Fragmente der Kritik: Keynesianismus

Die neo-klassische Markttheorie geht u.a. von einer allgemeinen Gleichgewichtstheorie, die schon Marx im ersten Band des „Kapitals“ kritisiert, aus. Daraus folgt, dass Krisen nie durch die „Kräfte des freien Marktes“ verursacht, sondern immer von Außen bestimmt werden. Etwa durch Fehlverhalten einiger Politiker oder Wirtschaftssubjekte.
Schon hier zeigt sich das diffuse Verständnis des Marktes durch die Neoklassik. Ob der Markt durch die Menge der Wirtschaftssubjekte repräsentiert wird, oder ob dieser nicht doch einer metaphysischen „unsichtbaren Hand“ gleicht, bleibt unklar. Dies soll hier aber nicht behandelt werden.
Die Annahme der Neoklassik widersprach den empirischen Gegebenheiten. Krisen sind und waren empirisch zwar regelmäßig erfassbar, allerdings werden die Ursachen für Krisen durch die neoklassische Seite insistent auf äußere Einflüsse reduziert.
Der Keynesianismus ist eine Reaktion auf diese Unstimmigkeiten und das existierende „Ungleichgewicht“.
Das Hauptziel des Keynesianismus war die Vollbeschäftigung: Konnte das Kapital diese nicht mehr garantieren, sollte der Staat als Garant für Beschäftigung auftreten: Öffentliche Ausgaben sollen die diversen Defizite des Kapitals kompensieren und so das Gleichgewicht, aber vor allem die Vollbeschäftigung wiederherstellen.
Der Staat reagiert somit auf Stagnationen und Depressionen der Wirtschaft, soll die zyklischen Wirtschaftsverläufe ausgleichen und so eine konstante Entwicklung der Wirtschaft ermöglichen.
In Krisenzeiten solle der Staat Schulden aufnehmen, um öffentliche Ausgaben tätigen zu können und so die Krise zu mildern oder abzuwenden, in Zeiten der Prosperität sei es dem Staat dann möglich die Schulden zurückzuzahlen.
Schon das Grundanliegen, „Vollbeschäftigung“ ist problematisch: Wenn das Hauptziel eine krisenfreie Wirtschaft ist, erzeugt dieses Ziel Ignoranz gegenüber den täglichen Lebensbedingungen der Lohnarbeiter: Auch wenn die Wirtschaft einen Aufschwung erlebt, findet Ausbeutung statt, herrscht die kapitalistische Verwertungslogik. Diese bedeutet nervenaufreibende und äußerst anstrengende Arbeitsbedingungen, Repression gegen MigrantInnen, prekäre Arbeitsverhältnisse usw.
Ein „schönes Leben“ ist so kaum denkbar.
Außerdem ist Krise nicht gleich Krise: Was für das marktabhängige Individuum „Krise“ bedeuten kann, nämlich z.B. einen unausstehlichen Produktionsprozess, ist für das Kapital eine Paradies für Mehrwertproduktion. (Näheres siehe: „Alle reden vom Aufschwung“)
Der Kenyesianismus hat sich also schon durch sein Hauptziel von einer emanzipatorischer Perspektive mehr oder weniger verabschiedet. Zwar ist es innerhalb des Bestehenden vernünftig für bessere Arbeitsbedingungen, mehr Lohn und vielleicht auch für Vollbeschäftigung einzutreten. Werden aber solche Forderungen zum Hauptziel, degradieren sich Fordernden selber auf das permanente Reagieren. Die Reaktion auf Entwicklungen des Marktes wird dann zur Hauptaufgabe und Ursachen für Missstände finden keine Beachtung oder gar Bekämpfung, was die Bedingungen der Armut, also die Geschäftsgrundlagen des Kapitalismus, stets reproduziert.
Den staatlichen Eingriffen spricht die keynesianische Theorie einen Selbstfinanzierungseffekt zu. Dieser Effekt kann aber nur eintreten, wenn der Staat „produktiv“ produziert, also Mehrwert erzeugt. Allerdings ist der Staat eher in geringem Maße im Besitzt von Produktionsmitteln, weshalb er, um Produktionsmittel zu erlangen, neue Schulden aufnehmen muss.
Schon hier deutet sich an, dass der Staat nie losgelöst vom „Markt“ agieren kann. Der Selbstfinanzierungseffekt tritt nur dann ein, wenn der Staat als Wirtschaftssubjekt aktiv am Marktgeschehen teilnimmt, die Regeln des Marktes befolgt, also „kapitalistisch“ produziert. Selbst wenn der Staat auf Selbstfinanzierung verzichtet, ist dieser gezwungen, geliehenes Geld zurückzuzahlen, was ihn wiederum notwendigerweise in die kapitalistische Wirtschaft integriert. Der Staat ist keine außerökonomische Instanz mehr, sondern vielmehr Wirtschaftssubjekt. Allerdings, und das unterscheidet ihn von anderen Wirtschaftssubjekten, hat der Staat das Gewaltmonopol inne und kann so Gesetze des Warentauschs verletzen. Der Staat ist so also ein Wirtschaftssubjekt, nicht mehr ein „Staat des Kapitals“, sondern vielmehr selber ein Kapital, was seine Funktion als Garant der wirtschaftlichen Ordnung, aufgrund seiner spezifischen Interessen als Wirtschaftssubjekt, tendenziell verletzt. Somit gefährdet der Staat die kapitalistische Ordnung, den freien Markt, eröffnet allerdings keine emanzipatorische Perspektive, keine Entwicklung über den Kapitalismus hinaus, sondern produziert im schlechtesten Falle Staatskapitalismus. Ein solch autoritärer Staat kann keine Lösung für eine emanzipatorische Linke sein. Liberale Theoretiker sehen im keynesianischen Wohlfahrtsstaat den Staatssozialismus repräsentiert, plädieren für mehr „Selbstverantwortung“, für „mehr Markt und weniger Staat“.
Auch die Strategie und Handlungsmöglichkeit höherer Besteuerung weist mehr auf die Widersprüchlichkeiten der kapitalistischen Ökonomie hin, als Probleme zu lösen. Steuern, die von den Unternehmen gezahlt werden müssen, schmälern deren Profite, woraus Arbeitslosigkeit, Mehrarbeit für Beschäftigte usw. folgt. Umgekehrt führt die Steuerfreiheit für Unternehmen zu ähnlichen Resultaten.

Fortsetzung folgt.


6 Antworten auf “Fragmente der Kritik: Keynesianismus”


  1. Gravatar Icon 1 MM 28. Dezember 2006 um 15:47 Uhr

    Ja wenn der Kapitalismus das Böse an sich ist, macht Keynesianismus natürlich keinen Sinn. Aber wie sagte Keynes doch so schön: „In the long run we´re all dead.“

  2. Gravatar Icon 2 schorsch 28. Dezember 2006 um 16:09 Uhr

    Auch ohne moralische Titulierungen des Kapitalismus ist der Keynesianismus kritikabel.

    Allerdings ist mir der Zusammenhang zwischen dem ironisch anmutenden ersten Satz und dem Zitat nicht ganz klar.

  3. Gravatar Icon 3 Fritz 30. Dezember 2006 um 17:29 Uhr

    Soll wohl sagen, dass die Realisierung der „emanzipatorischen Perspektive“ nicht abzusehen ist, und bis dahin wär ein bischen mehr Keynesianismus garnicht so schlecht, oder?

  4. Gravatar Icon 4 schorsch 30. Dezember 2006 um 20:02 Uhr

    In einem gewissen Sinne schon, da hast du recht.
    Es ist ja auch richtig, als Beschäftigter für Lohnerhöhungen zu kämpfen und nicht, in dem Wissen um das falsche Ganze, alle Verschlechterungen der materiellen Lage hinzunehmen. Auch wenn klar sein muss, dass ein „erfolgreicher“ Lohnkampf nicht das Ziel von Reflexion und Aktion bleiben darf.

    Allerdings stimmt es auch, dass eine Lohnsteigerung tatsächlich das Unternehmen in den Bankrott führen kann, wovon fast jeder Lohnabhängige nichts hat, also sich durchaus gezwungen sieht, Lohnsenkungen zuzustimmen.

    Ich denke so auch, dass eine keynesianische Politik, wenn sie Erfolg hat, im Sinne der Beschäftigten ist.
    Trotzdem weise ich ja auf, warum auch eine keynesianische Politik keine Lösung sein kann. Die Warengesellschaft bleibt weiterhin und die Tendenz zur autoritären Regierung bleibt auch bestehen. Weitere Kritikpunkte folgen im zweiten Teil der Kritik.
    Auch hielte ich es für falsch, aufgrund der Faktizität des Gegebenen, der Abwesenheit einer emanzipatorischen Perspektive, einzulenken und „Realpolitik“ zu betreiben.
    Es muss auf der Möglichkeit des Anderen insistiert werden.

  5. Gravatar Icon 5 Juli 04. Januar 2007 um 13:33 Uhr

    naja, keynesianismus ist ja nicht nur eine fröhliche mischung aus lohnerhöhung und wohlstandsbäuche, sondern auch für arbeitsdruck und eintönigkeit. machen wir uns nix vor: weder gibt es noch einen weg zurück, noch wäre der so richtig wünschenswert.

    was nichts an der tatsache ändert, das neoliberale reform auch nich grade wünschenswert sind. und dann wären wir wieder bei schorsch: da muss halt der ganze laden wech. sach ich mal…

  1. 1 Fragmente der Kritik: Keynesianismus (2) // Schorsch’s online Journal Pingback am 04. Januar 2007 um 19:09 Uhr
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