Gesinnungsbrüder

In einem Artikel des liberalen Wirtschaftsmagazin „brand eins“ stellt der Autor Wolf Lotter einen vermeintlichen Unterschied zwischen Kapital und Geld her und unterscheidet zwischen einer „Geld-Geld-Wirtschaft“ und „Warenproduktion“.
Der Artikel beginnt mit liberaler Vergleicherei und außerdem mit schwerwiegenden Fehlern, wie etwa der Naturalisierung des kapitalistischen Produktionsprozesses, die hier jedoch im Einzelnen nicht näher erläutert werden sollen. Wer Aufklärung sucht, lese diesen Text, oder doch besser das „Kapital“.
Genaugenommen war die Bezeichnung der „Naturalisierung des kapitalistischen Produktionsprozesses“ falsch, denn in dem Artikel wird das warenproduzierende System konsequent auf die Zirkulationsspähre heruntergebrochen, womit eine Verkürzung eingeleitet wird, die nicht nur in einer falschen Erklärung des Gegenstandes resultiert, sondern sogar höchst bedenkliche Gedanken zu Tage fördert. Zum Beispiel deckt sich Lotters Erklärung des Geldes mit Ansichten von Silvio Gesell, die Gesell jedoch gegen das Geld einwendet. Lotter schreibt:

Der Handel beschränkte sich hauptsächlich auf Waren, die man sofort verbrauchen musste – Nahrungsmittel vor allem. (…) In der einen Variante, in der Geld das Mittel zum Zweck und ein universelles Werkzeug zum Austausch von Bedürfnissen ist, dient es zur Verbesserung eines Systems, das wir Wirtschaft nennen.

Ist Geld hier eine Vereinfachung des Tausches, die dem Menschen hilft, weil er mit der Konsumtion von Waren warten und flexibler handeln könne, sieht Gesell darin eine besondere Grausamkeit des Geldes versteckt. Er schreibt, da Geld angehäuft werden kann, weil die Gefahr nicht besteht, dass es verschimmelt, wie etwa Weizen, könne der Geldbesitzer dem Markt Geld „vorenthalten“, also einen „Riegel vorschieben“. Beides gleichsam falsche Erklärungen. Der „Springpunkt um den sich das Verständnis der politischen Ökonomie dreht“ (MEW 23) wird nicht erfasst.
Im Folgenden schlägt diese falsche Ansicht in eine gefährliche Anschuldigung um. So schreibt Lotter:

Lumpenkapitalisten sind Menschen, die keine Idee haben. Sie denken nur ans Geld und sind genau deshalb, nun ja, das Gegenteil von Kapitalisten, nämlich asozial.

Diese Auffassung kommt den vermeintlichen „Einsichten“ einer „verkürzten Kapitalismuskritik“ gleich und sind in einer solch krassen Ausprägung mit strukturellem Antisemitismus angemessen umschrieben.

Worin genau die Fehler einer solchen, in einigen Kreisen sogar sehr populären, „Kritik“ bestehen, wird hier morgen näher erläutert und eine Übersicht über die verschiedenen Ausformungen verkürzter oder anscheinender Kapitalismuskritik erstellt.

(Hinweis auf diesen Text via emanzipationoderbarbarei)