Wendl gegen „menschenunwürdige Löhne“

Aktuelle Anmerkungen gegen Aufschwungseuphorie gibt es in einem Interview mit Michael Wendl, stellvertretender Vorsitzender von Verdi in Bayern.

Allerdings macht es sich Wendl zu einfach, wenn er sagt:

Als Unternehmer sollte man dazu verpflichtet sein, menschenwürdige Löhne zu zahlen. Und ein Unternehmen, das nur existiert, weil es niedrigste Löhne zahlt, sollte besser ganz vom Markt verschwinden.

Zunächst entbehrt es nicht einer gewissen Komik zu fordern, dass „menschenunwürdige Löhne“1 zahlende Unternehmen vom Markt verschwinden sollten. Es sollte doch überraschen, dass obwohl fast alle ihre Stimme gegen Niedriglöhne erheben, die Unternehmen, welche niedrige Löhne zahlen, trotz dem frommen Wunsch Wendls auf dem Markt fortbestehen. Wendl übergeht geflissentlich ein Wesensmerkmal der kapitalistischen Produktion, wenn er moralische Forderungen oder Wünsche aufstellt: Denn grade weil Unternehmen ihren Beschäftigten niedrige Löhne zahlen, können sie in der Konkurrenz mit „Großunternehmen“ weiterhin als ökonomisches Subjekt wirken, dagegen kommt auch die stärkste Hoffnung eines Gewerkschafters nicht an.
Weiterhin scheint es widersinnig, im Anbetracht der Arbeitslosenzahlen zusätzlichen Ausfall von Beschäftigungsmöglichkeiten zu fordern, denn die dann freiwerdenden Arbeitskräfte würden keineswegs in anderen Produktionssphären eingesetzt, sondern zu überflüssigen Arbeitskräften gemacht.
Die Hoffnung auf den Ausfall von Kleinkapital, wie dem Frisörsalon, ist mit Fiktionalität verknüpft. Die herrschende Rationalität des Marktes zwingt dem Kleinkapital Stundenlöhne von beispielsweise 2,50€ auf. Jeder Unternehmer, wenn er sich der Realität nicht völlig verweigert, wird dieses Faktum erkennen und sein Handeln danach ausrichten, eben damit sein Unternehmen nicht pleite macht.
Trotzdem einmal angenommen, kleineres Kapital, etwa der Frisörsalon, würde tatsächlich in seiner Gesamtheit, also nicht bloß als Produkt von Konkurrenzkämpfen, „vom Markt verschwinden“.
Wenn dieses Kapital allgemein wegfallen würde, würden allgemein die Frisörsalons wegfallen und damit auch die konkrete Dienstleistung.
Ob weiterhin dem durchschnittlichen Arbeitnehmer, dem „Dienstleister“, dann die moralische Befriedigung darüber, dass alle Unternehmen, welche Niedriglöhne zahlen, auf keine weitere Existenz auf dem Markt hoffen dürfen, höher über die Aussicht auf (zugegeben niedrigen) Lohn steht, ist doch sehr fragwürdig.
Hier zeigt sich einmal mehr, dass die notwendige ökonomische Reproduktion, selbst wenn sie „Aufschwünge“ konstatiert, mit Zumutungen gegen Lohnarbeiter notwendigerweise verknüpft ist. Darin besteht die Qualität des kapitalistischen Reichtums.

  1. „Menschenunwürdige Löhne“, also „zu niedrige“ Löhne gibt es ebenso wenig, wie „zu hohe“ Löhne. Aber darüber will ich mich hier nicht auslassen. [zurück]

4 Antworten auf “Wendl gegen „menschenunwürdige Löhne“”


  1. Gravatar Icon 1 antikapl 26. Februar 2007 um 0:28 Uhr

    Ich finde deine Kritik im Groben richtig, auch wenn ich mittlerweile der Meinung bin, dass es angesichts der aktuellen Schwäche der radikalen Linken nötig ist, nicht nur fundamtale Kritik zu üben, sondern auch Kritik an konkreten Missständen zu üben, wo sie sinnvoll ist. So finde ich es schon katastrophal, wenn Leute vom Arbeitsamt gezwungen werden, Jobs anzunehmen, deren Bezahlung nicht einmal die Höhe des Arbeitslosengeldes erreicht und es absolut richtig, wenn die Gewerkschaften als Gegenmittel z.B. die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohnes fordern. Es ist ja auch so, dass der konkrete Protest gegen einzelne Missstände zumindest das Bewusstsein schärft, dass man diese nicht ohne weiteres hinnehmen muss und dagegen etwas machen kann. Dieses Bewusstsein, das nahezu verloren zu sein scheint, ist meines Erachtens eines der wichtigsten Fundamente auch für den Kampf gegen den Kapitalismus im Ganzen.
    Es gibt natürlich Kritik am Kapitalismus, der man kritisch gegenüberstehen muss, etwa, wenn „Heuschrecken“ für alles Böse in der Welt verantwortlich gemacht werden, aber wenn Gewerkschaften für höhere Löhne kämpfen, was ja nunmal eine ihrer wesentlichen Aufgaben ist, kann ich daran nichts wirklich Falsches entdecken, ganz im Gegenteil.

  2. Gravatar Icon 2 schorsch 26. Februar 2007 um 15:36 Uhr

    Dem stimme ich zu.
    Nur muss den Hinweisen auf konkrete Lebensverhältnisse eine radikale Kritik stets addiert werden. Eben auch um eine regressive Auffassung über Hedge Fonds angreifen zu können und in Zeiten des globalisierten Kapitalismus nicht den Kopf zu verlieren.

    Ich greife den Gewerkschafter ja auch nicht für seine Tätigkeit als Gewerkschafter an, allerdings für seine inhaltlichen Fehler.
    Das Denken des Gewerkschafter ist nicht notwendigerweise durch seine gesellschaftliche Stellung determiniert.
    Und auch bei den Gewerkschaften darf nicht vergessen werden, dass diese erheblichen Einfluss auf den Lebensstandart haben, im vorteilhaften, wie im nachteiligen Sinn. Aber ebensowenig sollte man deshalb darauf verzichten über die Funktion einer Gewerkschaft zu reflektieren, welche z.B. nämlich durchaus integrativ sein kann.

  3. Gravatar Icon 3 antikapl 07. März 2007 um 21:41 Uhr

    Okay, bei der integrativen Funktion der Gewerkschaften muss ich dir sicherlich Recht geben. Der Konflikt zwischen Arbeitern und Kapital ist natürlich erstmal ein systemimmanenter und die Gewerkschaften haben auch alles andere als einen radikalen Umsturz der Verhältnisse im Sinn. Trotzdem sollte man sie, aus den von mir ja bereits genannten Gründen, nicht vorschnell verwerfen, solange sie nicht gerade selbst die Vollzugsgehilfen des Kapitals sind, was ja auch oft genug der Fall ist. Es ist auch sicherlich so, dass der Kapitalismus sogar dann weiter funktionieren würde, wenn die Gewerkschaften alleine über die Geschicke der Betriebe entscheiden dürften: dann würden halt Arbeiter im Sinne der Arbeiter entlassen, was man ja durchaus gut begründen kann. Und das Repräsentationsprinzip, dem die Gewerkschaften folgen, ist ohnehin zu kritisieren, denn es entmündigt die einzelnen Arbeiter.

  1. 1 Online Dvd Rental Trackback am 26. Februar 2007 um 22:41 Uhr
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