Archiv für Januar 2007

„Du bist ein hübsches Mädchen, du kannst doch auch was anderes machen.“

Der vulgäre und vor allem ideologische Inhalt einiger Aussprüche von Bohlen soll mich hier nicht weiter interessieren (zur Dokumentation einiger Zitate folgt unten ein Link). Auch über den Zustand einer Gesellschaft, welche Spaß und Lust an Bohlens’ Kommentaren hat, will ich hier nichts weiteres sagen, sondern fragmentarisch und kurz über den Umgang mit Bohlens’ Gesabbere reflektieren.
Bohlens verbale Ausfälle erregten die Gemüter.
Allerdings ist die Kritik an diesen Äußerungen idealistisch und präsentiert die herrschenden Zustände als welche, in denen es möglich wäre human miteinander umzugehen. Besonders wird die Ideologie reproduziert, nach deren Postulat ein humanes Verhalten in Verhältnissen, welche durch die Zwangsgesetzte der Konkurrenz determiniert und geprägt sind, irgend möglich sei.
Allerdings geht in „der abstrakten Vorstellung des universalen Unrechts jede konkrete Verantwortung unter.“ (Adorno, MM). Daher darf die Kritik an staatlich-idealistischen Interventionen keinesfalls in blinde Affirmation menschenverachtenden und sexistischen Inhalten umschlagen.
Grade die stillschweigende Akzeptanz reaktionärer Äußerungen und der Hinweis auf die Immanenz solcher, würde die passende Ideologie für die Verantwortlichen solcher Verlautbarungen liefern.
Erst wenn derartige Äußerungen der bestehenden Normalität zugerechnet werden und der Aufschrei ausbleibt, herrschen diese tatsächlich. Erst wenn die Möglichkeit des Anderen als Unmöglichkeit erklärt wird, und ausschließlich die Analyse als einzige Aufgabe und Possibilität präsentiert, ist es endgültig so.

Adorno und Brecht

Solange es Zug um Zug weitergeht, ist die Katastrophe perpetuiert.

Adorno, Minima Moralia, Weit vom Schuß

Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch!

Brecht, Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui, Epilog

Dokumente zum christlichen Fundamentalismus

Zur Doukumentation: Einige mehr oder weniger wahllos herausgegriffene Texte von dem Fundamentalistenportal „Kath.net“: 1, 2, 3
Aber auch die Homepage von K-TV offenbart wahnwitziges: 1, 2 Passend zum Letzten Link: „Wenn Eltern ihre Kinder vor dem feindlichen Heer der schlechten Kameraden und der Medien schützen wollen, ist es wertvoll, wenn Sie in ihre Pfarrkirche gehen…“ (Prediger auf K-TV)

Der deutsche Thomas

Deutschtümelei bei „Wetten, dass..?“: Thomas Gottschalk empfängt seinen nächsten Wettkandidat. Als Gottschalk seinen Namen erfragt und die Antwort erhält, gibt er freudig kund: „ein schöner deutscher Name!“.
Es wurden allerdings solchen noch eklatantere Aussprüche des ewigblonden Thomas zugemutet, welche weiterhin ihre Pogrammauswahl beibehielten. Der Wettkandidat hat es dem Ergebnis der Wette nach geschafft, seinen Hund einer Kondition zu unterwerfen, welche den Hund die Transportabilität eines Glas Wasser auf seiner Hundeschnauze beweisen ließ. Und zwar eine Treppe hinauf und wieder hinab.
Vielleicht war Gottschalk über die Hunderasse enttäuscht. Die Freude wäre auch seinerseits gewesen, hätte er lobende Worte über einen deutschen Schäferhund äußern dürfen. Die musste er jetzt aussparen.
Kein Grund für Gottschalk allerdings, auf deutschnationale Bekundungen gänzlich verzichten zu müssen. Somit konnte der, Gottschalks Worten lauschende Zuschauer, erfahren, dass der Hund „sicherlich noch Zeitung gelesen hätte, wäre etwas Deutsches in ihm gewesen“.

Wäre sich Gottschalk etwa vor fünf Jahren um das Ausbleiben empörter öffentlicher Reaktionen auf eine solche Aussage sicher gewesen und hätte er einen solche Ausspruch getätigt?
Eher nicht. Aber leider stimmte seine Kalkulation mit der heutigen Realität überein, was einmal mehr solche und solche Darstellungen bestätigt, allerdings nicht den stumpfen Beschwichtigungsversuchen seitens der Zeit entspricht. (siehe dazu auch: „Demokratisches Bewusstsein“)

Habermas und Demirovic

Der folgende Text versucht im Bezug auf Demirovic und Marx eine kleine Kritik an Habermas Ideal des herrschaftsfreien Diskurs zum Zwecke der Intervention in eine (kapitalistische) Gesellschaft zu üben.

Jürgen Habermas attestiert der Sprache Rationalität. Wenigstens der herrschaftsfreie Diskurs sei rational und in der Sprache sei der „Wille zur Vernunft“ angelegt.
Habermas weiß aber um die Relativität oder Offenheit der Vernunft und fordert daher einen adäquaten Vernunftbegriff.
Durch Sprache, vielmehr durch den Diskurs, setzte sich eine Form der gesellschaftskritischen Rationalität durch, die durch die Diskursteilnehmer, die „Aktoren“, produziert werden kann.
In der Diskussion werden Formen der Rationalität, in die Alltagssprache übersetzt und somit ein gemeinsames „linguistisches Band“ der Angehörigen einer Kommunikationsgemeinschaft erzeugt. Dieses stehe aber dem Slang der Expertenkulturen diametral entgegen und verhindere einen herrschaftsfreien Diskurs, welcher Rationalität im emanzipatorischen Sinne und Interesse offenbaren könnte.
Daher müssten sich alle Aktoren und zivilgesellschaftlichen Akteure das „Begründungsniveau der Experten“ erschließen bzw. die Experten zwingen, ihre Ansprüche einzulösen.
Eine politische Öffentlichkeit und die Nutzung von alltagsgebräuchlichen Terminologien könne im Diskurs enthaltene Herrschaft zerstören, um Kommunikation der wirklichen Verständigung zuzuführen und so in letzter Konsequenz umfassende Rationalität, welche sich nicht gegen die Individuen wendet, herstellen.
Sinnvolle Einwände bringt Demirovic.
Er stellt der Eroberung der Rationalität im Diskurs die allumfassende herrschende Rationalität des Marktes gegenüber. Die von Habermas deklarierte Notwendigkeit der Rechtfertigung seitens der Experten kommt nach Demirovic zu spät. Die Aktoren stehen machtlos vor bereits geschaffenen Tatsachen.
Weil bei Habermas Administratives Handeln, also Wirtschaft und Staat von der Rechtfertigung befreit sind, können zivilgesellschaftliche Akteure Einfluss nur über den öffentlichen Diskurs nehmen. Angenommen es etabliert sich keine zweite Expertenkultur, kommt es in dem Zeitraum, welcher der öffentliche Diskurs einnimmt, allerdings zu dem Gewinn, auf den das Kapital spekuliert und so sind schon alle Verhältnisse und Tatsachen, die sich an den Gewinn wie einen Rattenschwanz anschließen längst hergestellt.
Selbst wenn zivilgesellschaftliche Akteure Einfluss auf einzelne Kapitale üben konnten, sind diese Kapitale mit den „Zwangsgesetzte der Konkurrenz“ konfrontiert und ihnen wird das Handeln durch die mächtige Rationalität des Marktes aufgezwungen.
Das Resultat ist offensichtlich: Die Vernunft wirkt bestenfalls auf Teile der Gesellschaft, kann diese aber nicht organisieren und verkommt so zum reinen Verfahren, kennt maximal kleine Teilerfolge, hat aber eigentlich kein Ziel mehr.
Marx zeigte die Gesetzmäßigkeiten auf, welche ständig reproduziert werden und das Handeln der Individuen beständig determinieren. Daher ist eine perpetuierende, sich ständig wiederholende Verlaufsweise der Machtausübung durch zivilgesellschaftliche Akteure durch die kapitalistische Produktionsweise prädestiniert.

Literatur:

Marx, „Das Kapital“
Rolf Wiggerhaus, „Die Frankfurter Schule“, „Positivismusstreit“
Alex Demirovic, „Die Perspektive der befreiten Gesellschaft“