kritische Anmerkungen: „Mein Führer“

Auch vor dem Start bzw. den Previews von „Mein Führer“ war eigentlich offensichtlich, was den Zuschaur im Kinosaal erwarten wird. Diese Erwartung wurde von einem Film bestätigt, welcher prominente Schauspieler benötigt, um überhaupt einigermaßen positiv rezipiert zu werden.

Der Film psychologisiert das Handeln Adolf Hitlers und kennt auch nur dieses als Grundlage und Ursache für den Nationalsozialismus. Verbrauchte und banale Witze konzentrieren sich ausschließlich auf die damalige Führungselite: Hitler erscheint als Schwächling, der seine Lust am totalen Krieg verloren hat, die nationalsozialistische Elite kommt mit ihren Titeln, Stempeln und Dokumenten nicht klar. So werden organisatorische Probleme der Nazis karikiert, der Gegenstand, worauf sich Kritik oder ein komödiantischer Film zu richten hätte, aus dem Blick verloren. Die Präsentation Hitlers als Schwächling und impotenter Liebhaber affimiert nicht nur die nationalsozialistischen Härte und Männlichkeitsideale.
Die Nazis werden an ihren eigenen Idealen blamiert, die Ideale selber werden aber eigentlich nicht angetastet, vielleicht auch deshalb weil einige dieser Ideale wieder in der „Mitte der Gesellschaft“ angekommen sind, oder diese nie verlassen haben und daher vom Publikum ernstgenommen werden, aber nicht verlacht.

Klar ist, dass kein Film die Frage beantworten kann, wie es zu Holocaust kam. Dieser Film aber vereinfacht die Erklärung auf eklatante Weise. Dani Levy orientierte sich hierfür größtenteils auf das Buch von Alice Miller „Am Anfang war Erziehung“. Miller schreibt:

Es ist Hitler tatsächlich gelungen (…) sein Familientrauma auf das ganze deutsche Volk zu übertragen.

Diese Darstellung, welche sich auch in dem Schulheft zum Film wiederfindet, ist programmatisch-konstitutiv für den Film. Hitler, als kleiner Junge von seinem Vater missbraucht, wird als psychisches Wrack präsentiert, welches zeitlebens eigentlich nur beschäftigt gewesen sei, einen Komplex kompensieren zu müssen: Der Vater hat Hitler geschlagen, jetzt schlägt Hitler die Deutschen. Schon diese Fixierung auf die Persönlichkeit Hitlers verkürzt notwendigerweise die Taten der normalen deutschen Täter auf eine Figur.
Und das ist durchaus auch gewollt: Dani Levy sagt in einem Interview, Hitler, eine „krankhafte Persönlichkeit (habe) ein ganzes Volk belogen (…) und in den Bann gezogen“.
Dabei bleibt er dann jedoch auch nicht stehen: Die „Schwarze Pädagogik“ habe dem Nationalsozialismus zugrundegelegen. (vgl. Interview in Konkret 1/07)
Hitler wurde schon in unzähligen Komödien satirisch überspitzt dargestellt und die Darstellung Hitlers als kranker alter Mann, der das deutsche Volk ruiniert, gab es zuletzt in „Der Untergang“, ist aber auch in allen Durchschnittskomödien über Hitler enthalten. Dani Levy zeigt nichts Neues, sondern wärmt ein altes Klischee auf. Die Aussage des Filmes, welche besonders entlarvend daherzukommen meint, „überzeichnet und zuspitzt“ (Levy), ist eine höchst problematische Auffassung über Nazideutschland.
Der Film ist somit als Komödie banal, als Satire vereinfachend und stumpf.
Zudem scheint es, als hätte sich Levy nicht entscheiden können, welche Art von Film er eigentlich produzieren will. Im Film sind einige Originalaufnahmen enthalten und auch sonst gibt es Szenen, die, sind sie als Witz gemeint, voller Hohn stecken. Der Film scheint so zwischen satirischer Überspitzung und wirklicher Perspektiv festzustecken.


8 Antworten auf “kritische Anmerkungen: „Mein Führer“”


  1. Gravatar Icon 1 tee 10. Januar 2007 um 6:10 Uhr

    und was ist der gegenstand, worauf sich kritik oder(!) ein komödiantischer film zu richten hätte???

    „die nazis werden an ihren eigenen idealen blamiert“ – ja, ein grundelement der komik.

    „dieser film aber vereinfacht die erklärung (des holocausts) auf eklatante weise.“ – nein, da wird doch das 2. grundelement der komik, nämlich die frage zu beantworten, „wie es zum holocaust kam“, auf eklatante weise vereinfacht!

    mhhh, gewagte attestierung, ohne den streifen überhaupt gesehen zu haben.
    aber zähl doch mal ein paar komödien die irgendwie den ns behandeln auf (mir fällt auf anhieb nur „das leben ist schön“ und „der grosse diktator“ ein) und zeige mir eine nicht vereinfachte erklärung, „wie es zum holocaust kam“. los!

    „diese erwartung wurde von einem film bestätigt, welcher prominente schauspieler benötigt, um überhaupt einigermaßen positiv rezipiert zu werden.“ – famos. (das könnte ich einfach von JEDEM film mit prom. schauspielern behaupten) behaupten, wie fast alles in dem text.

    „der film ist somit als komödie banal, als satire vereinfachend und stumpf.“
    hallo??? als komödie in einer kapit. brd, logisch banal, oder?
    wer sagt, es soll eine satire sein? und selbst wenn, der begriff ist so dehnbar (schau doch bei wikipedia, haha), dass er auf jede komödie anwendbar ist. du nimmst hier irgendwelche werbung ernst wie die schlimmste bürgerliche presse … so!

    naja, es soll menschen geben, die begreifen einfach ihre eigene subjektivität nicht, komisch.

  2. Gravatar Icon 2 schorsch 10. Januar 2007 um 16:13 Uhr

    „“die nazis werden an ihren eigenen idealen blamiert” – ja, ein grundelement der komik.“

    Nur leider schlägt das in diesem Film mit dieser Thematik völlig fehl. In den Vorab-Interviews usw. entstand immer der Eindruck, dieser Film wolle Großes offenbaren, im Sinne einer „kritischen Komödie“.
    Allerdings konnte ich nichts davon entdecken und die Implikationen der „Kritik“ sind problematisch. Oder willst du den Nazis vorwerfen, sie hätten dummerweise die bürokratische Organisierung der Vernichtung nicht perfekt beherrscht und das lustig finden?
    Solche „Kritik“ schlägt fehl. Und damit ist auch deine erste Frage beantwortet. Die Kritik hätte eben beispielsweise die idiotischen Härteideale aufs Korn nehmen können.

    „nein, da wird doch das 2. grundelement der komik, nämlich die frage zu beantworten, “wie es zum holocaust kam”, auf eklatante weise vereinfacht!“

    Auch wenn ich den Widerspruch zu meiner Formulierung nicht sehe: Eben dies banalisiert das Thema doch total. Daran ist nichts Lustiges, sondern nur Problematisches.

    „mhhh, gewagte attestierung, ohne den streifen überhaupt gesehen zu haben.“

    Dir ist offensichtlich entgangen, dass es Previews vor dem offiziellen Bundesstart gab. Z.B. am 3.1.07 oder am 5.1.07.

    „aber zähl doch mal ein paar komödien die irgendwie den ns behandeln auf “
    Zugegeben, etwas schwammig formuliert, ich meinte weniger vollständige Komödien, als die üblichen Witzchen und Sketche über dieses Thema. Ob in Zeitungen/Zeitschriften,im Fernsehpogramm oder in Videos im Internet.

    „zeige mir eine nicht vereinfachte erklärung, “wie es zum holocaust kam”. los!“

    Nur nebenbei: Das hört sich so an, wie der Spießbürger, welcher auf eine Kritik der kapitalistischen Produktionsweise, wissen will, wie denn sonst eine Gesellschaft organisiert werden solle.
    Kritik muss sich doch gar nicht in Rechtfertigungszwang bringen lassen, oder gar konstruktiv sein.
    Wenn deine Aufforderung eine Anspielung auf die potentielle Unmöglichkeit der Erklärung des Holocaust ist, dann würde ich dir nicht widersprechen.
    Soviel dennoch: Hitler als Person zu beschreiben, welche „die Deutschen“ durch große Reden verführte, selber aber eigentlich unfähig sei, ebendies zu tun, ist schon deshalb schwierig, weil dem empirische Gegebenheiten widersprechen. Z.B. der Ansturm auf Parteibüros der Nazis zum Erwerb einer Mitgliedschaft zur NSDAP.

    Ich kann sicherlich nicht komplett klären, wie es zum Holocaust kam, aber eine Konzentration auf die psychische Verfassung der NS-Elite, scheint mir doch viele Aspekte außer Acht zu lassen.

    „(das könnte ich einfach von JEDEM film mit prom. schauspielern behaupten)“

    Von vielen, ja. Aber es ist doch augenscheinlich, dass z.B. Helge nicht nur genommen wurde, weil er Hitler besonders lustig darstellen kann. Bis jetzt hat er sowas überhaupt noch nicht gemacht.

    „hallo??? als komödie in einer kapit. brd, logisch banal, oder?“
    Bitte?

    „wer sagt, es soll eine satire sein?“

    Wer sagt, es soll keine sein?
    Helge Schneider wurde doch auch ausgesucht, um zu demonstrieren, dass es sich um keinen ernsthaften, eher satirischen Film handelt.
    Außerdem bemerke ich auch, dass der Film „wischen satirischer Überspitzung und wirklicher Perspektive“ feststeckt.

    Achja: Ich habe nirgendwo behauptet, dass man nicht über die Witze in diesem Film lachen darf. Ich finde sie nicht lustig, sondern ziemlich abgetragen und kann mir nur schwerlich vorstellen, dass irgendwer darüber lacht.

  3. Gravatar Icon 3 tee 11. Januar 2007 um 6:00 Uhr

    na ok, wer denkt schon an previews der kinoindustrie. mensch sollte sich nicht mit kino abgeben, welches doch nur kapitalistischen zwecken dient. wozu für solch einen film geld ausgeben, den mensch tage oder wochen später umsonst hat. und wozu ihn „rechtzeitig“ kritisieren, als ob das was ändert. als ob kritik an solchen filmen überhaupt etwas ändert. als ob der film jemals mit einem (ernstgemeinten) anspruch der kritik (satire) in die kinos kommen würde. wenn solche von den macher/innen beworben wird, so doch immer nur mit der hoffnung, möglichst viele konsument/innen zu erreichen und nicht etwa möglichst viel in den gehirnen zu erreichen.
    sinn und zweck dieses films ist nuneinmal der verkauf und die unterhaltung von menschen. nicht kritik.

    „helge schneider wurde doch auch ausgesucht, um zu demonstrieren, dass es sich um keinen ernsthaften, eher satirischen film handelt.“
    er wurde ausgesucht, weil der regisseur ihn für den besten für die rolle hielt. über dessen beweggründe kannst du natürlich spekulieren oder es mit zitaten belegen.
    ausserdem: je satirischer eine komödie, desto ernsthafter wird sie auch. also das ist meine meinung. slapstick -und der anteil ist in „der führer“ angeblich sehr hoch- ist eher das gegenteil der ernsthaftigkeit. satire setzt jedoch zumindest auf eine ernste basis. es gibt sogar filme (wie „mann beisst hund“ z.b.), die sind als satire gekennzeichnet und entbehren (fast) jeden humors.
    ja, DA wird vom film behauptet, es sei satire.
    ach, satire …
    nur weil keiner „sagt, es soll keine sein“, muss es also eine sein?

    „der regisseur dani levy hat angerufen und gesagt: «ich fänd es toll, wenn du das machst.» Dann hab ich gesagt: «ja gut, ich les das drehbuch» und hab mich danach entschieden, mitzumachen.“
    „die rolle ist mir nun mal auf den leib geschrieben. kann ich auch nix für.“ (beides helge, von hier)

    ist es denn wirklich „augenscheinlich, dass z.B. helge nicht nur genommen wurde, weil er hitler besonders lustig darstellen kann“?

    finde ich nicht augenscheinlich. helge steht für einfachen humor bzw. den sog. antihumor, d.h. lachen ohne ernsten anlass, hintergrund oder so. eben ja explizit nicht politisch oder gesellschaftskritisch oder so.
    also ein „katzeklo“-hauptdarsteller als aushängeschild für eine kritische satire? wohl eher das gegenteil.

    aber um dir mal zuzustimmen und auf das eigentliche problem zurückzukehren (nicht der inhalt des films, sondern seine anwendung), was ist denn an der erklärung mit „schwarzer pädagogik“ so verkehrt?
    gut, als einzige oder hauptsächliche zugrundelegung des ns eben schon, aber als ein teil eines ganzen vielleicht doch.
    die wirkliche problematik ist doch diese ganze personifizierung und damit schon fast eine entnazifizierung des nationalsozialismus. das allerdings trifft alle, die mit der person hitler hausieren gehen. so müsste eine (ernsthafte) satire über den nationalsozialismus auch ohne hitler auskommen, den fokus auf die menschen richten, die den ns trugen. besser noch: nicht auf die menschen. sondern mehr auf die beziehungen zw. ihnen. eine komödie oder satire über hitler ist notwendigerweise immer auch eine vereinfachende personifizierung des ns und damit (leider) auch eine des holocausts. oder so ähnlich …

    sorry, scheiss schreibwahn. nimm nicht alles so ernst und eigentlich ist es das thema (der film selber) auch nicht wert, soviel zeit zu investieren.

  4. Gravatar Icon 4 schorsch 13. Januar 2007 um 12:33 Uhr

    „sinn und zweck dieses films ist nuneinmal der verkauf und die unterhaltung von menschen. nicht kritik.“

    Das ist richtig. Aber die Konsequenz besteht doch nicht darin, Filmen, die Ideologien reproduzieren/produzieren können, nur im Bezug auf dieses Merkmal zu betrachten.
    Außerdem meint Levy doch, einen kritischen Film gemacht zu haben.

    “nur weil keiner sagt, es soll keine sein, muss es also eine sein?“

    Aber warum sollte es keine Satire sein, nur weil keiner sagt, dass es eine ist? ;-)

    “der regisseur dani levy hat angerufen und gesagt: «ich fänd es toll, wenn du das machst.» Dann hab ich gesagt: «ja gut, ich les das drehbuch» und hab mich danach entschieden, mitzumachen.”
    “die rolle ist mir nun mal auf den leib geschrieben. kann ich auch nix für.” (beides helge, von hier)“

    Ich habe ein kleines Gespräch mit ihm verfolgt, darin akzentuiert Schneider seine Beweggründe aber anders: „Ich wollte eigentlich eine andere Rolle spielen, aber die war nicht frei, also blieb mir nur die Rolle (als Hitler) übrig“. Zudem wurde ihm ja sein Gesicht eingekleistert und daher konnte er mit seiner Mimik nicht mehr allzu viel anrichten.

    also ein “katzeklo”-hauptdarsteller als aushängeschild für eine kritische satire? wohl eher das gegenteil.

    Aber die Intentionen von Levy gingen doch in die Richtung, einen Film mit „Anspruch“ zu drehen. Auch wenn er gleichzeitig keinen „ernsthaften“ Film, wie etwa „Der Untergang“ drehen wollte.

    “gut, als einzige oder hauptsächliche zugrundelegung des ns eben schon, aber als ein teil eines ganzen vielleicht doch.“

    So würde ich dem vielleicht zustimmen können, aber einen Film auf dieser These aufzubauen ist eben das Problem.

    “die wirkliche problematik ist doch diese ganze personifizierung und damit schon fast eine entnazifizierung des nationalsozialismus. das allerdings trifft alle, die mit der person hitler hausieren gehen. so müsste eine (ernsthafte) satire über den nationalsozialismus auch ohne hitler auskommen, den fokus auf die menschen richten, die den ns trugen. besser noch: nicht auf die menschen. sondern mehr auf die beziehungen zw. ihnen. eine komödie oder satire über hitler ist notwendigerweise immer auch eine vereinfachende personifizierung des ns und damit (leider) auch eine des holocausts. oder so ähnlich …“

    Ja, Zustimmung. Ich denke nur, dass ein solcher Film doch praktisch die Verkürzung impliziert, so wie „Der Untergang“, durch die spezielle erst mal „beschreibende“ Sichtweise die er einnimmt, automatisch eine ideologische Stellung bezieht, was auch „Mein Führer“ macht. Da muss man sich tatsächlich die Frage stellen, ob so ein Film gedreht werden soll. Wenn diese Frage bejaht wird, und es nur um die Darstellung Hitlers zum Zweck des Amüsements, gehen soll dann ist das m.E. nicht gelungen und nur durch Rückgriff auf schon Bekanntes erfolgt. Aber das habe ich ja schon im Kommentar zu Film selber geschrieben.

  5. Gravatar Icon 5 Moneymaker 15. Januar 2007 um 23:46 Uhr

    ich denke die Rolle der personalisierung des NS, sowie die direkt angehängte verführungstheorie kann kaum hoch genug gehängt werden. Diese überlegung macht das Deutsche volk zum opfer des NS und nicht zu der Tätergruppe welche die Deutschen eben darstellten.

    Ob hitler nun de facto psychisch krank war oder nicht spielt für mich keine rolle, hitler alleine hätte vielleicht ein paar leute zusammengeprügelt, aber hitler mit einem volksstaat im rücken hat millionen menschen systematisch umgebracht. Die betonung muss also auf dem volk liegen und nicht auf einer symbolfigur. sonst ist es bloß entschuldigende scheinkritik.

    Überhaupt scheint es mir barbarisch einen Film über den NS zu drehen, welcher zum schmunzeln einladen soll und nicht zur erklärung, warnung, strafung oder aufklärung dient. Wo ich den „humor“ bei „das leben ist schön“ mit viel wohlwollen als dramaturgisch bewusste gegensätze sehen kann, scheint der humor bei mein führer bloß dazu zu dienen eine weitere normalisierung voranzutreiben.

    Wo der NS selber zur bühne von heiterer kunst wird, scheinen mir adornos sätze noch besser als sonst zu treffen, wenn er in „Ist die Kunst heiter?“ schreibt:
    „Kunst, die anders als reflektiert gar nicht mehr möglich ist, muß von sich aus auf Heiterkeit verzichten. Dazu nötigt sie vor allem anderen, was jüngst geschah. Der Satz nach Auschwitz lasse kein Gedicht sich mehr schreiben, gilt nicht blank, gewiß aber, daß danach, weil es möglich war und bis ins Unabsehbare möglich bleibt, keine heitere Kunst mehr vorgestellt werden kann. Objektiv artet sie in Zynismus aus, mag immer sie die Güte menschlichen Verstehens sich erborgen.“

    Fast direkt lässt sich auch übertragen was er in der selben schrift schrieb:
    „Vor einigen Jahren gab es eine Debatte darüber, ob der Faschismus komisch oder parodistisch dargestellt werden dürfe ohne Frevel an den Opfern. Unverkennbar das Läppische, Schmierenkomödiantische, Subalterne, die Wahlverwandschaft Hitlers und der Seinen mit Revolverjournalismus und Spitzeltum. Lachen läßt darüber sich nicht. Die blutige Realität war nicht jener Geist oder Ungeist, dessen der Geist zu spotten vermöchte. […]Komödien über den Faschismus aber machten sich zu Komplizen jener törichten Denkgewohnheit, die ihn vorweg für geschlagen hält, weil die stärkeren Bataillone der Weltgeschichte gegen ihn stünden. Die Stellung des Siegers zu beziehen, ziemt am letzten den Gegnern der Faschisten, welche die Pflicht haben, in nichts denen zu gleichen, die in jener Stellung sich verschanzen. Die geschichtlichen Kräfte, welche das Grauen hervorbrachten, stammen aus der Gesellschaftsstruktur an sich. Es sind keine der Oberfläche und viel zu mächtig, als daß es irgendeinem zustünde, sie zu behandeln als hätte er die Weltgeschichte hinter sich, und die Führer wären tatsächlich die Clowns, deren Gedalber ihre Mordreden nachträglich erst ähnlich würden.“

  6. Gravatar Icon 6 schorsch 16. Januar 2007 um 17:30 Uhr

    „Ob hitler nun de facto psychisch krank war oder nicht spielt für mich keine rolle, hitler alleine hätte vielleicht ein paar leute zusammengeprügelt, aber hitler mit einem volksstaat im rücken hat millionen menschen systematisch umgebracht.“

    Sehr richtig. Ich habe die Psychologisierung deshalb erwähnt, weil dadurch die Betonung des dt. Volkes notwendigerweise völlig außen vor bleibt. Nicht der ganz normale Deutsche, sondern eine psychisch kranke Persönlichkeit soll nach dem Film für Auschwitz verantwortlich gewesen sein.

    „Überhaupt scheint es mir barbarisch einen Film über den NS zu drehen, welcher zum schmunzeln einladen soll und nicht zur erklärung, warnung, strafung oder aufklärung dient.“

    Ich war mir auch nicht sicher, inwieweit schon diese Zielsetzung problematisch ist. Sie ist auf jeden Fall dann problematisch, wenn sie als Mittel zur Überwindung betrachtet wird: Man solle sich auf diesem Weg dem Thema annähren, um es dann abschließen zu können.
    Allerdings denke ich, dass es legitim ist, Witze über Nazis und Hitler zu machen. Ohne dies aber mit dem Holocaust zu Kontextualisieren, auch wenn eine prinzipielle Verbindung natürlich nicht umgangen werden kann.

    Allerdings scheint es mir angemessen, dieses Urteil im bezug auf Hitler zu überdenken, wenn ich die von dir zitierten Sätze Adornos lese:

    „Komödien über den Faschismus aber machten sich zu Komplizen jener törichten Denkgewohnheit, die ihn vorweg für geschlagen hält, weil die stärkeren Bataillone der Weltgeschichte gegen ihn stünden. (…)Die geschichtlichen Kräfte, welche das Grauen hervorbrachten, stammen aus der Gesellschaftsstruktur an sich. Es sind keine der Oberfläche und viel zu mächtig, als daß es irgendeinem zustünde, sie zu behandeln als hätte er die Weltgeschichte hinter sich, und die Führer wären tatsächlich die Clowns, deren Gedalber ihre Mordreden nachträglich erst ähnlich würden.“

    Der Abschnitt offenbart eine ganz besondere Aktualität: Wer in dem herrschenden Zustand der Demokratie über den Faschismus spricht, gibt doch automatisch das Vorurteil ab, gegen diesen zu reden oder zu agitieren, allein schon deshalb, weil dieser geschlagen wurde und daher ist es keine besondere Leistung, sich in einer demokratischen Gesellschaft als Antifaschist auszugeben, oder Witze über Hitler zu machen.
    Auch der rechteste Politiker gibt sich als Antifaschist aus und damit ein Urteil ab, welches Teil eines mehr oder weniger begründeten Common Sense ist. Die Fruchtbarkeit des Schoßes aber, wird nicht weiter bedacht, sondern vielmehr gefördert, während Witze über Hitler gemacht werden und damit Auschwitz als Gewesenes deklariert, welches höchstens ein paar verrückte Residuen hinterlassen hätte, nämlich Neo-Nazis.

  7. Gravatar Icon 7 tom 10. Januar 2008 um 22:22 Uhr

    Levys Komödie ist genial. Einige Teile des Filmes sind moralin, dienen aber wohl eher dazu den Holocaust nicht zu verniedlichen.
    Levy stellt Hitler als Schwächling dar, teils banal, teils grauenhaft,
    teils wird feinsinnig. Der Sinn des Ganzen wird aber erst deutlich, als
    die Volksmassen den Schwächling folgen. Levy fordert eigentlich den kritischen Geist (Schlussszene in der Grünbaum verzweifelt ruft:“Heilt Euch selbst“) Der Film ist kein Helge Schneider Film. Es ist total unfair, dass über ein Film geurteilt wird, den vorher noch niemand gesehen hat. Einen weiteren Effekt hat dieser Film auch. Er karikiert den Film „der Untergang“ in dem Bruno Ganz Hitler wirklich als Menschen darstellt. Doch darüber redet keiner.

  8. Gravatar Icon 8 schorsch 11. Januar 2008 um 1:41 Uhr

    Über den Film als Karikatur von „Der Untergang“ ließe sich diskutieren. Ansonsten hat sich eigentlich nicht viel an meinem Urteil geändert. Es ist nicht unproblematisch, überhaupt eine Komödie über den NS zu drehen. Die Adorno-Zitate finde ich da sehr treffend. Es ist ja irgendwie verkehrt über gesellschaftliche Prozesse und deren Erscheinungsformen – den NS – zu lachen, wenn dessen zugrundeliegende Gesellschaftsstruktur nach wie vor existiert als sei nichts weiter geschehen. Wenn in einem solchen Zustand so ein Film gedreht wird, scheint die Gefahr schon gebannt, sodass man herzhaft über die Deppen von Damals lachen kann, ohne sich der ständigen Perpetuierung der Barbarei bewußt zu sein. Eine Reflexion über die Aktualität von Auschwitz kann ich in dem Film eigentlich eher nicht erkennen.

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