Archiv für März 2007

Einen interessanten Artikel über den inneren Zusammenhang von Technologieentwicklung und kapitalistischer Rationalität und die Erscheinung dieser in einer „Governance der Zukunftsversprechen“beschreibt Schaper-Rinkel am Beispiel der Nanotechnologie.

nachdenklich reflektiert über einen willkommenen Justizskandal.

Fragmente der Kritik: Hedonismus

Der Hedonismus scheint eine, der herrschenden Verwertungslogik widersprechende, Idee zu sein, welche nahezu sämtliche emanzipatorischen Gedanken absorbiert.
Der Hedonismus als Denkprodukt oder Ideologie entspringt den gesellschaftlichen Zuständen, welche durch die kapitalistische Produktion vollständig determiniert sind. Er negiert die Imperative, welche dem Individuum durch das falsche Ganze aufgezwungen werden. Als utopisches Konzept macht der Hedonismus keinen Sinn, weil sein Inhalt die Negation selber ist. Die Negation des Hedonismus, welche immer praktisch sein muss1, gleicht nicht der theoretischen, welche das Bestehende transzendiert. Letztere Negation erhebt sich selber nicht zum Zweck. Durch diese Form der Negation nämlich soll in der alten Welt die neue gefunden werden. In gewisser Weise ist die Negation Mittel zum Zweck.
Die praktische Negation des Hedonismus ist aber Selbstzweck. Der Selbstzweckcharakter begreift die geknechtete Situation des Individuum unter kapitalistischen Bedingungen nicht und weist folglich auch nicht darüber hinaus. Sein Wesen besteht in der unmittelbaren Praktizierung. Der Hedonismus perpetuiert also das Bestehende und setzt sich so in ein affirmatives Verhältnis zu den herrschenden Zuständen.
Wirkliches Glück, also die dauerhafte Aufhebung von Leid, kann der Hedonismus nicht garantieren, weil er auf die gegebenen Zustände fixiert ist. Damit verrät er sein angebliches Ziel.
In diesem Zusammenhang kann ein bereits angesprochener Gedanke aufgegriffen werden. Der Hedonismus fußt auf der Faktizität bürgerlicher Gesellschaft und situiert Glück ausschließlich im Genuss, in der Konsumtion. Der Gegensatz von Produktion und Konsumtion ist aber ureigene Gewalt kapitalistischer Reproduktion. Produktions- und Arbeitsverhältnisse so zu gestalten, dass sie für das Individuum keine Qual mehr bedeuten ist ein Ziel der freien Assoziation der Individuen und kommunistischer Kritik. Glück sollte demnach möglichst umfassend erfahren werden können, aber nicht auf einen abgetrennten Bereich (diese Sphärentrennung ist schon kapitalistischer Qualität) zentriert sein. Der Hedonismus muss also als eine Idee verstanden werden, welche eine Reaktion auf die schlechte Wirklichkeit und Qualität von Produktion und Konsumtion und deren Trennung überhaupt repräsentiert.
In der Idee des Hedonismus ist, dem hedonistischen Wesen nach, die Reflexion über die gesellschaftlichen Ursachen nicht enthalten. Diese muss von außen als Kritik an den Hedonismus herangetragen werden.
Diese Kritik darf dem Individuum nicht den Genuss verbieten, sondern muss auf den immanenten und statischen Charakter des Hedonismus hinweisen und aufzeigen, warum Hedonismus kein Ziel von Gesellschaftskritik sein kann.

  1. Damit ist allerdings nicht die praktische Negation im Sinne einer Revolution gemeint, sondern auf die im Bestehehden erfolgende Praktizierung. [zurück]

Die Würde des Deutschen

Man muss Demokraten nur zitieren, um sie lächerlich zu machen:

Dort [erster Artikel der Verfassung] steht nicht: „Die Würde des Deutschen ist unantastbar“, sondern : „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Dabei bleibt es; käme es anders, gerade dann wäre es um die Würde der Deutschen geschehen. Richard von Weizsäcker

Nach einem scheinbaren Anflug kosmopolitischer Gesinnung wird der nationalistische Grundtenor wieder ausgepackt.

Heinrich Heine (2)

Heine erkannte die Gefahr, welche die politische Lyrik zu seiner Zeit mit sich bringt, nämlich intellektuelle Rezession und Akzentuierung der reinen Gesinnung und des Gefühls. (siehe hierzu: „Der Glaube ist was für Liberale“)
In diesem Zusammenhang ist auch seine Position bezüglich des Kommunismus interessant. Sein Blick auf den Kommunismus war ambivalent, da er einerseits die Vorteile und die Notwendigkeit von diesem sah, andererseits aber gewisse barbarische Qualitäten fürchtete. Im Vorwort zur französischen Ausgabe von „Lutetia“ bemerkt er:

Wahrhaftig, nur mit Schauder und Schrecken denke ich an die Zeit, da diese finsteren Bilderstürmer zur Herrschaft gelangen werden; mit ihren schwieligen Händen werden sie erbarmungslos alle Marmorstatuen der Schönheit zerbrechen, die meinem Herzen so teuer sind; sie werden all jene Spielereien und phantastischen Nichtigkeiten der Kunst zertreten, die der Dichter so liebte; sie werden meine Lorbeerhaine zerstören und dort Kartoffeln anpflanzen (…) und … – ach! mein Buch der Lieder wird dem Gewürzkrämer dazu dienen, Tüten zu drehen, in die er den armen, alten Frauen der Zukunft Kaffee und Tabak schütten wird.

Einem Kommunismus nach dem Vorbild der Sowjetunion, einem mechanistischen Arbeiterparadies kann Heine keine positiven Erwartungen entgegenbringen.
Hier ist bemerkenswert, dass Heine den Selbstzweck der Kunst betont. Adorno versteht in dem Selbstzweck der Kunst einen utopischen Charakter, welcher, grade weil er nur sich als Zweck setzt und keinem weiterem, etwa dem Zweck, Mehrwert zu erzeugen folgt, ein nicht-kapitalistischen Moment. Ein „Kommunismus“, in welchem die Warenform weiter existiert, setzt die Barbarei der kapitalistischen Rationalität fort.
Das scheinen Heines Befürchtungen anzudeuten: Eine Gesellschaftsform, welche auf den ersten Blick zwar kommunistisch zu sein scheint, dem Wesen nach aber kapitalistisch und dementsprechend nicht emanzipatorisch ist und sich in letzter Konsequenz gegen das Individuum richtet.
Weiterhin bestätigt sich in dieser Kritik und in Verbindung mit seiner Kritik der wütenden Masse mit „leerem Kopf“ (siehe oben) sein ideologiekritisches Anliegen. Viel früher als viele Marxisten erkennt er also, dass die Klasse an sich keine positive Kategorie ist, sondern problematisiert werden muss. Diese Vorahnung sollte eine angemessene Ausformulierung erst durch Theodor W. Adorno erfahren. „Wer Denkt ist nicht wütend“. Diese Feststellung stammt zwar von Adorno, steht aber beispielhaft und zentral für Heines kritische Interventionen. Die arbeiterklassenromantische Verirrung des Traditionsmarxismus liegt Heine völlig fern. Sein Blick ist somit realistischer, pessimistischer und viel differenzierter, als dieser seiner kommunistischen oder sozialistischen Nachfolger und nimmt einiges an Gedanken vorweg.
Weiterhin sah Heine die Gefahren auch in nationalistischen Bestrebungen zu seiner Zeit.

Zwar wird häufig eingewendet, Heine hätte sich nur gegen „Alt-Deutschland“ ausgesprochen und Kritik im Namen des „wirklichen Patriotismus“ geäußert.
Allerdings sollte einerseits nicht vergessen werden, dass es anachronistisch gewesen wäre, wenn Heine schon seinerzeit den modernen Nationalstaat, welcher erst langsam entstand, kritisiert hätte.
Andererseits hat Heine schon sehr früh verstanden, dass die Vaterlandsliebe mit dem „Hass des Fremden“ (zit. n. Wikipedia) einhergeht. Er hat sich nicht euphorisch in nationale Bestrebungen eingegliedert, sondern stand diesen äußerst kritisch gegenüber. (siehe auch: Anmerkungen gegen Burschenschaften)

Weiterhin zeigt Heine künftige Barbarei mit beeindruckender Antizipationsleistung in der Vorrede „Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland.“:

Der Gedanke geht der Tat voraus, wie der Blitz dem Donner. Der deutsche Donner ist freilich auch ein Deutscher und ist nicht sehr gelenkig und kommt etwas langsam herangerollt; aber kommen wird er, und wenn Ihr es einst krachen hört, wie es noch niemals in der Weltgeschichte gekracht hat, so wißt, der deutsche Donner hat endlich sein Ziel erreicht. Bei diesem Geräusche werden die Adler aus der Luft tot niederfallen, und die Löwen in der fernsten Wüste Afrikas werden die Schwänze einkneifen und sich in ihren königlichen Höhlen verkriechen. Es wird ein Stück aufgeführt werden in Deutschland, wogegen die französische Revolution nur wie eine harmlose Idylle erscheinen möchte.

In der gleichen Vorrede warnt er vor Fichteanern und Naturphilosophen, hat dementsprechend eindeutig kein Gefallen an Herder, Fichte und ähnlichen Ideologen, also an naturalistisch-romantischen Erklärungen des sich abzeichnenden völkischen Nationalismus in Deutschland. (siehe auch Exkurs zu Fichte in„Deutscher Antikapitalismus – die Sehnsucht nach der Barbarei“)
Es würde der Position Heines also nicht gerecht werden, diese als quasi-patriotische zu verklären. Dies würde auch den kritisch-marxistischen, immerfort provozierenden und zum vernünftigen und autonomen Denken anregenden Gehalt Heines Denkens verwässern.
In diesem Sinne:

Denk’ ich an Deutschland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht.