Verkürzte Kapitalismuskritik

In diesem Beitrag soll sich den ökonomischen Konzepten populärer „Globalisierungs- und Kapitalismuskritikern“ gewidment werden. Neben den Positionen von ATTAC werden diese von Proudhon, Gesell, der „Neuen Rechten“ und offener Antisemiten oder Nationalsozialisten beleuchtet.
Besonders wird auf ATTACs, Proudhons und Gesells, ökonomietheoretische Fehlanalysen der warenproduzierenden Gesellschaft hingewiesen. Ideen, wie Lokal- oder Schwundgeld, Besteuerung der „Finanzströme“, wird der anti-emanzipatorische Gehalt nachgewiesen.
Neben einem Fazit wird außerdem Postones Ansatz der Erklärung des modernen Antisemitismus umrissen und mit den Ideen der oben genannten Protagonisten in Verbindung gebracht.

Was allen verkürzten Kapitalismuskritiken, die durch diese Beschreibung eigentlich nicht adäquat erfasst werden, da an ihnen nichts „kritisches“ ist, gemein zu sein scheint, ist eine hartnäckige Affirmation der strukturellen Merkmale des Kapitalismus und häufigst auch ein Umschlag in vollkommen regressive Gesellschaftsmodelle.
Die wohl bekannteste Sorte oder Institution, vom GSP einmal „Aldi unter den Weltverbessernern“ genannt, soll kurz beleuchtet werden. Zwar stellt ATTAC eine pluralistische Organisation dar, aber dennoch lassen sich Kernforderungen von ATTAC herausstellen. Im Anschluss wird auf die Idiotie und auf die inneren Widersprüche des „Schwundgelds“ eingegangen, welche sich auch häufiger bei ATTACies antreffen lässt und dann ein Blick über rechtsextreme „Kapitalismuskritik“ verschafft werden. Zum Schluß wird die Frage behandelt, worin die Gemeinsamkeit und Gefahr der dargestellen „Kritiken“ besteht.

ATTAC

Das Ziel des „Verein für eine Besteuerung von Finanztransaktionen zum Wohle der Bürger“ bestand in seiner Entstehung lediglich in der Propagierung der „Tobin-Steuer“, die alle Finanztransaktionen betreffen sollte. Schon diese Zielsetzung zeigt ATTAC’s Analyse der herrschenden Wirtschaftsstruktur und deren Fallstricke auf. Es wird also konsequent versucht eine wesentliche Bestimmung der existierenden Wirtschaftsweise auseinanderzudividieren: Das Kapital.
Dieses teilt sich in der dargestellten Sichtweise in „Finanz“- und Industriekapital auf.
Es ist immanent-rationale Praxis, Kapital, welches sich nicht gewinnbringend investieren lässt, auf spekulative Anlagen zu verlagern und so nicht durch eine Ausweitung der Produktion, sondern zum Beispiel durch Börsenspekulation, Kapital zu akkumulieren. Börsengewinne können selbstverständlich nicht völlig unabhängig von materieller Produktion existieren, aber durchaus unabhängig von Produktion innerhalb einer Nation, weshalb sich beispielsweise auch Nationalisten und Nationalliberale, die sich um das Wohl Deutschlands sorgen für eine Regulation der Spekulation aussprechen.
Es hat sich gezeigt, dass das sogenannte „Finanzkapital“ dem Wesen des kapitalistischen Produktionsprozess völlig entspricht und gar nicht die Wurzel allen Übels ist, sondern vielmehr aufzeigt, dass die Formen des Kapitals sehr ausdifferenziert existieren. Zwar kann „die Spekulation“ konkrete Schäden für den Mensch nach sich ziehen, das liegt aber nicht daran, dass „die Spekulation“ böse sei, sondern vielmehr an der Tatsache, dass eben auch in der „Spähre der Spekulation“ die Rationalität des Marktes vorgegeben ist. Übrigens spekuliert auch der „Industriekapitalist“, nämlich auf zukünftige Gewinne seiner Waren.
Es ist bei ATTAC keineswegs überraschend, dass die Ursache für ökonomische Prozesse und daraus resultierenden Umstrukturierungen usw. lediglich an der „Profitgier einer dünnen Parasitenschicht“ (ATTAC-Flugblatt) ausgemacht wird.
Nach ATTAC solle „Geld (…) unter keinen Umständen unbegrenzte Bewegungsmöglichkeiten erhalten, da es sonst von der produktiven in die spekulative Sphäre flüchtet“ (Karachalios, zit. nach Paulus)
Solche Forderungen lassen die Ursachen für die Geldbewegungen unangetastet und produzieren somit die Notwendigkeit ihres Scheiterns: Eben weil die grundlegenden Verhältnisse nicht gestürtzt werden, ergibt sich immer wieder aufs neue die Notwendigkeit für Unternehmen in die „Spähre der Spekulation zu flüchten“ oder aber ihre Geschäftsaufgabe zu erklären.
Weil die Gründe für sinkenden Lebensstandart, prekäre Arbeitsverhältnisse usw. in dem Wirken des „spekulativen Kapitals“ gesehen werden, konstituiert diese Sichtweise zwangsläufig Ignoranz gegenüber den wirklichen Verhältnissen und Ursachen. Die Lösungsansätze versprechen keine generelle Besserung der Lage, da die Spekulation lediglich eine Weise der Kapitalakkumulation repräsentiert und nicht die einzige Strategie ist, Kapital anzuhäufen.
ATTAC versucht oder schafft es nicht die grundlegenden Notwendigkeiten für die kapitalistische Produktion zu erörten, wie etwa Privateigentum.
Marx behält also ein weiteres Mal recht, wenn er behauptet, dass basale Formen der kapitalistischen Ökonomie nicht ergründet werden konnten, „während andrerseits die Analyse viel inhaltsvollerer und komplizierterer Formen wenigstens annähernd gelang. Warum? Weil der ausgebildete Körper leichter zu studieren ist als die Körperzelle.“ (Marx, MEW 23).

Wird bei der Analyse ökonomischer Vorgänge schon notwendig miteinander verknüpftes getrennt, so macht ATTAC auch einen falschen Gegensatz zwischen „Politik und Wirtschaft“ aus. Politik müsse sich an den „Leitlinien von Gerechtigkeit“ (vgl. ATTAC-Homepage) orientieren und der Staat dürfe sich nicht zum Handlanger „neoliberaler Politik“ degradieren lassen. Der Staat wird also als Protektor gegen die Zumutungen der herrschenden Logik des Kapitals angesprochen und nicht als Garant dieser kritisiert. Dieser Ansatz korrespondiert mit Proudhons, Gesells und besonders Grays Sicht des Staates.

Proudhon, Gesell und Gray

Um diese aber korrekt darstellen und kritisieren zu können, bedarf es Erläuterungen zu ihren wirtschaftlichen Ansichten, die häufig, wie erwähnt, bei ATTAC Eingang finden und exemplarisch für eine verkehrte Auffassung des Kapitalismus stehen.
Proudhon und Gesell versuchen, ebenso wie ATTAC, das unmittelbar Zusammenhängende als zwei konträre Seiten zu erfassen und darzustellen. So ist bei Proudhon und Gesell der Zins das zentrale Übel. Nach Proudhon können sich Geldbesitzer stets den besten Zeitpunkt für den Tausch aussuchen, so dem Marktprozess einen Riegel vorschieben und sich die „Entriegelung des Marktes“ teuer bezahlen lassen. Für Produhon ist das ein moralisches Versagen der Geldbesitzer und ein Beweis für die Notwendigkeit der Abschaffung des Geldes bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung des warenproduzierenden Systems. Da aber ein warenproduzierendes System Geld benötigt, um den Wert von Waren bestimmen zu können, holt Produhon das Geld durch die Hintertür wieder herein: „Arbeitsstundenzettel“ sollen die Leistung der Arbeiter bestimmen und so garantieren, dass wirkliche Äquivalente getauscht werden und der „ewigen Gerichtigkeit“ zum Durchbruch verhelfen. Proudhon formuliert ein Paradoxon: Er möchte die Ideale der Zirkulation verwirklichen, indem er für einen „echten Äquivalententausch“ eintritt, der aber als Zirkulation bereits real existiert. Außerdem impliziert seine Vorstellung den Fehler, dass sich die Werte der Waren ohne Geld vor dem Tausch bestimmen lassen würden. All dies läuft auf die Frage hinaus, warum „auf Grundlage der Warenproduktion die Arbeitsprodukte sich als Waren darstellen müssen“ (Marx, MEW 23). Proudhon fordert „Individuen unabhängig von den Bedingungen des Privataustausches, und andererseits läßt (er) dieselben fortproduzieren auf der Grundlage des Privataustausches.“ (Marx, MEW 13). Der Arbeitsaufwand der Produzenten vor dem Verkauf ist tatsächlich nur ihr individueller Arbeitsaufwand, der durch den Tausch in abstrakte, gesellschaftlich gültige Arbeit verwandelt wird. Proudhon unterstellt die zur Produktion benötige Arbeitszeit als bereits unmittelbar vergesellschaftete. Dies ist in der warenproduzierenden Gesellschaft eindeutig nicht der Fall und unterstellt vielmehr eine Gesellschaft, die nicht auf Grundlage von Privateigentum produziert, was jedoch nicht Produhons Anliegen ist. Aber eben diesen Widerspruch, Abschaffung von Geld und Beibehaltung von Privatproduktion, möchte Proudhon (und Gray) durch sein Ideal von „ewiger Gerechtigkeit“ und vom „Arbeitsgeld“ realisieren.
Der kommende Aspekt zielt nun auf die daraus resultierende Staatskonzeption. Der Staat nämlich wird nicht als Teil des kapitalistischen Ganzen angegriffen, sondern vielmehr offen eingefordert. Da Geld abgeschafft werden soll, aber die Verhältnisse, welche die Existenz von Geld praktisch konstituieren, fortexistieren, muss die Aufgabe der Vermittlung, welche Geld in kapitalistischen Gesellschaften übernimmt, durch eine Institution übernommen werden. Diese alles verwaltende „Zentralbank“ weist wiederrum eine große Ähnlichkeit mit staatssozialistischen Ideen auf und mündet beinah zwangsläufig in einem autoritären Regime.
Gesell bedient sich außerdem der Dummheit des „raffenden und schaffenden“ Kapital. Er fordert nicht den Kampf zwischen Arbeiter und Kapitalist, sondern zwischen „Unternehmer“ und „Kapitalisten“. Dabei stehen Unternehmer für „Produzenten“ und „Kapitalisten“ für „raffende Spekulanten“. Gesell setzt somit auch weiterhin auf den Markt, der nach seinen Darlegungen allerdings durch Zins in seiner Potenz gehemmt werde. Daran anschließend vertritt Gesell klar sozialdarwinistische Konzepte: „Doch steht es außerhalb eines jeden Zweifels, dass der freie Wettbewerb den Tüchtigen begünstigt und eine stärkere Fortpflanzung zur Folge hat. Eine solche Rassenpolitik ist ureigene Angelegenheit jedes einzelnen Menschen.“ (Gesell).

„Antikapitalismus“ von rechts

Der Antikapitalismus von rechts unterscheidet, wie die beiden skizzierten Ideologien, zwischen „raffendem und schaffendem“ Kapital und zeigt offen, dass „raffendes Kapital“ stets durch „den Juden“ oder „das jüdische Prinzip“ vertreten wird. Die Globalisierung ist für Rechtsradikale eine Verschwörung einer kleinen Elite, die ebenfalls mit „dem Judentum“ identifiziert wird. Die Globalisierung sei ein Zusammenschluss von Wenigen um die Herrschaft des „Finanzkapitals“ durchzudrücken und die „freien Völker“ zu knechten, um ihre „raffgier“ zu befriedigen. Was der Globalisierung entgegengesetzt werden müsse sei die „Volksgemeinschaft“ und ein starker nationaler Ordnungsstaat, der gegen die Verschwörung von WTO, IWF, USA und Israel usw. schützen müsse. Hier greift also auch eine personalisierte Kapitalismuskritik, welche Institutionen, Einzelpersonen, oder gar ihre Eigenschaften, wie „Raffgier, „Arroganz“, „Faulheit“ für soziale Ungleichheiten verantwortlich macht.
So resultiert also auch die angestrebte Gesellschaftsordnung in Verhältnisse, die Arbeitszwang bedeuten und einen Staat bedingen, der sich an den Interessen der „Volksgemeinschaft“ und nicht an denen des „globalen Finanzkapital“ orientiere. Wahlweise wird auch eine Unterwanderung des Staates durch „das Judentum“ vermutet und so eine Abschaffung der BRD, als Marionettenstaat der „US-Ostküste“ und ein „Viertes Reich“ als genuiner „Volksstaat“ angestrebt. Der rechte Antiimperialismus, der dem der RAF sehr ähnelt, wenn nicht gar gleicht, zielt ebenso auf „Volkssouveränität“ gegen Einflüsse vom jeweils ausländischen Kapital.
Die Neue Rechte formt die oben aufgezeigten Ziele etwas subtiler um und ist über Antiamerikanismus, Euronationalismus und eine antimoderne Grundhaltung von einigen „linken“ Zirkeln nicht zu unterschieden. Dem „amerikanisierten und entwurzelten Menschentyp“, dessen Bedürfnisse „künstlich gezüchtet und von amerikanischen Fließbändern des Kitsches und der Retortenwaren ebenso hohl und künstlich abgefertigt werden“ (Thule-Seminar, zit. nach Paulus) wird ein „Menschentypus“ entgegengestellt, der mit seinem Land, seinem Volk verwurzelt ist und dies gegen vermeintliche kulturelle, „kosmopolitische und individualistische“ Infiltrationsversuche von Außen schützt.
Europa wird als „Europa der Vaterländer“, als starkes Hort gegen äußere Feinde befürwortet, welches den „Völker Europas“ helfe, ihre Identität zu wahren.
Aber nicht nur die europäischen, sondern sämtliche Völker seien von der Globalisierung bedroht, die durch Individualismus und „Mammon“ diese Völker zu „zersetzen“ droht. Selbstverständlich gilt auch hier das Paradigma vom „schaffenden“ und „raffenden“ Kapital und Verschwörungsszenarien, die immer antisemitisch sind.
Gegen den „amerikanisierten-MC-Donalds Kapitalismus“, gegen „amerikanisch verdorbene Kultur“ und gegen „raffende, ausländische Private-Equity-Gesellschaften“ wird der gute deutsche Unternehmer in Stellung gebracht, der mit „gutem Namen, solider Tradition“ als „werteschaffender“ Volksgenosse seinen Angestellten Stolz vermittle, weil diese bei ihm „produktiv schaffen“ können.
Fast immer sind solche Positionen auch mit antimodernen Ressentiments verknüpft. Gegen die „dekadente, bunte Welt des Konsums“ wird das „Wahre“ positioniert, welches stets diffus bleiben muss und klar gegen die Emanzipation des Menschen gerichtet ist. Ökonomisch wird hier oft die „Schwundgeldlehre“ von Silvio Gesell als Wirtschaftskonzept als eine „natürliche“ und „ursprüngliche“ Wirtschftsweise erachtet und propagiert.
Oft wird auch eine „Schmach“ z.B. der Globalisierung phantasiert, der „die Deutschen“ ausgesetzt seien, und Ideale vom „starken, erfinderischen und fleißigen deutschen Volk“ herbeihalluziniert, die „die Deutschen“ an den Tag legen sollten, um endlich zu ihrem „wahren“ Recht zu kommen. Solche Standpunkte reihen sich oft problemlos in standortnationalistische Apelle ein.
Besonders bei den Positionen der Neuen Rechten ist es sehr erschreckend, dass sich diese oft mit als „bürgerlich“ akkzeptierten Positionen decken und besonders in Form des Antiamerikanismus in linke Zusammenhänge gebracht werden. Fast nie werden solch rechte Positionen als eindeutig rechts enttarnt und es ist meißt nur eine Sache der Form, ob ein sich als „links“ verstehender Jugendlicher oder ein des Rechtradikalismus unverdächtiger Bürger diese rechten Positionen annimmt. Diese haben dann auch oft keine Ahnung von der hoch gefährlichen Dynamik ihrer Gedanken, verstehen diese möglicherweise noch als besonders kritisch, worin eine besondere Gefahr situiert werden muss. „Den Wahn erkennt natürlich niemals, wer ihn selbst noch teilt.“ (Freud)

Welche Gefahr liegt jenseits von immanenten Fehlern, systemaffirmativen oder stabilisierenden Aspekten in nicht eindeutig rechten Positionen? Besteht möglicherweise sogar die Gefahr, dass es eine, wenn auch sehr diffuse, Überschneidung sämtlicher Ideologeme gibt und welche die reaktionären Utopien von sämtlichen Querfrontstrategen verwirklichen könnte?
Diese Überschneidung existiert tatsächlich, ist mit „strukturellem Antisemitismus“ wohl am besten bezeichnet und soll nun kurz erläutert werden.
„Was für den Antisemiten den Juden ausmacht, ist die Existenz des Judentums in ihm, des jüdischen Prinzips.“ (Sartre). Juden werden im modernen Antisemitismus nicht mehr über die Religion zum vermeintlichen Feind. Bereits im Mittelalter wurde „der Jude“ mit Geld in Verbindung gebracht, da Berufe, die mit Geld zu tun hatten Christen verboten, aber ökonomisch notwendig waren und somit Juden aufgezwungen wurden.
Nach dem Börsenkrach 1873 wurde die ideologische Trennung zwischen „schaffendem“ auf der einen und „raffendem“ Kapital auf der anderen Seite endgültig vollzogen. Juden wurden nicht nur mit Geld, sondern im Folgenden mit dem Kapitalismus überhaupt identifiziert. So auch mit seinen Krisen, Umstrukturierungen und sozialen Folgen. Die Juden werden also als Verkörperung der abstrakten Herrschaft des Kapitals angesehen und mit Attributen mysteriöser Unfassbarkeit umschrieben. Der Doppelcharakter der Waren und der Gegensatz zwischen Konkretem und Abstraktem wurde nicht begriffen und folglich angenommen, dem Kapitalismus, der Warenzirkulation hafte eine negative und eine positive Seite an. Die positive Seite war der deutsche schaffende Arbeiter und die negative Seite der raffende Jude. Doch diese Unterscheidung wurde weitergetrieben: das deutsche Land- und Bauernleben, vermeintlich „wahre“ Ideale und ähnliches wurden als „positive Seite“ der Großstadt, dem „dekadenten Leben“, der „entarteten Musik“ usw. gegenübergestellt, wobei letztere als „kapitalistisch“ und zerstörenswert galten und auch heute, in leicht gewandelter Form oft als Synonyme für ein „kapitalistisches Prinzip“ stehen.
Der nationalsozialistischen Ideologie zufolge kann das „Industriekapital“ gar nicht bekämpft werden, da es als etwas natürliches gilt. Dies zeigt, dass die kapitalistische Ökonomie nicht durchschaut wurde: „Ihre eigne gesellschaftliche Bewegung besitzt für sie die Form einer Bewegung von Sachen, unter deren Kontrolle sie stehen, statt sie zu kontrollieren.“ (Marx, MEW 23). Diese Kontrolle, die in letzter Konsequenz aus dem handeln der Marktteilnehmer entspringt, wurde den Juden zugeschrieben.
Die Naturalisierung zeigt auch, dass der Kapitalismus auf die Zirkulationsspähre reduziert wurde und offenbart weiterhin das mangelhafte Verständnis der herrschenden Gesellschaft. Da die Nazis alle Juden mit der abstrakten Herrschaft des Kapitals identifizierten, die Warenproduktion aber als eine natürlich Konstante verstanden, bedeutet für die Nazis die Überwindung des Kapitalismus, die Überwindung der Juden. „Für die Nazis ist der Judenhass eine Art Revolte, eine Art Selbstverteidigung gegen die abstrakte Macht, in Verkörperung der Juden, welche sich angeblich von dem Zwang der kapitalistischen Arbeit befreit hätten.“ (Paulus). „Auschwitz war eine Fabrik zur ‘Vernichtung des Werts’, das heißt zur Vernichtung der Personifizierung des Abstrakten.“ (Postone).
Der Antikapitalismus der Nazis ist, wie aufgezeigt, kein wirklicher Antikapitalismus, sondern eine fetischisierte Form des Antikapitalismus. Zur Erläuterung muss außerdem hinzugefügt werden, dass dieser Erklärungsansatz des modernen Antisemitismus davon ausgeht, dass die Kategorien von Marx keine rein ökonomischen sind, sondern, wie es der Fetischcharakter der Ware nahelegt, als strukturierte Formen aufgefasst werden, “die sowohl Praxen als auch das Bewusstsein strukturieren.“ (Postone).
Nicht nur weil Juden mit Geld in Verbindung gebracht wurden, sondern weil ihnen schon früh unterstellt wurde, die Welt zu beherrschen und sich gegen Angriffe durch die Erfindung von Kapitalismus und Kommunismus immunisiert hätten, wie es von Nationalsozialisten behauptet wurde, wurde der Kapitalismus, bzw. seine fetischisierte Auffassung auf die Juden projiziert. Zwar wurde nach dem Röhm-Putsch auf die fetischisierte Form des Antikapitalismus mehr oder weniger verzichtet, aber die Juden weiterhin als Wurzel von allem Schlechten gewertet.
Es sollte hier noch erwähnt werden, dass nicht nur „dem Jude“ dies zugeschrieben werden muss, sondern die Rolle, die „dem Juden“ zugeschrieben wird, durchaus durch andere Personen oder Institutionen ersetzt werden kann, was jedoch nichts an der mörderischen Qualität dieser Ideologie ändert.
Personalisierte Kapitalismuskritik ist immer falsch und anti-emanzipatorisch, denn eine radikale Kapitalismuskritik kann den einzelnen nicht „verantwortlich machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er sozial bleibt, sosehr er sich auch subjektiv über sie erheben mag.“ (Marx, MEW 23)

Das unbewusste Handeln der Privatbesitzer ergänzt sich aufgrund von Privateigentum zu einem System allseitiger Abhängigkeit, und erzeugt folglich ein „Verhältnis der Produzenten zur Gesamtarbeit als ein außer ihnen existierendes gesellschaftliches Verhältnis von Gegenständen“ (Marx, MEW 23), dem es sich zu beugen gelte. Diese sehr kurz dargestellte Tatsache, die von Marx detailiert nachgewisen und ausgearbeitet wurde, wird von den genannten „Globalisierungskritikern“ nicht nachvollzogen und somit die Ursachen für bestimmte Vorgänge und Verhältnisse stets im bewußten Handeln von Einzelpersonen gesucht, die aber grade der Herrschaft des Kapitals mehr oder weniger ohnmächtig gegenüberstehen.
Die theoretische Trennung vom Untrennbaren ist, wie dargestellt, allen skizzierten (Mis-)Verständnissen der kapitalistischen Ordnung gleich. Auch wenn diese mehr oder minder ausgeprägt ist und es wohl falsch wäre, jedem Mitglied von ATTAC Antisemitismus zu unterstellen, so ist es doch ebenso richtig wie wichtig, auf die strukturellen Gemeinsamkeiten aufmerksam zu machen. Denn die Praxis, die aus einer solchen Kritik, die im glücklichsten Falle Affirmation bedeutet, entspringt kann nicht emanzipatorisch sein und enthält immer die Möglichkeit einer regressiven Reformierung oder Revolutionierung der herrschenden Gesellschaft, ist also per se nie emanzipatorisch.

Den Text als Word-Datei gibt es hier.