in den USA).
Von einer wirklich umfassenden Lösung hat sich die immanent bleibende Perspektive Bozics verabschiedet, die vor der Macht des Gegebenen zu kapitulieren scheint.
Der immanente Verwertungstrieb des Kapitals konstituiert eine Selektivität nationaler wie internationaler Institutionen und damit einen instrumentellen Umweltschutz, der nie auf die Bedürfnisse aller Menschen insbesondere die armer Länder gerichtet ist.
Obwohl Bozic für kapitalistischen Umweltschutz plädiert hat er etwas gegen das Kyoto-Protokoll und die Umwelteuphorie einwenden. Das ist zwar etwas widersprüchlich, aber dennoch richtig.
Die derzeitige Konjunktur umweltpolitischer Ermahnungen zielt, wie Bozic auch, auf eine immanente Lösung des Problems, verhindert damit wirklichen Umweltschutz und grenzt Hinweise auf kapitalistische Rahmenbedingungen der Umweltzerstörung systematisch aus.
Nicht völlig daneben sind auch Bozics Vorbehalte gegen das Kyoto-Protokoll.
Dieses widerspricht nämlich sämtlichen Wachstumszielen aller Länder und eröffnet keine realistische Lösungsoptionen. Angesichts von unzähligen Umweltschutzmaßnahmen, die alle relativ ohne Erfolg geblieben sind, verstärkt sich diese Annahme. Der Emissionshandel, also die marktförmige Regulation des Klimawandels, verstärkt eher ein „business as usual“ (Brunnengräber et al., „Jenseits von Kyoto“) anstatt wirklichen Umschwung und Infragestellung des „fossilistisch-kapitalistischen“ Systems.
Der Emissionshandel beinhaltet nämlich die Möglichkeit bei Produktionserhöhung neue Zertifikate erfolgsversprechend zu beantragen. Weiterhin können die, durch in Entwicklungsländern getätigten Investitionen verminderten, Treibhausgasemissionen auf das eigene Konto gutgeschrieben werden, was ungleiche Austauschverhältnisse stabilisiert. Umwelttechnologien werden dann gegen das Recht auf Verschmutzung getauscht. Derlei Effekte übergeht Bozic in seinem Pochen auf immanente Lösungen und auf die Akzentuierung der Wachstumsinteressen von Entwicklungsländern völlig.
Eine neue ökologische Rationalität ist angesichts der gesellschaftliche Strukturen und ihres modernen Entwicklungsparadigmas also unwahrscheinlich und es erscheint kaum folgerichtig Hoffnungen auf immanenten Umweltschutz zu richten.
Für eine linke Perspektive bleibt „die fast unlösbare Aufgabe (…), weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.“ (Adorno).
Ein revolutionärer Emanzipationsbegriff, welche die Vermitteltheit von Mensch und Natur nicht einfach in einem Gegensatz auflöst, sondern ernst nimmt, ist besonders angesichts Sichtweisen notwendig, welche Emanzipation mit bedingungsloser Naturbeherrschung gleichsetzen. Das Bild, nach welchem die Emanzipation des Menschen jenseits Vermitteltheit von Mensch und Natur beginne, bezeichnen Adorno und Horkheimer als „Zugeständnis an den reaktionären common sense“ (Adorno/Horkheimer zit. n. Görg).
Eine progressive Linke bedarf somit eines Emanzipationsbegriffs, welcher weder in Naturalismus verfällt, noch die Vermitteltheit von Mensch und Natur leugnet, also dessen Potential sich in einem umsichtigen, selbständigem und mündigen Umgang mit „natürlichen Ressourcen“1 bewahrheitet.

  1. Ich spreche hier vorsichtshalber bewusst nicht von „Natur“, weil ein bestimmter Naturbegriff auch stets von gesellschaftlichen Konstellationen verwertungsgemäß geformt ist. [zurück]

Weitere kritische Anmerkungen, vor allem gegen die ökologischen Fehler Bozics gibt es bei emanzipationoderbarbarei.

Die Freiheit zu verhungern

Auch wenn ihn [den Arbeitssuchenden] selbst und vielleicht seine Familie die Gefahr des Hungers bedroht und ihn ‚zwingt‘, eine ihm widerwärtige Beschäftigung für einen sehr geringen Lohn anzunehmen und er der ‚Gnade‘ des einzigen Menschen ausgeliefert ist, der bereit ist, ihn zu beschäftigen, so ist er doch weder von diesem noch von irgend jemand anderem in unserem Sinn gezwungen. Solange die Handlung, die seine Schwierigkeiten verursacht hat, nicht bezweckte, ihn zu bestimmte Handlungen oder Unterlassungen zu zwingen, solange die Absicht der Handlung, die ihn schädigt, nicht ist, ihn in den Dienst der Ziele eines anderen zu stellen, ist ihre Wirkung auf seine Freiheit keine andere als die einer Naturkatastrophe – eines Feuers oder einer Überschwemmung, die sein Heim zerstört, oder eines Unfalls, der seine Gesundheit schädigt.
Friedrich August von Hayek

Maßnahmen zur Senkung des Lohns

Die Verschiedenen Maßnahmen zur Senkung des Lohnes auch in Stagnationsphasen der kapitalistischen Ökonomie (siehe dazu „Lohnpolitik mit Sinn und Marx“) sind keine marxistische Gedankenspielerei, wie ein Leser rechthaberisch zu wissen meint, sondern harte Realität. Dazu einige empirische Daten1 und Anmerkungen von Karl Marx um die Kontinuität dieser Maßnahmen zu verdeutlichen.
Marx führt Möglichkeiten an, bei absolut unveränderten Löhnen die relative Entlohnung des Arbeiters zu mindern. Ein wichtiger Faktor dafür ist das Verhältnis von Entlohnung und Lebenshaltungskosten. „Stiege der Arbeitslohn gar nicht oder nicht genügend, um die erhöhten Werte der Lebensmittel zu kompensieren, so würde der Preis der Arbeit unter den Wert der Arbeit sinken und der Lebensstandart des Arbeiters würde sich verschlechtern.“ (Marx, Lohn, Preis und Profit).
Im Jahr 2006 stiegen die tariflichen Stundenlöhne der Arbeiter um 1,5%, die Verbraucherpreise allerdings um 1,7%. Somit fiel die Diskrepanz von 0,2% zu ungunsten der Arbeiter aus, während die Arbeitgeber auf eine Lohnsteigerung verweisen können.
Die Reallöhne sanken 2006 zum dritten Mal in Folge, was den Trend sinkender oder stagnierender Reallöhne seit 1992 fortsetzt.
Der wirtschaftliche Erfolg Deutschlands als „Exportweltmeister“ spricht bezüglich der Produktivitätssteigerung klare Worte. Der Produktivitätssteigerung nicht angepasste (möglicherweise sogar steigende) Löhne stehen effektiv für eine relative Lohnsenkung.

Es lässt sich also konstatieren, dass die jahresbezogene Tarifsteigerung von, im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt, 1,5% erneut unter dem kostenneutralen Verteilungsspielraum aus Preissteigerung (+1,7%) und Produktivitätszuwachs (+1,9% je Arbeitsstunde) lag.
Weiterhin kann der Lohn auch bei gleichzeitiger Verlängerung des Arbeitstages steigen, der Verlängerung der Arbeitszeit aber insgesamt unangemessen bleiben und dadurch gemindert werden.
„Durch Erhöhung der Intensität der Arbeit mag ein Mann [oder eine Frau] dazu gebracht werden, in einer Stunde soviel Lebenskraft zu verausgaben, wie früher in zwei.“ (Marx, ebd.).
Die fortschreitenden (Massen-)Entlassungen in den vergangenen Jahren führten notwendigerweise neben einer Verlängerung der Arbeitszeit zu einer Intensivierung der Arbeit. Etwaige Lohnsteigerungen lassen sich auch in diesem Zusammenhang durchaus als relative Kürzungen verstehen.
Zuletzt sollte den Ergebnissen von Tarifverhandlungen nicht ohne weiteres Glauben geschenkt werden. In jedem Jahr nach 1991 war die Differenz zwischen den tariflich vereinbarten Löhnerhöhungen und den tatsächlichen nämlich negativ.
Nach den WSI-Informationen zur Tarifpolitik besteht dafür ein Grund im Abbau übertariflicher Leistungen. Nach der Kürzung von Urlaubs- oder Weihnachtsgeld lassen sich Lohnsteigerungen auch über die Abnahme übertariflicher Leistungen verrechnen und somit reale Lohnsenkungen durchsetzen.

  1. Sofern nicht anders angegeben aus: „Verteilungspolitische Schieflage – Arbeits- und Kapitaleinkommen 1991-2006″ von Joachim Kreimer-de Fries und Bernhard Müller, Sozialismus 4/2007 [zurück]

Karl Marx, Rede über die Frage des Freihandels

Meine Herren! Lassen Sie sich nicht durch das abstrakte Wort Freiheit imponieren. Freiheit wessen? Es bedeutet nicht die Freiheit eines einzelnen Individuums gegenüber einem anderen Individuum. Es bedeutet die Freiheit, welche das Kapital genießt, den Arbeiter zu erdrücken.

Karl Marx, Rede über die Frage des Freihandels

Lohnpolitik mit Sinn und Marx

Laut den Aussagen einiger Spezialisten seien Lohnforderungen angesichts der konjunkturellen Lage unangebracht. Die Arbeitnehmer sollen vielmehr Lohnzurückhaltung üben, um den Aufschwung nicht zu gefährden. Galant übergehen diese Appelle natürlich auch faktische Lohnsenkungen in Gestalt von Arbeitszeitverlängerungen oder Intensivierung von Arbeit (auch) zur Zeit der wirtschaftlichen Stagnation.

Lohnforderungen von fünf Prozent passen nicht in die konjunkturelle
Landschaft. Der sich endlich abzeichnende vorsichtige Aufschwung darf
nicht gefährdet werden.

Mario Ohoven, Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft
(BVMW)

Wir brauchen dringend niedrigere Löhne, damit die Investitionsgüternachfrage wieder anspringt. Im zweiten Schritt wird
dies auch Jobs schaffen und damit die Konsumgüternachfrage
stimulieren.

Prof. Dr. Hans-Werner Sinn, Präsident des ifo-Instituts

Die Sprüche und Ideologien ändern sich ebenso wenig, wie die grundsätzliche Verfasstheit des warenproduzierenden Systems.
Zu exakt diesen Offenbarungen schreibt nämlich Karl Marx 1856 in „Lohn, Preis und Profit“:

Um nicht der Geprellte zu sein, muß er [der Arbeiter], selbst während eines (…) Sinkens der Marktpreise, mit dem Kapitalisten darüber markten, in welchem proportionellen Ausmaß eine Lohnsenkung notwendig geworden sei. Wenn er nicht bereits während der Prosperitätsphase, solange Extraprofite gemacht werden, für eine Lohnsteigerung kämpfte, so käme er im Durchschnitt eines industriellen Zyklus nicht einmal zu seinem Durchschnittslohn oder dem Wert seiner Arbeit. Es ist der Gipfel des Widersinns, zu verlangen, er solle, während sein Arbeitslohn notwendigerweise durch die ungünstigen Phasen des Zyklus beeinträchtigt wird, darauf verzichten, sich während der Prosperitätsphase schadlos zu halten.

Ein Sozialdemokratismus als endgültige Antwort auf diesen „Gipfel des Wiedersinns“ kann aber auch keine Lösung sein. Vielmehr setzt sich eine moderat sozialdemokratische Politik für den Gesamterhalt des Wert der Ware Arbeitskraft ein. Während der Aufschwung einige Arbeitsplätze beschert, der Arbeitsmarkt zumindest partiell geleert wird, relativiert sich auch das Erpressungspotential des Kapitals, was sich in selbstbewussten Lohnforderungen der Gewerkschaften wiederspiegelt. Neben der Nachfrage und damit dem Preis der Arbeitskraft, steigt auch die Produktivität, was den Wert der Arbeitskraft teilweise erhöht. Forderungen der SPD, den Aufschwung allen zugute kommen zu lassen, platziert diese Partei also auf dem Feld des besseren ideellen Gesamtkapitalisten.

Marx folgend heißt die Losung also:

Statt des konservativen Mottos: „Ein gerechter Tagelohn für ein gerechtes Tagewerk!“, sollte sie [die Arbeiterklasse] auf ihr Banner die revolutionäre Losung schreiben: „Nieder mit dem Lohnsystem!“