Archiv für Februar 2007

Weerth und die „Grashopper“

Wenn darüber die Georg Weerth Gesellschaft Köln bescheid wüsste: In einem Brief an Marx schreibt der Namenspate obiger Gesellschaft:

Übrigens hoffe ich, Dich Anfang Juli in London wiederzusehen, denn ich kann diese Grashopper in Hamburg nicht länger ertragen.

Mit „Grashopper“ sind hier durchaus die Personen gemeint, welche durch Müntefering als „Heuschrecken“ bezeichnet und vom Spiegel als solche dargestellt wurden. Der zoologische Vergleich ist auch nicht etwa liebevoll kosend, sondern negativ und beleidigend zu verstehen.

Allerdings relativiert Weerth seine verkürzende Analogie, indem er den inhaltlichen Wert der marxschen Kritik der politischen Ökonomie anerkennt, wenn er schreibt:

Ich habe in der letzten Zeit allerlei geschrieben, aber nichts beendigt, denn ich sehe gar
keinen Zweck, kein Ziel bei der Schriftstellerei. Wenn Du etwas über Nationalökonomie
schreibst, so hat das Sinn und Verstand. Aber ich?

Der Brief von Weerth findet sich in diesem Dokument.

Volk

Im dogmatischen Begriff des Volkes aber, der Anerkennung des vorgeblichen Schicksalszusammenhangs zwischen Menschen als der Instanz für Handeln, ist die Idee einer vom Naturzwang emanzipierten Gesellschaft implizit verneint

Theodor W. Adorno, Minima Moralia

Wendl gegen „menschenunwürdige Löhne“

Aktuelle Anmerkungen gegen Aufschwungseuphorie gibt es in einem Interview mit Michael Wendl, stellvertretender Vorsitzender von Verdi in Bayern.

Allerdings macht es sich Wendl zu einfach, wenn er sagt:

Als Unternehmer sollte man dazu verpflichtet sein, menschenwürdige Löhne zu zahlen. Und ein Unternehmen, das nur existiert, weil es niedrigste Löhne zahlt, sollte besser ganz vom Markt verschwinden.

Zunächst entbehrt es nicht einer gewissen Komik zu fordern, dass „menschenunwürdige Löhne“1 zahlende Unternehmen vom Markt verschwinden sollten. Es sollte doch überraschen, dass obwohl fast alle ihre Stimme gegen Niedriglöhne erheben, die Unternehmen, welche niedrige Löhne zahlen, trotz dem frommen Wunsch Wendls auf dem Markt fortbestehen. Wendl übergeht geflissentlich ein Wesensmerkmal der kapitalistischen Produktion, wenn er moralische Forderungen oder Wünsche aufstellt: Denn grade weil Unternehmen ihren Beschäftigten niedrige Löhne zahlen, können sie in der Konkurrenz mit „Großunternehmen“ weiterhin als ökonomisches Subjekt wirken, dagegen kommt auch die stärkste Hoffnung eines Gewerkschafters nicht an.
Weiterhin scheint es widersinnig, im Anbetracht der Arbeitslosenzahlen zusätzlichen Ausfall von Beschäftigungsmöglichkeiten zu fordern, denn die dann freiwerdenden Arbeitskräfte würden keineswegs in anderen Produktionssphären eingesetzt, sondern zu überflüssigen Arbeitskräften gemacht.
Die Hoffnung auf den Ausfall von Kleinkapital, wie dem Frisörsalon, ist mit Fiktionalität verknüpft. Die herrschende Rationalität des Marktes zwingt dem Kleinkapital Stundenlöhne von beispielsweise 2,50€ auf. Jeder Unternehmer, wenn er sich der Realität nicht völlig verweigert, wird dieses Faktum erkennen und sein Handeln danach ausrichten, eben damit sein Unternehmen nicht pleite macht.
Trotzdem einmal angenommen, kleineres Kapital, etwa der Frisörsalon, würde tatsächlich in seiner Gesamtheit, also nicht bloß als Produkt von Konkurrenzkämpfen, „vom Markt verschwinden“.
Wenn dieses Kapital allgemein wegfallen würde, würden allgemein die Frisörsalons wegfallen und damit auch die konkrete Dienstleistung.
Ob weiterhin dem durchschnittlichen Arbeitnehmer, dem „Dienstleister“, dann die moralische Befriedigung darüber, dass alle Unternehmen, welche Niedriglöhne zahlen, auf keine weitere Existenz auf dem Markt hoffen dürfen, höher über die Aussicht auf (zugegeben niedrigen) Lohn steht, ist doch sehr fragwürdig.
Hier zeigt sich einmal mehr, dass die notwendige ökonomische Reproduktion, selbst wenn sie „Aufschwünge“ konstatiert, mit Zumutungen gegen Lohnarbeiter notwendigerweise verknüpft ist. Darin besteht die Qualität des kapitalistischen Reichtums.

  1. „Menschenunwürdige Löhne“, also „zu niedrige“ Löhne gibt es ebenso wenig, wie „zu hohe“ Löhne. Aber darüber will ich mich hier nicht auslassen. [zurück]

Marginalien zum christlichen Fundamentalismus auf K-TV

Nach einer kurzen Erwähnung von K-TV konnte ich gestern die Möglichkeit beanspruchen, das anzuschauen, was über den Bildschirm flimmert, wenn K-TV tatsächlich eingeschaltet ist.
Die „Erwartungen“ hinsichtlich des Inhalts von diesem Programm wurden übertroffen:
Ein Redner sprach vor einem Publikum, welches in einigen Zeitabschnitten in zwei Sequenzen gefilmt wurde, also sicherlich weitaus kleiner war, als es durch diese Kameratechnik suggeriert wurde. Bestimmt, weil es der Illusion der Zuschauer nicht entsprochen hätte, zumindest visuell zugeben zu müssen, dass das Interesse nicht ganz so hoch ist, wie es von Fundamentalisten herbeiphantasiert wird.
Aber zum Inhalt von dem Gespräch. Thema war „Der selige Kardinal von Galen, ein patriotischer Oberhirte“, wie mir der Abspann verriet. Diese Betitelung zeigt schon, was in den folgenden Beschreibungen zu erwarten ist.
Zwar konnte der Redner nicht durch stringente und flüssige Argumentation überzeugen, dafür aber umso besser seine diversen Ressentiments darlegen, welche mehr oder weniger mit dem Oberthema zusammenhingen.
Auf quasi Selbstverständnisse, mit welchen der Zuschauer konfrontiert wurde, wie einen stets nationalistischen Unterton und die diverse Glaubenssätze, möchte ich nicht weiter eingehen.
Bemerkenswert ist jedoch besonders folgendes: Durchweg wurde versucht, die Kirche zur Zeit des Nationalsozialismus als von diesem gänzlich verschiedene darzustellen und einen positiven Bezug zu dem Willen herzustellen, welcher es stets vermeiden wollte, mit dem nationalsozialistischen Volksstaat in Konflikt zu geraten.
Alle diese, welche eine höhere Bereitschaft zum Widerstand einklagten, wurden vom Redner als gänzlich unwissend und naiv zu positionieren ersucht. In diesem Zusammenhang versuchte der Redner, seine Darlegungen durch eine kleine Geschichte aufzulockern, was im Anbetracht der allzu häufigen Wiederholungen und anderen Missgeschicke, welche nicht grade für rhetorisches Geschick stehen, tatsächlich überraschte und fast als eine sehr gewitzte rednerische Zugabe erschien.
Genug der Polemik: Der Redner sprach nämlich von seinem Besuch eines Mädchengymnasiums und dem Vortrag, welchen er dort halten sollte zum Thema „Das Dritte Reich und die Jugend“.
Als ein Mädchen dort den mangelnden Einsatz der Jugendlichen gegen den Nationalsozialismus beklagte, fragte unser Redner, ob sie denn beispielsweise schon einen Leserbrief gegen Abtreibung geschrieben hätte.
Auf die empörte Reaktion, man könne dies nicht vergleichen, entgegnete der Redner, dass man dies sehr wohl könne, weil beides Verbrechen wären.
Der Nationalsozialismus, die Shoa verglich er nicht nur mit der Abtreibung, sondern setzte sie also eins.
Man merkt schon: Weniger von Galen war das Thema, sondern dieses war nur der Anlass, religiös-revisionistische Widerwärtigkeiten kundzutun:
Im Folgenden wurde betont, dass die Befreiung „zwar eine Befreiung für ‚die Gefangenen‘ gewesen sei, aber sonst eigentlich nicht“. Das Identifikationssubjekt war somit gesetzt und dann konnte auch beklagt werden, dass die Alliierten den Deutschen nicht vollständige Souveränität zugestanden haben und mit schmückenden Worten dies thematisiert, als was der Redner die Befreiung durch die Alliierten verstand. Nämlich als illegitime Besatzung und Fremdherrschaft.
Übrigens: Ganz besonders erbost und unverständlich zeigte sich der ideologische Schwadroneur über Rufe wie „Bomber Harris do it again.“

Klasse

Die Erfahrung des Faschismus scheint der Kritischen Theorie und Adorno suggeriert zu haben, dass kollektive Praxis notwendig bewusstseinsdestruktiv ist, dass sich in kollektiver Praxis geradezu die Klasse zur Masse zersetzt.
(Krahl)

Soll es wirklich so gewesen sein, dass der Nazifaschismus weder den Begriff noch die Realität des Proletariats berührt hat? […] Denn wenn es in der Geschichte des Kapitals jemals ein Kairos der Revolution gegen hat, dann war es genau der Tag der Wannsee-Konferenz
(Bruhn)