Adorno und Marcuse: Fragmente zur Toleranz

Der Bürger aber ist tolerant. Seine Liebe zu den Leuten, wie sie sind, entspringt dem Haß gegen den richtigen Menschen.

Adorno

Toleranz wird auf politische Maßnahmen, Bedingungen und Verhaltensweisen ausgedehnt, die nicht toleriert werden sollten, weil sie die Chancen, ein Dasein ohne Furcht und Elend herbeizuführen, behindern, wo nicht zerstören.

Marcuse


5 Antworten auf “Adorno und Marcuse: Fragmente zur Toleranz”


  1. Gravatar Icon 1 MM 28. Dezember 2006 um 15:37 Uhr

    Ja wir wissen es, für Herrn Adorno ist jemand, der Schönberg nicht mag und stattdessen Rock n´Roll hört, der ins Kino geht anstatt sich Beckett im Theater anzuschauen, der lieber Krimis liest statt Proust, kein richtiger Mensch.

  2. Gravatar Icon 2 schorsch 28. Dezember 2006 um 15:46 Uhr

    Ja, eine solche Konsequenz würde den Satz wirklich höchst problematisch, zumindest ambivalent erscheinen lassen.

  3. Gravatar Icon 3 nachdenklich 29. Dezember 2006 um 1:35 Uhr

    Wie kann der Bürger den „richtigen Menschen“ denn hassen, wenn er ihn gar nicht kennt? Denn es gibt ja kein richtiges Leben im Falschen. Also kann es den „richtigen Menschen“ nicht als Hass-Objekt geben.

    Zum Thema Toleranz fällt mir noch ein, dass ein Bekannter von mir gesagt hat, deren höchste Form wäre die Wurschtigkeit.

  4. Gravatar Icon 4 schorsch 29. Dezember 2006 um 13:10 Uhr

    Naja, vielleicht macht Adorno da ja einen Unterschied. Vielleicht ist er ja der richtige Mensch? ;-)

    Mir scheint es aber auch so, dass es den „richtigen Menschen“ höchstens als ein Ideal geben kann, als Sein-Sollendes, welches der Wirklichkeit entgegengehalten wird. Dieses Ideal hasst der Bürger dann.

    Man könnte kritisch mit Marx intervenieren und fragen, was das noch mit kommunistischer Kritik zu tun hat, denn der „Kommunismus ist für uns nicht (…) ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben wird.“(Marx, Deutsche Ideologie)
    Der herrschenden Realität darf nicht einfach ein Ideal übergestülpt werden, denn das System anzuklagen, ohne es zu verstehen, eröffnet die Möglichkeit der Irrationalität (Esoterik, usw.)
    „Wir wollen nicht dogmatisch die Welt antizipieren, sondern in der Kritik der alten die neue finden.“(Marx)
    Wobei ein gewisses moralisches Residuum sicherlich nicht zu leugnen ist, welches aber nur als Grundlage für emanzipatorische Kritik steht und diese nicht ersetzen kann.
    Allerdings kann die Negation und destruktive Kritik der herrschenden Zustände nur geübt werden, wenn die Utopie, das Andere, prinzipiell für möglich gehalten wird und nicht etwa durch den Glauben an Gott, die Natürlichkeit der kapitalistischen Produktionsweise usw. abgetan wird.

    Dieses Andere, was also möglich erscheinen muss, kann dann allerdings auch (utopisch, jedoch nicht genau erdacht) gegen die herrschenden Zustände hochgehalten werden. Dabei darf es aber nicht bleiben und kann die Kritik auch nicht ersetzen.

    In der Kritik der alten Welt die neue zu finden, ist allerdings ein Praxis, die Adorno übt und auf obigen Satz übertragen werden könnte. Aus dem Bewußtsein der Negativität lässt sich die Möglichkeit des Besseren festhalten (vgl. MM Nr. 5).
    So vielleicht auch die Möglichkeit des „richtigen Menschen“. Diese eher anthropologische Entwicklung und Annahme Adornos halte ich aber nicht für unproblematisch.

  5. Gravatar Icon 5 Moneymaker 05. Januar 2007 um 17:04 Uhr

    Ich hab grad keine zeit groß quellen rauszusuchen. Ich denke das es nicht falsch wäre dieses adornozitat als kritik an einer hypostasierung des Menschenbildes zu lesen.
    wie marx(?) geht adorno auch davon aus das es den richtigen menschen noch nicht gibt, und ich bezweifle adorno hätte sich als solchen begriffen. Die liebe gegenüber dem Menschen wie er ist, der also mit den Gesellschaftlichen zuständen verwoben ist, diese affirmiert, formell negiert oder andersweitig den stempel aufgedrückt kriegt (was adorno auch über sein denken sagt), ist nicht der richtige Mensch. Wer diese Leute(sic!) also liebt, affirmiert den triebunterdrückten, als verwertungssubjekt/objekt existierenden „Menschen“ und behauptet dies sei ein liebenswerter Mensch der bereits das Mögliche enthalten würden.

    Dem entgegen stellt Adorno das nicht auszumalende, höchstens vage zu antizipierende Bild des befreiten Menschen, der dann die Liebe verdient hätte.

    Ich meine Adorno hätte auch geschrieben das jeder versuch das reden über das Wesen des menschen aus dem jetzigen wesen des menschen abzuleiten eine beleidigung für die möglichkeit des Wesens Mensch sei. Dies verwendet er als argument gegen jede anthropologie.

    PS. Für Adorno ist auch der becketsehende Kulturliebende kein richtiger mensch. Es ist ausserdem völlig albern anzunehmen er hätte alle produkte der kulturindustrie abgelehnt und daraus die Menschlichkeit abgeleitet. War adorno doch selber ein intensiver Kinogänger, der sich auch auf partys nicht zu fein war auch „stumpfe“ musik zu spielen.
    das er der rockmusik jedoch nicht den anspruch eines kunstwerkes zugesteht ist -glaube ich- verständlich. Adorno und seine Theorie schätzt Gebrauchsmusik durchaus, versteht sie aber eben als solche und nicht als Kunst.

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