Fragmente der Kritik: Hedonismus

Der Hedonismus scheint eine, der herrschenden Verwertungslogik widersprechende, Idee zu sein, welche nahezu sämtliche emanzipatorischen Gedanken absorbiert.
Der Hedonismus als Denkprodukt oder Ideologie entspringt den gesellschaftlichen Zuständen, welche durch die kapitalistische Produktion vollständig determiniert sind. Er negiert die Imperative, welche dem Individuum durch das falsche Ganze aufgezwungen werden. Als utopisches Konzept macht der Hedonismus keinen Sinn, weil sein Inhalt die Negation selber ist. Die Negation des Hedonismus, welche immer praktisch sein muss1, gleicht nicht der theoretischen, welche das Bestehende transzendiert. Letztere Negation erhebt sich selber nicht zum Zweck. Durch diese Form der Negation nämlich soll in der alten Welt die neue gefunden werden. In gewisser Weise ist die Negation Mittel zum Zweck.
Die praktische Negation des Hedonismus ist aber Selbstzweck. Der Selbstzweckcharakter begreift die geknechtete Situation des Individuum unter kapitalistischen Bedingungen nicht und weist folglich auch nicht darüber hinaus. Sein Wesen besteht in der unmittelbaren Praktizierung. Der Hedonismus perpetuiert also das Bestehende und setzt sich so in ein affirmatives Verhältnis zu den herrschenden Zuständen.
Wirkliches Glück, also die dauerhafte Aufhebung von Leid, kann der Hedonismus nicht garantieren, weil er auf die gegebenen Zustände fixiert ist. Damit verrät er sein angebliches Ziel.
In diesem Zusammenhang kann ein bereits angesprochener Gedanke aufgegriffen werden. Der Hedonismus fußt auf der Faktizität bürgerlicher Gesellschaft und situiert Glück ausschließlich im Genuss, in der Konsumtion. Der Gegensatz von Produktion und Konsumtion ist aber ureigene Gewalt kapitalistischer Reproduktion. Produktions- und Arbeitsverhältnisse so zu gestalten, dass sie für das Individuum keine Qual mehr bedeuten ist ein Ziel der freien Assoziation der Individuen und kommunistischer Kritik. Glück sollte demnach möglichst umfassend erfahren werden können, aber nicht auf einen abgetrennten Bereich (diese Sphärentrennung ist schon kapitalistischer Qualität) zentriert sein. Der Hedonismus muss also als eine Idee verstanden werden, welche eine Reaktion auf die schlechte Wirklichkeit und Qualität von Produktion und Konsumtion und deren Trennung überhaupt repräsentiert.
In der Idee des Hedonismus ist, dem hedonistischen Wesen nach, die Reflexion über die gesellschaftlichen Ursachen nicht enthalten. Diese muss von außen als Kritik an den Hedonismus herangetragen werden.
Diese Kritik darf dem Individuum nicht den Genuss verbieten, sondern muss auf den immanenten und statischen Charakter des Hedonismus hinweisen und aufzeigen, warum Hedonismus kein Ziel von Gesellschaftskritik sein kann.

  1. Damit ist allerdings nicht die praktische Negation im Sinne einer Revolution gemeint, sondern auf die im Bestehehden erfolgende Praktizierung. [zurück]

8 Antworten auf “Fragmente der Kritik: Hedonismus”


  1. Gravatar Icon 1 hedonist? 16. März 2007 um 0:25 Uhr

    „als utopisches konzept macht der hedonismus keinen sinn […]“

    ach nee! jede/r halbwegs intelligente hedonist/in (der/die auch mal lust hat, sowas hier zu konsumieren) ist sich doch des hobby- und v.a. ego-charakters des hedonismus bewusst. dass jemand den hedonismus ernsthaft als gesellschaftskritisches mittel wahrnimmt, wäre mir echt neu. du schreibst:

    „wirkliches glück, also die dauerhafte aufhebung von leid, kann der hedonismus nicht garantieren, weil er auf die gegebenen zustände fixiert ist. damit verrät er sein angebliches ziel.“

    1. verstehen manche menschen unter wirklichem glück etwas anderes, im extrem nur ihr persönliches, momentanes.

    2. falls du doch recht hast und das angebliche ziel des hedonismus ist eine dauerhafte und glückliche gesellschaft, interessiert es mich, wo du das her hast. (diese literatur sollte doch mal dringend überholt werden)

    3. ist glück sowieso nur als kontrast mess- und erfahrbar. wer wochenlang nur sonne hat, nennt und fühlt denn auch regen sein glück.

    und 4. frage ich mich, ob du (und auch ich) das wirkliche konzept des hedonismus verstanden haben. ich habe eher das gefühl, der hedonismus wendet sich im gegensatz zu vielen anderen gesellschaftskritischen ideen mehr vom individuum an sich selbst als an die gesellschaft. denn wie ein hedonistisch denkendes und handelndes subjekt seine wirkliche gesellschaftskritik formuliert, das hat sich mir noch nicht ganz erschlossen.

  2. Gravatar Icon 2 schorsch 16. März 2007 um 16:26 Uhr

    „ dass jemand den hedonismus ernsthaft als gesellschaftskritisches mittel wahrnimmt, wäre mir echt neu.“

    Naja, dann haben wir wohl unterschiedliche Erfahrungen gemacht.
    Aber zusätzlich möchte ich ergänzen, dass der Begriff eines Konzeptes für die Projektionen in den Hedonismus wohl etwas übertrieben war. „Utopische Vision“ oder „Verweigerungshaltung“ trifft es da wohl eher. Auch schließt sich die Vorstellung vom Hedonismus als „utopische Vision“ mit dem Bewusstsein über den Ego- und Hobby-Charakter des Hedonismus ja nicht aus. Ich würde sogar so weit gehen und letztere als Vorraussetzung des ersteren verstehen.

    Zu 1. Da müsste man halt den Glücksbegriff diskutieren. Ich denke aber schon, dass dieser nicht positiv bestimmt werden kann, sondern nur negativ, als Kritik des Gegebenen. Und diesbezüglich ist die von mir gelieferte Anmerkung dann auch sinnvoll: Selbst individuelles Glück ist demnach nämlich nur möglich, wenn das was ist eben nicht mehr besteht.

    Zu 2. siehe die ersten Anmerkungen. Hedonismus wird doch oft als eine Reaktion, welche emanzipatorisch ist und über das gegebene hinausweist, weil es den Genuß und nicht die Erzeugung von Mehrwert in den Vordergrund stellt, aufgefasst. Ich spreche hierbei weniger von Büchern als von den Überzeugungen, welche ich erfahrungsmäßig mitbekomme. Im Zusammenhang mit dem Utilitarismus denke ich aber schon, dass der Hedonismus als Konzept gedacht wird.

    Zu 3. In diem Beispiel mag der Aspekt des Kontrastes gegeben sein. Ob du allerdings nach Jahren, welche von Krankheits- und Unfallsabsenz geprägt waren, froh bist, wenn du dir endlich noch mal ein Bein brichst wage ich zu bezweifeln.

    Zu 4. Einmal müsste erarbeitet werden, inwiefern subjektives Glück durch Objektives konstituiert wird. Ich denke schon, dass es dort eine Vermittlung gibt.
    Weiterhin würde ich deiner Trennung zwischen Gesellschaft und Individuum so nicht ganz zustimmen.
    Zum einen sollte eine gesellschaftskritische Idee oder Theorie doch grade dem Individuum einen besonderen Stellenwert beimessen und untersuchen, wie die Zusammenhänge zwischen Individuum und Gesellschaft beschaffen sind. Ich denke daher, dass es nicht richtig ist eine Trennung zwischen dem Individuum und der Gesellschaft zu postulieren, weil sich das Individuum stets „in Gesellschaft“ befindet und so individuelles stets vor dem gesellschaftlichen Kontext betrachtet werden muss. Grade weil sich der Hedonismus nur auf das Individuum konzentriert ist es interessant und wichtig die gesellschaftlichen Bedingungen von einem solchen Bestreben zu reflektieren.

  3. Gravatar Icon 3 Väterchen Franz 21. März 2007 um 15:44 Uhr

    Da ich mich öffentlich ganz gerne zum Hedonismus bekenne, bereitet mir dieser Abschnitt noch Sorgen:

    Als utopisches Konzept macht der Hedonismus keinen Sinn, weil sein Inhalt die Negation selber ist. Die Negation des Hedonismus, welche immer praktisch sein muss1, gleicht nicht der theoretischen, welche das Bestehende transzendiert. Letztere Negation erhebt sich selber nicht zum Zweck.

    Bezieht sich deine Kritik nur auf dem praktischen Hedonismus?
    Solange der theoretische Hedonismus transzendent ist, ist er weder statisch noch auf bürgerliche Lebens- bzw. eher Arbeitsweisen fixiert, sondern auf das Ziel maximaler Bedürfnisbefriedigung, indirekt „Glück“.

    Wenn wir nun davon ausgehen, theoretischen Hedonismus als Ziel zu setzen und die Gesellschaft daran zu messen, inwiefern sie ihn erfüllt (nicht andersrum, der statische Punkt ist hier das Bewusstsein des Individuums, nicht die Produktionsweise), ist das zwar verflucht ideologisch, aber mE durchaus mit Gesellschaftskritik verknüpfbar, im Kapitalismus gibt’s davon schließlich nicht allzu viel für die meisten Leute.

    Der Ego-Charakter muss ebenso nicht unbedingt sein, der ist ja wieder immanenter Bestandteil von unserer Gesellschaft hier, in der man sein maximales „Glück“ nur dann erreicht, wenn man andere untergräbt.

  4. Gravatar Icon 4 schorsch 21. März 2007 um 16:15 Uhr

    Also ich mache keinen Unterschied zwischen praktischem und theoretischem Hedonismus. Die Negation, welche der Hedonismus (scheinbar) innehat ist immer praktisch. Die theoretische Negation, ist nie Selbstzweck, sondern hat ein Ziel außer sich, der Hedonismus nicht.
    Ich denke, der Hedonismus ist nie wirklich in der Lage ist, das Bestehende zu transzendieren, weil er eben auf die kapitalistische Wirtschaftsweise verweist, den kapitalistischen Gegensatz von Produktion und Konsumtion nicht reflektiert und z.B. das bürgerliche Monadendasein ebenso außen vor lässt.
    Also ich kenne den Hedonismus eher nicht als Modell, welches etwa mit „Streben nach Bedürfnisbefriedigung“ übersetz werden kann. Angenommen, man tut jetzt mal so, dann kann der Hedonismus z.B. gar keine Handlungsweisung sein, weil Bedürfnisbefriedigung unter bestehenden Verhältnissen eher nicht zu haben ist.
    Sonst Zustimmung für den nächsten Absatz, aber auch dafür gilt ja, dass der Hedonismus nicht Ziel an sich ist, sondern eher Mittel zum Zweck und seine Bedeutung modifiziert wurde.
    Der Ego-Charakter deutet m.E. vor allem auf das Bestehende, das schreibe ich ja ganz am Anfang und gebe damit auch deiner Anmerkung recht. Allerdings muss natürlich die Frage gestellt werden, inwieweit ein „vernünftiger Egoismus“ an Fragen zur Wirtschaftsstrukturierung anschließen könnte. Reformen usw. werde ja oft auch mit dem Verweis auf den „gemeinsamen Verzicht“ legitimiert. Ganz zu schweigen von der „Du bsit Deutschland“ Kampagne.

  5. Gravatar Icon 5 Väterchen Franz 21. März 2007 um 18:55 Uhr

    Ich denke, der Hedonismus ist nie wirklich in der Lage ist, das Bestehende zu transzendieren, weil er eben auf die kapitalistische Wirtschaftsweise verweist, den kapitalistischen Gegensatz von Produktion und Konsumtion nicht reflektiert und z.B. das bürgerliche Monadendasein ebenso außen vor lässt.

    Liegen uns da andere Definitionen von Hedonismus vor?
    Ich definiere Hedonismus erstmal als Streben nach „Lust“ an sich, und da ich den Glücksbegriff ziemlich blöde finde („Mit wenig glücklich sein“ usw), übersetze ich das mit Bedürfnisbefriedigung, das siehst du wohl anders?

    In (meiner)/der Theorie setzt du also den Hedonismus als Faktum, ebenso werden die Bedürfnisse des Individuums als immanent angesehen, die Transzendenz ist da mE schon gegeben, wenn du also wie Torsun Auto, Benzin und mit cooler Sonnenbrille um die Häuser zieh‘n möchtest, stellst du ganz theoretisch fest, dass das hier ohne „Unlust“ Arbeit nicht viel wird. Daraus eine – wenn auch primitive – Gesellschaftskritik zu ziehen ist kein Muss, APPD-Niveau wäre zB. auch eine Möglichkeit, aber widersinnig ist der Hedonismus der kommunistischen Kritik in meinen Augen nicht.

    Dass praktischer Hedonismus eine „Spaßgesellschaft“ ist, die bürgerliche Zielsetzungen zwar als immanent anerkennt, und daraus die Bedürfnisse als variabel ansieht, also genau das Gegenteil, und jetzt versucht „das Beste draus zu machen“, sehen wir ja an diesem Einschränkungsunsinn.

  6. Gravatar Icon 6 schorsch 21. März 2007 um 23:55 Uhr

    In gewisser Weise schon. Denn Bedürfnisbefriedigung kann auch sehr „affirmativ“ gefasst werden. Glück ist da umfassender und versteht darunter nicht nur den sinnlichen Genuss, sondern subsumiert disponible Zeit, angenehme Arbeitsbedingungen, andere Verhältnisse der Individuen untereinander, Wege der Entscheidungsfindung usw.
    Der Hedonismus ist also nicht umfassend, sondern konzentriert sich auf eine Sphäre des Lebens, welche als solche schon Produkt kapitalistischer Produktionsweise ist.
    Ich stimme dir zu, dass eine Verweigerungshaltung anschlussfähig an emanzipatorische Strategien und/oder Gedanken sein kann aber nicht muss.
    Der Hedonismus ist, einmal abgesehen von Einschränkungsideologien, schon eine Negation eben dieser Einschränkungsideologien, welche als ideologische diskursive Rekonstruktion des kapitalistischen Leistungsprinzips betrachtet werden können (z.B.: „Es gibt kein Recht auf Faulheit.“)
    Die hedonistische Negation kann aber nicht warten. Sie muss direkt und unmittelbar sein. Es gibt kein Übersetzungsstadium zwischen der Negation und Realität, keine verschiedenen Qualitäten der Negation. Hier wäre auch zu überlegen, inwiefern der Hedonismus barbarisch aufgeladen werden kann. (Bitte nicht als Vorwurf in deine Richtung verstehen, ist wirklich nur ein zufällig-beiläufiger Gedanke)
    Die theoretische Erfassung und Negation der Realität kann zwar kritisieren, aber auch einsehen, dass eine Revolution unter gegebenen Umständen nicht möglich ist, also die Chance der praktischen Negation, also der Revolution einschätzen.

  7. Gravatar Icon 7 hedonist! 30. März 2007 um 4:04 Uhr
  8. Gravatar Icon 8 antikapl 14. April 2007 um 20:17 Uhr

    Man könnte vielleicht noch anmerken, dass das Glückversprechen des Hedonismus ja auch ein höchst trügerisches ist, da es 1. nur unter entsprechenden materiellen Vorraussetzungen zu erreichen ist (Hedonismus ist also immer nur eine Denkform für die wenigen Nutznießer der Ausbeutung) und 2. den Konsum im Kapitalismus, der ja auch eine hochgradig entfremdete Form darstellt, keinerlei Kritik unterzieht. Selbst wenn ich in der glücklichen materiellen Lage bin, mir im Kapitalismus (fast) alles kaufen zu können, was ich will, heißt das ja noch lange nicht, dass ich deswegen wirklich glücklich, wirklich befriedigt bin, da es immer Bedürfnisse gibt, die der Konsum nicht erfüllen kann bzw. die von diesem nur in sublimierter Form scheinerfüllt werden.
    Ich glaube, es ist ein Fehler vieler Linker, ihre Kritik allein auf die Sphäre der Arbeit bzw. Produktion zu beziehen, und der dann die Sphäre des Konsums bzw. der Freizeit als „richtiges im Falschen“ entgegenzuhalten.

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