Archiv für Mai 2007

Bertold Brecht

Soll es ein andrer Mensch sein? Oder eine andre Welt?
Vielleicht nur andere Götter? Oder keine?

Bertolt Brecht, Der gute Mensch von Sezuan

Kurz(es) zum Aufschwung

Mit Aufschwung und Lohnverhandlungen ist „noch keine grundsätzliche Trendwende beim Preis der Ware Arbeitskraft absehbar. Die über einen langen Zeitraum vollzogene Absenkung der Reallöhne (auch durch Kürzungen beim Weihnachts- und Urlaubsgeld oder Arbeitszeitverlängerungen ohne Lohnausgleich) wurde durch diesen Abschluss bei weitem nicht auf die Schnelle ausgeglichen.“
Zudem droht „eine weitere Aufspaltung des Lohnniveaus zwischen Export- und Binnenökonomie“.
Natürlich setzt auch zu Zeiten des Aufschwungs die Verwertungslogik nicht aus. Deshalb sind aktuelle Lohnforderungen prädestiniert als Ursache für einen späteren „Abschwung“ herzuhalten. „Der Druck auf das Lohnniveau im Prozess der Globalisierung bleibt erhalten; die allzu eilfertig propagierte „Rückkehr zur Normalität“ birgt schon den Rückschlag in sich.“
Dann heißt es wieder: „den Gürtel enger schnallen, damit es dem Kapital endlich besser gehen kann.“ („Alle reden vom Aufschwung“)
Weiterhin ist es „keineswegs zufällig, dass der relativ gute Metall-Abschluss einher geht mit dem Versuch der Telekom, 50.000 Beschäftigte in den Niedriglohn-Bereich auszulagern.“.
Die Überzeugung, nach welcher erhöhte Profite stetig zu Lohnsteigerung, Arbeitsplatzsicherung und neuen Arbeitsplätzen beitragen erweist sich angesichts der Fakten als illusorisch. Neue Arbeitsplätze sind eben keine Garanten für eine ausreichende materielle Versorgung, sondern entstehen häufig nur, weil sie von prekären Beschäftigungsverhältnissen bestimmt oder im Niedriglohnbereich angesiedelt sind.
(Alle Zitate, sofern nicht anders angegeben, aus: „Der Preis der Arbeitskraft“)

Fragmente der Kritik: Muttertag

Die historische Parallele zum Nationalsozialismus im Hinterkopf, folgen kritische Anmerkungen zum Muttertag.
Besonders vor dem Hintergrund der „Demographiedebatte“ lohnt ein Blick auf den Tag, welcher der „Mutter“ gewidmet ist. Klar: hier geht es primär nicht um die Eigenschaften einer konkreten Person und ein etwaiges Verhältnis zu dieser. Vielmehr wird eine abstrakte Rolle bestimmter Frauen gefeiert, nämlich dieser, welche die Nation mit mehr oder weniger Menschenmaterial versorgt haben. Ein Dienst an der Nation, welcher angesichts von Schreckenszenarien der „Rentnerlast“ wieder besonders gefordert wird: anstatt Karriere zu machen, soll die Mutter, ganz dem „konservativen Feminismus“ entsprechend, in eine Rolle schlüpfen, welche dem „weiblichen Wesen“ angeblich am meisten gerecht werde und nebenher die erwünschte gesellschaftliche Funktion erfüllen.
Das ist keineswegs die idealistische Spinnerei von einem reaktionären Häufchen, welche leicht abgetan werden kann. Die „Demographiedebatte“ nämlich, welche ein unheilvolles Amalgam aus Kampfrhetorik, Verzichtsappellen, Überwältigungsphantasien, positivistischen Datenfluten und Rassismus formte, hat gezeigt, wie schnell sich die „nationale Sache“ gegen Frauen richten kann. Es fand und findet eine doppelte Stigmatisierung der Frau statt. Akademikerinnen ohne Kinder werden aufgrund ihrer Kinderlosigkeit stigmatisiert, Mütter mit niedrigem Bildungsstatus, weil sie keine familieninternen „Hilfslehrerinnen“ sind. Dementsprechend ist die Familienpolitik konzipiert, welche pronatalistisch und sozial differenzierend ausgerichtet ist: besonders besser gebildete Frauen und Familien werden staatlicherseits gefördert (zur Vertiefung der Thematik sei hier auf Text von Heike Kahlert in der PROKLA 146 verwiesen).
Das „Geschlecht“, sowie die entsprechende gesellschaftliche Rolle, ist also keineswegs unabhängig vom sozioökonomischen Rahmen zu denken.
Am Muttertag soll eben diese Rolle feierlich reproduziert und gefestigt werden. In den typischen Gedichte von Grundschulkindern zum Muttertag etwa, schlägt sich dies besonders nieder. Die Rolle (und der gesellschaftliche Zwang dieser zu entsprechen) wird auf zwei Ebenen gefestigt. Die kapitalistische Trennung von Produktion und Reproduktion und die Ausdifferenzierung dieser Bereiche in eigenständige Sphären erfordert je eine entsprechende Organisation dieser Tätigkeitsfelder. Die Frau ist traditionell für den Bereich der Reproduktion verantwortlich, worunter Erziehung des Nachwuchses, Versorgung des Ehemannes und gegebenenfalls Sorge um die eigenen Eltern fallen. Am Muttertag werden die Kochkünste, das abendliche Vorlesen usw. angepriesen, also die reproduktiven Tätigkeiten, welche der Frau zufallen. Weiterhin wird aber auch die „liebevolle Zärtlichkeit“, also die „sinnliche Emotionalität“ bemerkt, also ein angeblich „weibliches Schema“ bestätigt und damit duale Geschlechterverhältnisse auf einer quasi-natürlichen Ebene zementiert.
Eingangs wurde erwähnt, am Muttertag gehe es primär um ein abstraktes Muster der „Mutter“. Allerdings kann dieses Muster durchaus konkret und individuell aufgeladen werden. Einzelne Individualerfahrungen etwa, sind dann (neben dem Lob der Erziehungsqualität) nicht unwichtig und reichern das generelle Lob der Mutter an. Eine solche Modifikation wirft den ohnehin schon verworrenen Verhältnissen einen moralisch-liebevollen Schleier über, um einen authentisch stilisierten Schein der Humanität zu wahren. Das Konkrete widerspricht dem Abstrakten also nicht, sondern geht mit diesem eine Verbindung wechselseitiger Ergänzung ein.

8. Mai 1945


62. Jahre: Tag der Befreiung

Die deutschen Verbrechen wurden nicht in einem Kampf für ein „besseres Deutschland“, sondern durch die militärische Zerschlagung des ganzen Deutschlands beendet.