Fragmente der Kritik: Naturzustand

Der Naturzustand ist eine fiktive Annahme und wird apriorisch gesetzt. Große Vordenker der Wissenschaft, welche in der modernen Ausformung als Politologie in Erscheinung tritt, haben auf die Konstruktion des Naturzustandes nicht verzichtet oder sogar gar nicht verzichten können.
Schon die Konzeption des Naturzustandes bei Hobbes und Locke unterscheidet sich wesentlich. Präsentiert Hobbes den Naturzustand als einen anarchisch-chaotischen Krieg aller gegen alle, so erscheint dieser bei Locke nahezu als eine in die Vergangenheit projizierte Utopie.
Welcher Konzeption zuzustimmen ist, kann nicht diskutiert werden.
Problematisch ist die theoretische Geburt eines Naturzustandes, weil dieser konstitutiv als Begründung und vor allem Legitimation für eine je spezifische Art und Weise der Organisation menschlichen Zusammenlebens ist.
Der bürgerliche Staat etwa wird nicht durch Analyse aus sich selbst heraus erklärt und gegebenenfalls kritisiert, sondern nur über den Naturzustand dargestellt.
Weil letzterer aber eine willkürliche Setzung ist, weist die, dem je erdachten Naturzustand folgende Darstellung des bürgerlichen Staats, eine eigene Immunität gegen Kritik auf, weil wirkliche Kritik die jeweiligen Konzepte des Naturzustandes angreifen müsste. Dieser Naturzustand entzieht sich aber in gewisser Hinsicht der rationalen Diskussion.
So kann das Ziel des Denkens, etwa eine Legitimation des Bestehenden, schon vor der Darstellung des Gegenstands feststehen und somit der Naturzustand adäquat konstruiert werden.
Historische Betrachtungen zeigen zudem, dass auf empirische Falsifizierungen der speziellen Idee eines konkreten Naturzustands einfach neue Ausformulierungen von dem natürlichen Zustand folgten, um künftigen Entwicklungen eine legitime Basis geben zu können.

Eine andere Forschungs- und Darstellungsweise wäre Folgende:

Marx versucht die

…Gesetze der Phänomene zu finden, mit deren Untersuchung er sich beschäftigt. […] Sobald er einmal dies Gesetz entdeckt hat, untersucht er im Detail die Folgen, worin es sich im gesellschaftlichen Leben kundgibt […] Demzufolge bemüht sich Marx nur um eins: durch genaue wissenschaftliche Untersuchung die Notwendigkeit bestimmter Ordnungen der gesellschaftlichen Verhältnisse nachzuweisen und soviel als möglich untadelhaft die Tatsachen zu konstatieren, die ihm zu Ausgangs- und Stützpunkten dienen. […] eine und dieselbe Erscheinung unterliegt ganz und gar verschiednen Gesetzen infolge des verschiednen Gesamtbaus jener Organismen, der Abweichung ihrer einzelnen Organe, des Unterschieds der Bedingungen, worin sie funktionieren usw.

Marx zitiert hier zustimmend einen Ausschnitt aus einer Petersburger Zeitung im Nachwort zur zweiten Ausgabe des Kapitals und ergänzt:

Allerdings muß sich die Darstellungsweise formell von der Forschungsweise unterscheiden. Die Forschung hat den Stoff sich im Detail anzueignen, seine verschiednen Entwicklungsformen zu analysieren und deren innres Band aufzuspüren. Erst nachdem diese Arbeit vollbracht, kann die wirkliche Bewegung entsprechend dargestellt werden.

Adorno bemerkt:

Wer die Wahrheit übers unmittelbare Leben erfahren will, muß dessen entfremdeter Gestalt nachforschen, den objektiven Mächten, die die individuelle Existenz bis ins Verborgenste bestimmen.