Archiv für April 2007

Lechts und Rinks bei den FDOG

Ein Blogeintrag der FDOG verquickt linksradikale Kritik der Verhältnisse und die Ideologie der RAF.
Der Eintrag auf dem FDOG-Blog reagiert auf ein Textfragment Gremlizas, welcher schrieb:

Unwidersprochen von seinen Kollegen hat ein Justizminister (Goll, FDP) dieser Tage erklärt, daß ›heftige Kapitalismus-Kritik‹ ein Vergehen ist, das mit der Verschärfung des Strafvollzugs geahndet werden muß.

Ob sich Gremliza derart ereifert hätte,

wenn einem NPD-Mitglied, das vor 30 Jahren mehrere rassistische Morde begangen hätte und in einem Grußwort an eine Konferenz der Nationalzeitung davon spräche, daß der “Kampf gegen die Überfremdung des deutschen Volkes” weitergehen müsse, Hafterleichterungen verweigert würden?

fragt nun der Autor des Textes auf dem Blog der FDOG.

Auf die Unredlichkeit eines solchen Vergleiches soll nicht eingegangen werden. Vielmehr auf die Implikation dieser Hypothese, nämlich auf das Ziel rechtsradikaler Kritik. Der „Kampf gegen Überfremdung“ läuft auf den Kampf gegen Migranten und Migrantinnen hinaus. Daher besteht zwischen der Forderung, welche auf den „Kampf gegen Überfremdung“ abzielt und dem (tödlichen) Angriff auf Menschen, ein enger struktureller Zusammenhang.
Dieser ist in Klars’ Grußwort so direkt nicht gegeben. Allerdings gibt es dennoch einen Punkt, welcher für eine personalisierte Kapitalismuskritik Klars spricht. Klar fragt in seinem Grußwortnach den Ursachen, welche das Ausbleiben einer massenrevolutionären Bewegung begründen. Diese sieht er dann in der Propagandamaschinerie von „Regierungen und große(n) professionelle(n) PR-Agenturen“ repräsentiert.
Zwar begünstigt die Identifikation ideologischer Bildungsprozesse mit einzelnen sozialen Akteuren nicht direkt ein gewaltsames Vorgehen gegen letztere. Dennoch sollte auf die barbarische Möglichkeit hingewiesen werden, welche in einer solchen verkürzenden Darstellung schlummert.
Wie es sich für so richtige Liberale gehört wird im Fortlauf des Textes die staatliche Toleranz gelobt und die Demokratie gepriesen. Nachdem also in untertäniger Manier die Staatsloyalität kundgetan wurde, wird es theoretisch noch undifferenzierter. Der FDOG-Autor zitiert Bettina Röhl. Zunächst wird das Phänomen RAF etwas monokausal auf „Egomanie“ und „Mediengeilheit“ reduziert, dann der eigentliche Grund des Scheiterns angegeben:

Sie hatten außer Destruktion gar kein Ziel. Und das ist der wahre Grund ihres Scheiterns.

Da im ersten Abschnitt des Blogeintrages nicht zwischen Kritik am Kapitalisten und Kritik am Kapital differenziert wurde, diese vielmehr ignoriert, scheinen die Worte von Bettina Röhl auch in diesem pauschlisierenden Sinne vom FDOG-Autor zitiert zu werden. Linke, notwendig destruktive Kritik wird hier dann mit der Forderung verknüpft, dem Konstruktiven nicht abzuschwören, sich also ihrer Radikalität zu entledigen.

Völkische Vision und geldfeindliche Utopie

Marginalien über den logischen Zusammenhang von Arbeitsstundenzetteln, Tauschringen und nationalsozialistischem Gesellschaftsideal.
Im Folgenden wird versucht der nationalsozialistischen Ideologie und geldfeindlichen, oft anarchistischen, Verirrungen von „Arbeitsstundenzetteln“ den gleichermaßen immanenten Hass auf das Abstrakte als wesentliches gemeinsames Moment nachzuweisen.
Zum Beginn sollen kurz einige Merkmale der nationalsozialistischen Ideologie beschreiben werden. Die deutsche Nation hat sich nach außen gegen das revolutionäre Frankreich und nach Innen besonders gegen Jüdinnen und Juden abgegrenzt. Das „echte“ und „ursprüngliche Volk“ sollte gegen diese vermeintlichen Feinde verteidigt werden. Das wahre Volk sollte sich dann im Kampfe gegen äußere Feinde selber finden und definieren. Das ideologische Konstrukt „Volk“, ein Resultat eines ideengeschichtlichen Prozesses, wurde als naturgegeben verstanden und damit zur „Rasse“ verklärt. Das Natürliche, welches anbetracht innerer und äußerer Feinde zu verkommen drohte, sollte sich zur Wehr gegen „Mammonismus“, Moderne usw. setzen. Die Idealisierung des „Natürlichen“ und „Urtümlichen“ wurde zum Hass gegen alles Gewordene, gegen „Künstliches“, welches sich seiner eigenen Bedingtheit bewusst war. Im Nationalsozialismus galt etwa als „jüdisch versippt“, was mit der Moderne identifiziert wurde. Das Ideal des nationalen Sozialismus stellt vor diesem Hintergrund die Verteidigung „ehrlicher“, „wahrer“, „schaffender deutscher Arbeit“ und des vermeintlich „ursprünglichen“ Gemeinschaftsleben der deutschen Dorfgemeinschaft gegen die, als „jüdisch“ empfundene, Großstadt dar. Weiterhin sollte die „Volksgemeinschaft“ gegen ausländisches aber primär „jüdisches“ Finanzkapital verteidigt werden. Das Urvolk sollte an die Vorstellung von „Blut und Boden“ anknüpfen und vor „jüdischer Infiltration“ geschützt werden.
Hier dringt die „Sehnsucht nach Unmittelbarkeit“ (sinistra) durch. Diese Sehnsucht spiegelt sich auch in den Ideen von Tauschringen oder Schwundgeld wieder. Einmal halten diese die warme Geborgenheit und urige Gemütlichkeit der mikrokosmischen (Tausch-)Gemeinschaft der als „kalt“ empfundenen Gesellschaft gegenüber. Ausbeutungs- und Abhängigkeitsverhältnisse werden emotional und durch persönliche Bindung zu verdecken ersucht. Nicht durch Aufhebung sondern durch unmittelbare zwischenmenschliche Beziehung soll der modernen Gesellschaft ein „menschliches Antlitz“ verliehen werden. Neben dieser gefühlsduseligen Fassung gibt es aber auch ökonomische Ideen und Konzepte, welche der Realität übergestülpt werden sollen. Das „Arbeitsgeld“ oder die so genannten Arbeitsstundenzettel sind dafür ein sehr prominentes Beispiel. Es handelt sich bei Arbeitsstundenzetteln nicht um Geld welches sich in der Zirkulationsspähre der kapitalistischen Warenproduktion befindet, sondern vielmehr um Anzeiger der unmittelbar auf ein Produkt verausgabten Arbeitszeit.
Zum weiteren Verständnis sind kurz einige generelle Vorbemerkungen nötig. Arbeit wird konkret-sinnlich verausgabt und produziert gleichermaßen konkrete Produkte. Dennoch müssen in Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, die unterschiedlichsten Produkte als Waren getauscht werden. Dies ist nur möglich, wenn sich konkrete Arbeitserzeugnisse auf ein gemeinsames Drittes reduzieren lassen. Dies ist die abstrakte Seite der Ware, ihre Wertform, welche für ihre adäquate Darstellung die Existenz von Geld benötigt. Verausgabte Arbeit gilt also nie in ihrer konkreten Form, sondern erlangt ihre Gesellschaftlichkeit und Tauschfähigkeit erst über die abstrakte Wertebene, welche die Realabstraktion Geld notwendig macht. Letzteres misst nämlich den Wert verschiedener Waren bei gleichzeitiger Reduktion der konkreten Individualität verschiedener Arbeiten auf ein Gemeinsames, also Geld selber. Anders als anhand des Geldes als Vermittlungselement zwischen Konkretem und Abstraktem, lassen sich Arbeitsprodukte nicht vergleichen und daher auch nicht tauschen. Per Arbeitsstundenzettel soll die auf ein Produkt verausgabte Arbeitszeit allerdings direkt gemessen werden. Es gibt dann keine Reduktion der individuell verausgabten Arbeit auf gesellschaftlich-gültige (notwendige; durchschnittliche?) Arbeit. Geld, das adäquate Ausdrucksmittel von individuell geleisteter Arbeit, welche eben in Wert- und schließlich in Geldform gesellschaftlich gültige Arbeit wird, fällt dann weg. Die Arbeitsstundenzettel oder das Arbeitsgeld setzt unmittelbar vergesellschaftete Arbeit voraus. Individuell geleistete Arbeit muss sich, das widerspricht der Idee von Arbeitstundenzettel prinzipiell, allerdings erst als gesellschaftlich gültige Arbeit bewähren und in Geld bemessen werden. Dann erst ist die individuelle Arbeit vergesellschaftete Arbeit. Die Ideologie der Arbeitsstundenzettel naturalisiert die basalen Kategorien der kapitalistischen Ökonomie. Vor allem die Ware und das Tauschprinzip werden als die natürlichen Grundlagen jeder menschlichen ökonomischen Tätigkeit (genau genommen entspringt die Beschreibung einer Tätigkeit als „ökonomisch“ auch erst einer historisch gewordenen spezifischen Produktionsweise) hypostasiert. Diese Kategorien werden als das Konkrete aufgefasst, welche dem Abstrakten, der Realabstraktion Geld und dem Wertprinzip, eigentlich widerspreche und entgegenzusetzen sei. Unmittelbarkeit soll durch die Destruktion der Wertvermittlung realisiert werden. Dieses Vorhaben ist innerhalb einer warenproduzierenden Gesellschaft aber eine reine Illusion, da diese die Geldform notwendig macht. „Ebensowohl könnte man den Papst abschaffen und den Katholizismus bestehen lassen.“ (Marx).
Eine solche Verkennung des kapitalistischen Gesamtzusammenhangs führt notwendigerweise zu der Ideologie einer „natürlichen Wirtschaftsordnung“, welche sich aus der Naturalisierung von Warenproduktion und dem gedachten Widerspruch abstrakter Wertebene und konkreter Produktionsebene ergibt. (Zum Zusammenhang von dieser absoluten Trennung und Antisemitismus siehe: Verkürzte Kapitalismuskritik, letzter Absatz)
Die Naturalisierung einer Wirtschaftsstruktur, eine vermeintlich „natürliche Wirtschaftsordnung“ entspricht in einer gewissen Hinsicht dem naturalisierenden Begriff des „Volkes“. Denn beide sind das Resultat einer gegenseitigen Ausspielung des Abstrakten und des Konkreten. Das angeblich „Wahre“ und „Natürliche“ müsse gegen die „kapitalistischen oder modernen Entartungen“ verteidigt werden. Dass hier jegliche gesellschaftliche Totalität eines warenproduzierenden Systems übergangen wird dürfte das harmloseste Element der Verirrung sein.
Es handelt sich beim nationalen Sozialismus und den Arbeitstundenzetteln (Tauschringen oder Schwundgeldkonzeptionen) nicht um lediglich in der konkreten Ausformung parallele oder ähnliche Vorstellungen. Vielmehr teilen beide wichtige Prämissen und Implikationen welche konstitutiv für eine negative Aufhebung der kapitalistischen Produktionsweise sind. Es gibt also eine engere Verknüpfung beider Ideologien. Beispielhaft für eine reale Zusammenkunft dieser Ideologien dürfte der Lebensabend Silvio Gesells, ein Verfechter von geldfeindlichen Ideen, sein. Dieser verbrachte seine letzten Tage in einer Lebensgemeinschaft, welche autark produzierte, eine deutsch-völkische Gesinnung und „deutsches Ariertum“ zu ihren Beitrittsvorrausetzungen erklärte.

Bloch, Marx, Hoffnung und Utopie

Ernst Bloch:

„Kein Zweifel allemal, und es wurde auch keiner daran gelassen: eine unerhellte, ungelenkte Hoffnung führt leicht nur abseits, denn der wahre Horizont reicht nicht über die Erkenntnis der Realitäten, aber grade diese Erkenntnis, wenn anders sie marxistisch ist und nicht mechanistisch, zeigt die Realität selber als eine – des Horizonts – und die informierte Hoffnung als eine dieser Realität gemäße.“

Der Menschheitssinn des Überschreitens öffnet den Zugang „zu jenem Meer des objektiv-real Möglichen, das der Positivismus nichts austrocknen kann, die Spekulation nicht ungeregelt befahren soll.“

„[Die] Hoffnung der Zukunft verlangt ein Studium, das die Not nicht vergisst und den Exodus erst recht nicht.“

Karl Marx:

„Wir wollen nicht dogmatisch die Welt antizipieren, sondern in der Kritik der alten die neue finden.“