Habermas und Demirovic

Der folgende Text versucht im Bezug auf Demirovic und Marx eine kleine Kritik an Habermas Ideal des herrschaftsfreien Diskurs zum Zwecke der Intervention in eine (kapitalistische) Gesellschaft zu üben.

Jürgen Habermas attestiert der Sprache Rationalität. Wenigstens der herrschaftsfreie Diskurs sei rational und in der Sprache sei der „Wille zur Vernunft“ angelegt.
Habermas weiß aber um die Relativität oder Offenheit der Vernunft und fordert daher einen adäquaten Vernunftbegriff.
Durch Sprache, vielmehr durch den Diskurs, setzte sich eine Form der gesellschaftskritischen Rationalität durch, die durch die Diskursteilnehmer, die „Aktoren“, produziert werden kann.
In der Diskussion werden Formen der Rationalität, in die Alltagssprache übersetzt und somit ein gemeinsames „linguistisches Band“ der Angehörigen einer Kommunikationsgemeinschaft erzeugt. Dieses stehe aber dem Slang der Expertenkulturen diametral entgegen und verhindere einen herrschaftsfreien Diskurs, welcher Rationalität im emanzipatorischen Sinne und Interesse offenbaren könnte.
Daher müssten sich alle Aktoren und zivilgesellschaftlichen Akteure das „Begründungsniveau der Experten“ erschließen bzw. die Experten zwingen, ihre Ansprüche einzulösen.
Eine politische Öffentlichkeit und die Nutzung von alltagsgebräuchlichen Terminologien könne im Diskurs enthaltene Herrschaft zerstören, um Kommunikation der wirklichen Verständigung zuzuführen und so in letzter Konsequenz umfassende Rationalität, welche sich nicht gegen die Individuen wendet, herstellen.
Sinnvolle Einwände bringt Demirovic.
Er stellt der Eroberung der Rationalität im Diskurs die allumfassende herrschende Rationalität des Marktes gegenüber. Die von Habermas deklarierte Notwendigkeit der Rechtfertigung seitens der Experten kommt nach Demirovic zu spät. Die Aktoren stehen machtlos vor bereits geschaffenen Tatsachen.
Weil bei Habermas Administratives Handeln, also Wirtschaft und Staat von der Rechtfertigung befreit sind, können zivilgesellschaftliche Akteure Einfluss nur über den öffentlichen Diskurs nehmen. Angenommen es etabliert sich keine zweite Expertenkultur, kommt es in dem Zeitraum, welcher der öffentliche Diskurs einnimmt, allerdings zu dem Gewinn, auf den das Kapital spekuliert und so sind schon alle Verhältnisse und Tatsachen, die sich an den Gewinn wie einen Rattenschwanz anschließen längst hergestellt.
Selbst wenn zivilgesellschaftliche Akteure Einfluss auf einzelne Kapitale üben konnten, sind diese Kapitale mit den „Zwangsgesetzte der Konkurrenz“ konfrontiert und ihnen wird das Handeln durch die mächtige Rationalität des Marktes aufgezwungen.
Das Resultat ist offensichtlich: Die Vernunft wirkt bestenfalls auf Teile der Gesellschaft, kann diese aber nicht organisieren und verkommt so zum reinen Verfahren, kennt maximal kleine Teilerfolge, hat aber eigentlich kein Ziel mehr.
Marx zeigte die Gesetzmäßigkeiten auf, welche ständig reproduziert werden und das Handeln der Individuen beständig determinieren. Daher ist eine perpetuierende, sich ständig wiederholende Verlaufsweise der Machtausübung durch zivilgesellschaftliche Akteure durch die kapitalistische Produktionsweise prädestiniert.

Literatur:

Marx, „Das Kapital“
Rolf Wiggerhaus, „Die Frankfurter Schule“, „Positivismusstreit“
Alex Demirovic, „Die Perspektive der befreiten Gesellschaft“


7 Antworten auf “Habermas und Demirovic”


  1. Gravatar Icon 1 Gramsci 19. Januar 2007 um 9:33 Uhr

    Interessant ist an Demirovics Wahrheitstheorie auch, dass er Wahrheiten als Teil von Hegemoniekämpfen betrachtet, also als etwas was Teil von Rationalisierungsprozessen die gesellschaftliche Gruppen auf ihre Praxen und Positionen vornehmen und es somit DIE eine Wahrheit nicht geben kann, ohne dabei aber völlig beliebig zu werden, da die Rationalisierungen auf materiellen Praxen und Strukturpositionen beruhen. Schlauer Ansatz wie ich finde. Außerdem fand ich den Vorwurf Habermas sei mit seiner Kommunikationstheorie dem Fordismus verhaftet plausibel.

    Steht in seinem Aufsatz in ‚Kritische Theorie im gesellschaftlichen Strukturwandel‘

  2. Gravatar Icon 2 schorsch 19. Januar 2007 um 13:33 Uhr

    Hört sich tatsächlich interessant an. Gibt es den Aufsatz irgendwo online?

  3. Gravatar Icon 3 Gramsci 19. Januar 2007 um 14:29 Uhr

    Stell’s in den nchsten Tagen mal in’s Netz

  4. Gravatar Icon 4 schorsch 23. Januar 2007 um 21:49 Uhr

    Könntest du hier kurz bescheid geben, wenn der text online ist? Wäre super!

  5. Gravatar Icon 5 Moneymaker 23. Januar 2007 um 22:32 Uhr

    wo hast du denn folgendes her?
    „Weil bei Habermas Administratives Handeln, also Wirtschaft und Staat von der Rechtfertigung befreit sind, können zivilgesellschaftliche Akteure Einfluss nur über den öffentlichen Diskurs nehmen.“

    Soweit ich das im kopf hat drehen sich sehr viele seiner texte um die legitimation des wirtschaftlichen handelns. weswegen er auch die politisch legitimierende vond er wirtschaflichen ebene trennt.

    habermas ist sicher zu kritisieren, aber so einfach geht es dann teilweise doch nicht. da sist ja kein dummer mensch,d er sich auch ideengeshcichtlich sau gut auskennt.
    die kritik müsste also wenn an seinem deutschlandbild, bzw. seinen aktuellen politischen einwürfen abarbeiten.
    das seine (teilweise einfach nur eklige) Position mit seinem konzept des kommunikativen handelns verknüpft ist, welche das glücksversprechen gewissermaßen aufkündigt, ist klar.
    Bis zu dem punkt an dem er eine kommunikationstheoretische begründung der vernunft vornimmt kann ich ihm allerdings folgen und auch zustimmen. Ab da wird es dann aber zugegeben zum großen teil müllig (seine ethikeinwürfe sind noch spannend).

  6. Gravatar Icon 6 schorsch 04. Februar 2007 um 20:11 Uhr

    von Demirovic…

  1. 1 gemütliches beisammensein « el Pingback am 27. September 2011 um 19:20 Uhr
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