Anmerkungen gegen Burschenschaften

„Wehe den Juden“ schrie der fanatisierte Burschenschaftspöbel während ihrer Bücherverbrennung auf dem Wartburgfest.
Bereits 1818 zeigt Saul Ascher, Jude und Kosmopolit, die irrationale Verirrung der Bruschenschafter auf und fordert die Autorität zu polizeilichen Maßnahmen zur Unterdrückung deutschnationalistischen Gedankengutes ein. Vorrausschauend und intelligent schreibt er:

Man muss die Menge, um auch sie für eine Ansicht oder Lehre einzunehmen, zu begeistern suchen; um das Feuer den Begeisterung zu erhalten, muß Brennstoff gesammelt werden, und in dem Häuflein Juden wollen unsere Germanomanen das erste Bündel Reiser zur Verbreitung des Fanatismus hinlegen.

Von Saul Ascher ist Heinrich Heine nach eigenen Aussagen beeinflusst worden. Heine schreibt zu den Burschenschaften:

Auf der Wartburg hingegen herrschte jener unbeschränkte Teutomanismus, der viel von Liebe und Glaube greinte, dessen Liebe aber nichts anderes war als Hass des Fremden und dessen Glaube nur in der Unvernunft bestand, und der in seiner Unwissenheit nichts Besseres zu erfinden wußte, als Bücher zu verbrennen!

Wer also behauptet, Burschenschaften wären „zu ihrer Zeit“ eine emanzipatorische Einrichtung, verfehlt den Kern und ignoriert historische Faktizitäten.
Die deutsche Romantik, eine widerliche Spielart des Nationalismus, von Volksgeist und ähnlichen Idiotien schwafelnd, sich selber einlullend in deutsch-nationale, regressivste und antiaufklärerische wabbernde Nebel, ist mit den Burschenschaften unmittelbar verknüpft.


13 Antworten auf “Anmerkungen gegen Burschenschaften”


  1. Gravatar Icon 1 alkohol 23. August 2006 um 0:09 Uhr

    Also was die deutsche Romantik angeht ist dein Urteil zu platt. In der Zeit der amerikanischen Unabhängigkeit und der französischen Revolution entstand der Nationalismus, der sicher schon immer falsch war, aber sich in seiner Anfangszeit, in die eben auch die Romantik fiel, ganz unverblümt zum Ausdruck brachte.
    Und es ist falsch zu meinen, alle deutschen Romantiker wären gleichermaßen glühende Nationalisten gewesen – sie nahmen Einflüsse anderssprachiger Literaturen auf und regten diese wiederum an (Poe, Baudelaire z. B.). Adelbert von Chamisso („Peter Schlemihls wundersame Geschichte“), ein bedeutender deutscher Romantiker und Weltreisender, war gar kein Deutscher, sondern Franzose.
    Im Gegenteil sogar emanzipatorisch war die deutsche Romantik z. B. als Vorläufer der Psychoanalyse.

    Anmerkungen von Schorsch:

    Zugegeben, meine Darstellung war etwas platt und äußerst polemisch, aber eine negative Verve passt nicht zu differenzierten Darstellungen ;)
    Da die Romantik Gefühle stärker gewichtete und so als Vorläufer der Psychoanalsyse gelten kann, möchte ich nicht bestreiten, dennoch nocheinmal bestärken, dass die Romantik und deren Vertreter eben durch ihren Mystizismus vielmehr die Seele heilen, als den Geist aufklären wollten und sich als Antithese zur vernunftbetonten Aufklärung entwickelte. Auch ist es historischer Fakt, dass der deutsche Nationalismus, sich mit den verschiedenen Verirrungen der Romantik verband und leider „produktiv“ fortentwickelte.
    Im Gegensatz zum damaligen Nationsverständnis der französischen Revolution, war die Zugehörigkeit zum „deutschen Volk“ für die deutschen Romantiker eine Natürlichkeit, per Geburt determiniert. So schreibt Herder vom Volksgeist, der unmittelbar von einem göttlichen Schöpfungsplan verknüpft sei.
    Die angerissenen Aspekte treffen aber schon auf die Gedanken der Majorität der sich als „deutsch“ verstehenden Menschen resp. auf solche Intellektuelle zu.

  2. Gravatar Icon 2 Juli 25. August 2006 um 10:02 Uhr

    Also ich kann an der deutschen Romantik nix emanzipatorisches entdecken. Gerade diese Gefühlsduselei, das zurückziehen auf das vermeintlich konkrete (die Natur, die Familie, das „Volk“…) ist doch das (m.E.) ekelige an der ganzen Sache. Diese scheinbar konkreten Erscheiungen werden dem bösen abstrakten Wesen der bürgerlichen Gesellschaft, der Industrialisierung, dem Handel gegenübergestellt. Statt das Konkrete und das Abstrakte in ihrer Vermittlung zu untersuchen, wird das eine gegen das andere ausgespielt. Was allerdings nur klappen kann, wenn auch dem Abstrakten ein konkretes Gesicht gegeben wird. Was dann zu miesesten Projektionen führt, die aus der deutschen Geschichte hinreichend bekannt sein dürften…

    In diesem Sinne: Fuck off ‚Deutsche Romantik‘

  3. Gravatar Icon 3 Schorsch 25. August 2006 um 14:38 Uhr

    Ich stimme dem zu.

    Auch, weil es, wie ich es in der Anmerkung versuchte zu zeigen, eben nicht so war, dass Nationalismus und deutsche Romantik nicht einfach zufällig zeitlich ineinander fielen, sondern sich ergänzten und als diese Ergänzung/Verbindung neue Gedankenprodukte hervorbrachten.

  4. Gravatar Icon 4 alkohol 25. August 2006 um 18:55 Uhr

    @ schorsch
    „Im Gegensatz zum damaligen Nationsverständnis der französischen Revolution, war die Zugehörigkeit zum “deutschen Volk” für die deutschen Romantiker eine Natürlichkeit, per Geburt determiniert. So schreibt Herder vom Volksgeist, der unmittelbar von einem göttlichen Schöpfungsplan verknüpft sei.“
    Ist das nicht vielmehr ein Fehler, den man bei Nationalisten überall antreffen kann? Zwar konnte man nach der französischen Revolution Franzose werden, wenn man ihre Zwecke teilte. Aber diese Möglichkeit bestand nur ein paar Jahre und wurde, soweit ich weiß, noch vor Ende der ersten Republik zurückgenommen.

    „dass die Romantik und deren Vertreter eben durch ihren Mystizismus vielmehr die Seele heilen, als den Geist aufklären wollten und sich als Antithese zur vernunftbetonten Aufklärung entwickelte.“
    Die deutschen Romantiker (ich denke der Einfachheit halber mal an Tieck und Hoffmann) waren keine Irrationalisten, die einfach hinter die Aufklärung zurückwollten. Sie machten eben, zumindest gar nicht so selten, das Gefühl und das Irrationale polemisch stark und erweiterten so die Aufklärung. Diesen Verve findet man auch noch bei Freud, wenn er etwa von der Traumdeutungspraxis vergangener Zeiten erzählt.
    Die Romantiker – ich sehe das gar nicht so sehr als Verdienst; es war halt gerade an der Zeit – waren Leute, die eine neue Stufe der Reflexivität der Kunst erreicht haben. Sie konnten über Goethe und sich selber lachen, und hatten ein Bewusstsein davon, was kitschig ist. Kitsch tritt bei ihnen (ich rede natürlich immer nur von guten AutorInnen) im Rahmen eines ambivalenten Verhältnisses auf, das man dann, allerdings abgesetzt von der Romantik, auch noch bei Heinrich Heine wiederfindet. Gustav Mahler hat diese Ambivalenz kongenial vertont.

    @ juli
    Die Romantiker als kitschige Innerlichkeitsfetischsten abzutun, geht nur, wenn man sie nicht kennt. „Der blonde Eckbert“ von Tieck ist das Gegenteil eines tapferen Recken wie ihn sich deutsche Nationalisten als Ideal imaginieren. Tiecks „Liebeszauber“ ist auch etwas anderes als der Titel „verspricht“.
    „Des Lebens Überfluss“, eine Erzählung in der Tieck bereits auf reflektierende Distanz zur Romantik gegangen ist, behandelt gerade das Verhältnis von vom Mangel bestimmter Realität und dem mehr als zweifelhaften, aber vielleicht nicht einfach bloß verkehrten Versuch, diesen Mangel durch Phantasie zu überwinden. Das ist auf jeden Fall eine wichtige Stellungnahme zu den Problemen der Romantik.

  5. Gravatar Icon 5 Schorsch 26. August 2006 um 8:46 Uhr

    „Ist das (Zugehörigkeit zum “deutschen Volk” eine Natürlichkeit) nicht vielmehr ein Fehler, den man bei Nationalisten überall antreffen kann?“

    Wenigstens bestand in Frankreich die andere Möglichkeit. Zwar mag ich dir ersteinmal Recht im Bezug zur heutigen Auffassung von Nationen geben, muss dann aber dennoch an die Menschen denken, die ihren Nationalstolz „verfassungspatriotisch“ herleiten und den Staat (resp. die Staaten) als Ursache für heutige Demarkationslinien verstehen und sich nicht auf „Volk“ usw. beziehen.

    Wenn ich mich richtig erinnere, hat Tieck aber alter Volkssagen und Märchen veröffentlicht und ein Buch über „altdeutsche Kultur“ veröffentlicht. Bei Hoffmann würde ich dir zumindest zustimmen, wenn du bei ihm ein ambivalentes Verhältnis zur Romantik konstatierst, aber inwieweit die Romantik die Aufklärung erweiterte, kann ich nicht sagen und möchte dies auch starkt bezweifeln, da die genannten Kritiken trotz Ausnahmen meines Wissens eine geistige Hegemonialstellung behaupten konnten und vermeintliche Fortschritte einen regressiven Kern behinhalten, so z.B. ist die Zuwendung zum Indivuduum immer verknüpft mit einer Flucht ins Private, die sich bewußt von der Gesellschaft abwendet, die du ja auch ansprichst. Inwieweit ein solcher Prozess von Tieck kritisch reflektiert wird, müsste ich tatsächlich nachlesen und versuche das, sofern es mir zeitlich vergönnt, ist auch zu tun.
    Und dennoch ist es doch eine Tatsache, dass die (meißten) Romantiker ein Gegensatz, häufig einen Widerspruch, von Rationalität und Emotionalität eröffneten, der zugunsten letzterer entschieden wurde. Ob Ausnahmeautoren gegen das Irrationale polemisierten, müsste ich ebenfalls nachlesen/überprüfen.
    Die Beziehung zur Kunst, die du zeichnest, ist mir im Zusammenhang mit der Romantik noch völlig unbekannt, so auch die Ambivalenzen dieser Beziehung.

  6. Gravatar Icon 6 alkohol 27. August 2006 um 19:10 Uhr

    „Wenigstens bestand in Frankreich die andere Möglichkeit. Zwar mag ich dir ersteinmal Recht im Bezug zur heutigen Auffassung von Nationen geben, muss dann aber dennoch an die Menschen denken, die ihren Nationalstolz “verfassungspatriotisch” herleiten und den Staat (resp. die Staaten) als Ursache für heutige Demarkationslinien verstehen und sich nicht auf “Volk” usw. beziehen.“

    Mit dem Verfassungspatriotismus ist das so ne Sache. Er hat sicher den Vorzug, mit dem Anspruch aufzutreten, rational begründet zu sein. Wenn es einem Verfassungspatrioten mit diesem Anspruch ernst ist, kann man mit ihm entspannt über die Möglichkeit einer vernünftigen Einrichtung der Gesellschaft auch jenseits von Nationen diskutieren.
    Dabei stößt man dann aber in der Regel auf metaphysisch und biologistisch begründete Widerstände, die allerdings als universell menschlich angenommen werden. Aber auch hier ist es dann u. U. recht schnell mit der Rationalität vorbei.
    Wie bei anderen Formen von Nationalismus ist beim Verfassungspatriotismus praktisch immer schon stillschweigend vorausgesetzt, dass es die (eigene) Nation geben soll. Er ist nur eine sich besonders rational gebärdende Rationalisierungsstrategie für aufgeklärte Intellektuelle. Dass die große proletarische Mehrheit seines Volkes dagegen recht wenig mit dem Verfassungspatriotismus anzufangen weiß, stört dessen Verfechter nicht allzusehr. Jedenfalls nicht so sehr, dass er sich von den Pflichten des Gesellschaftsvertrags entbunden sähe und deshalb aus dem nationalen Kollektiv ausstiege.
    Als empirisches Argument dafür, dass eine kulturalistische oder sogar völkische Denke sich mit dem Verfassungspatriotismus nicht kategorisch ausschließt, verweise ich mal auf dessen namhaften Vertreter Jürgen Habermas. Der hat vor ein paar Jahren in der ZEIT (zusammen mit Derrida) einen Artikel veröffentlicht, in dem er für einen europäischen Nationalismus plädiert. Dabei ist er sich auch nicht zu schade, einer angeblich von christlichem Fundmentalismus geprägten us-amerikanischen Politik den Säkularisierungsweltmeister Europa entgegenzustellen. Und das, obwohl er in letzter Zeit selber positive Seiten an der Religion entdeckt haben will.

  7. Gravatar Icon 7 Schorsch 28. August 2006 um 17:17 Uhr

    In einem Teil hast du recht. Andererseits gibt es die Position (diese von „Jaques und Jürgen“ könnte auch dazugezählt werden), nach dieser die Existenz einer Nation praktisch begründet wird: Nationen stellen demnach den Verwaltungsbezirk des Staates dar und der Staat wiederrum sei notwendig, um „eigenen Interessen“ gegen „fremde“ zu verteidigen.
    Hier verschiebt sich die (irrationale) Begründung: Weg von völkisch-natürlichen aber auch „verfassungspatriotischen“ Begründungsmustern, hin zu rein ökonomisch-rationalen. Natürlich bleiben die „eigenen Interessen“ völlig diffus und sind als ideologisches Resultat der falschen Auffasung der kapitalistischen Produktionsweise zu betrachten, aber ein qualitativer Unterschied besteht dennoch. Hier würde die Diskussion über eine vernünftigere Gestaltung der Gesellschaft ansetzen, die du bemerkst.
    Aber um zum eigentlichen Thema zu kommen: Es stimmt, dass hinter Nationalismus stets auch Irrationalismus steht, aber der Nationalismus der von vielen Romantikern vertreten wurde, ist deutlich unreflektierter und irrationaler, als die „moderne Variante“.

  8. Gravatar Icon 8 alkohol 30. August 2006 um 18:08 Uhr

    @ Schorsch
    „Hier verschiebt sich die (irrationale) Begründung: Weg von völkisch-natürlichen aber auch “verfassungspatriotischen” Begründungsmustern, hin zu rein ökonomisch-rationalen. Natürlich bleiben die “eigenen Interessen” völlig diffus und sind als ideologisches Resultat der falschen Auffasung der kapitalistischen Produktionsweise zu betrachten, aber ein qualitativer Unterschied besteht dennoch.“
    Ein qualitativer Unterschied liegt insofern vor, als dass der Verfassungs- und der völkische Patriotismus allgemeine, überzeitliche Begründungsmuster sind. Eine ökonomisch-rationale Begründung („Europa muss sich einig sein, um in der wirtschaftlichen Staatenkonkurrenz gegen die USA anstinken zu können.“) ist dagegen zeitbezogen und eher orientiert am Realitätsprinzip – ohne die kapitalistische Produktionsweise richtig begriffen zu haben. Insofern stimme ich dir zu.
    Die Diffusheit der „eigenen Interessen“ ist aber bei allen Formen von Nationalismus gar nicht so verschieden – zumindest in der Hinsicht, dass die Zwecke des Ganzen, der Nation, mit den eigenen Zwecken der Einzelnen unmittelbar gleichgesetzt werden.
    Mit dieser Gleichsetzung ist immer auch gesagt, dass individuelle Interessen vor den allgemeineren zurückzustehen haben – beim Projekt Europa betrifft dies auch Interessen einzelner Nationen.
    Diffus bleiben die „eigenen Interessen“, weil mit der Rede davon Interessensbeschneidungen begründet werden. Wenn nun ein partikulares Interesse beschnitten wird, kann es sich fragen, was es von den Zwecken des Ganzen überhaupt hat. Somit sind auch beim Projekt Europa Sinnstiftungsstrategien nahegelegt – wie z. B. kulturalistischer oder völkischer Nationalismus.
    Also ist es zumindest nicht verwunderlich, wenn auch der Verfassungspatriot und gute Europäer Habermas auf tendenziell rassistische Begründungsmuster zurückgreift (ungefähr: „Wir Europäer sind ja so toll säkularisiert, während der christliche Fundamentalismus die amerikanische Politik prägt.“).
    Kurz: Weil die übergeordneten, nationalen Interessen immer Opfer abverlangen, sind auch völkische Begründungsmuster nie kategorisch ausgeschlossen – auch wenn sie sich von „rationaleren“ qualitativ unterscheiden. (Ich hoffe, ich komme nicht allzu nervig belehrend rüber.)

    „Wenn ich mich richtig erinnere, hat Tieck aber alter Volkssagen und Märchen veröffentlicht und ein Buch über “altdeutsche Kultur” veröffentlicht.“
    Erstmal spricht ja nix dagegen, alte Mährchen und Sagen zu veröffentlichen. Aber sicher strickte Tieck damit an dem Projekt mit, eine nationale Literatur zu etablieren – und zwar wohl weitergehend als es schon von Lessing, Schiller und Göthe beabsichtigt war. Die Romantiker waren noch stärker auf der Suche nach einem „deutschen Wesen“. Dabei hatten die Volkssagen wohl den Status von Verlautbarungen eines „nationalen Geistes“, während die Besinnung auf die höfische Literatur in der zur Fremdsprache gealterten deutschen Mundart des Mittelalters (die ja nicht unwesentliche Einflüsse der romanischen Literatur aufweist) die Rolle der griechischen und römischen Antike relativieren sollte. Das muss man kritisieren.
    Allerdings hat Tieck nicht nur „altdeutschen“ Kram herausgebracht, sondern hatte ein Interesse an der literarischen Tradition zumindest in Europa. So ist er durch seine Beschäftigung mit Shakespeare auch ein Mitbegründer der Anglistik, übersetzte den „Don Quichotte“ von Cervantes und beschäftigte sich auch mit der Antike. Besonders chauvinistisch war sein Nationalismus also nicht.
    Und wenn die Romantiker sich für Volkssagen und -mährchen begeistert haben, dann nicht unbedingt nur, um vor dem „deutschen Wesen“ ehrfurchtsvoll in die Knie zu gehen, sondern auch um neues literarisches Material zu gewinnen. Die Kunstmährchen der Romantik (z. B. der „blonde Eckbert“ von Tieck) eröffnen neue Dimensionen, die von der Aufklärung vernachlässigt wurden und feiern nicht einfach eine imaginierte mythologische Vergangenheit ab. Z. B. wird darin oft Magisches, Mährchenmäßiges mit Gegenwärtigem aus dem bürgerlichen Alltag kontrastiert.

  9. Gravatar Icon 9 Schorsch 30. August 2006 um 20:16 Uhr

    “Hier verschiebt sich die (irrationale) Begründung: Weg von völkisch-natürlichen aber auch “verfassungspatriotischen” Begründungsmustern, hin zu rein ökonomisch-rationalen. Natürlich bleiben die “eigenen Interessen” völlig diffus und sind als ideologisches Resultat der falschen Auffasung der kapitalistischen Produktionsweise zu betrachten, aber ein qualitativer Unterschied besteht dennoch.”
    Ein qualitativer Unterschied liegt insofern vor, als dass der Verfassungs- und der völkische Patriotismus allgemeine, überzeitliche Begründungsmuster sind. Eine ökonomisch-rationale Begründung (”Europa muss sich einig sein, um in der wirtschaftlichen Staatenkonkurrenz gegen die USA anstinken zu können.”) ist dagegen zeitbezogen und eher orientiert am Realitätsprinzip – ohne die kapitalistische Produktionsweise richtig begriffen zu haben. Insofern stimme ich dir zu.
    Ich denke, ich widerspreche dir nicht, aber da ich mir aufgrund des „zeitbezogen“ nicht ganz sicher bin nochmal: Die ökonomisch-rationale Begründung bezieht sich zwar immer auf konkrete Situationen, aber es ist durchaus möglich, dass diese dauerhaft als (V)Erklärung fungiert.
    Deiner Charakterisierung der „eigenen Interessen“ im bürgerlich-kapitalistischen Staat, stimme ich natürlich zu. Ich hab den Zustand dieser im letzten Beitrag nur erwähnt, damit nicht der Eindruck ensteht, das ökonomisch-rationale sei im emanzipatorischen Sinne rational, wollte also grade nicht darauf hinaus, dass die verschiedenen Nationalismen die „eigenen Interessen“ konträr konstituieren würden.
    Und grade bei der ökonomischen „Begründung“ der Beschneidung seiner Interessen, müssen nicht unbedingt kulturalistische o.ä. Begründungen herangezogen werden, auch wenn dies faktisch meist der Fall ist. Denn grade diese ökonomische Begründung wäre das, was Marx Warenfetisch nennt. Eigene Interessen werden beschnitten, weil das kapitalistische Wirtschaftswesen gar nichts anderes zulässt und innerhalb diesem die Beschneidung der Interessen ein völliges Scheitern verursachen würde. Einfach weil das Gegebene derart mächtig erscheint, wird sich völlig affirmativ-unreflektiert darauf bezogen und scheinbare Notwendigkeiten hingenommen. Das passiert aber nicht im Bild von einem resignierten Bürgers, sondern als vermeintlich richtiges „Rezept“ für das eigene Wohlergehen.
    Also ist es aus verschiedenen Gründen Tatsache, dass tendenziell zwar Rassismus usw. nicht „Schnee von Gestern“ sind, aber es rein logisch betrachtet durchaus werden könnten. In dem Sinne würde ich deinem Fazit nicht widersprechen, wollte das aber zu den dem Fazit vorhergegangenen Gedanken erwähnen.

    “Besonders chauvinistisch war sein (Tiecks) Nationalismus also nicht.“
    Ja, da würde ich dir zustimmen.

    “Und wenn die Romantiker sich für Volkssagen und -mährchen begeistert haben, dann nicht unbedingt nur, um vor dem “deutschen Wesen” ehrfurchtsvoll in die Knie zu gehen, sondern auch um neues literarisches Material zu gewinnen. Die Kunstmährchen der Romantik (z. B. der “blonde Eckbert” von Tieck) eröffnen neue Dimensionen, die von der Aufklärung vernachlässigt wurden und feiern nicht einfach eine imaginierte mythologische Vergangenheit ab. Z. B. wird darin oft Magisches, Mährchenmäßiges mit Gegenwärtigem aus dem bürgerlichen Alltag kontrastiert.“
    Die letzte Behauptung werde ich, wie gesagt, wenn ich es zeitlich schaffe mal überprüfen. Nicht, weil ich denke, dass du dir das ausdenkst, sondern weil es mich selbst interessiert und mir dieser Aspekt wirklich eher unbekannt war.
    Was genau meinst du mit „neuen Dimensionen“? Die Betonung des Gefühls?
    Und dennoch: Auch die Verbindung vom Interesse an alten Märchen resultiert aus dem erwachenden Nationalgedanken und dem Bemühen, „deutsche Kultur“ zu erschaffen, selbst wenn dies nüchterner geschah, als bei anderen Zeitgenossen.

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