Faserland – Eine Kritik

Christian Kracht - Faserland

Im folgenden formuliere ich eine (Teil-)Kritik an Christian Krachts Roman „Faserland“ und wahrscheinlich an Kracht selber, da lyrisches Ich und Autor in der Popliteratur häufig koinzidieren.
Zitate, sofern nicht anders angegeben, alle aus ebendiesem Roman.

Krachts Roman, einer der „wichtigsten (…) Texte der deutschen Literatur der neunziger Jahre“(FAZ) behandelt die Existenz- und Denkform eines lyrischen Ich, welches eine diffus anmutende Dialektik von Exzentrik und Normalität in sich vereint. Im Verlaufe des Buches wird das Verhältnis des lyrischen Ich zu seiner Umgebung jedoch klarer und, wie sämtliche anzumerkenden Widersprüche des lyrischen Ich, ein theatralisches Ende erfahren.
Die scheinbare Indifferenz des lyrischen Ichs wird bereits zu Anfang des Buches inszeniert. Der Leser erfährt weder einleitende Worte, noch nähere Beschreibungen des lyrischen Ich. In der Tradition neuerer Pop-Literatur wirft Kracht den Leser in ein langweiliges Urlaubszenario des um von dieser Ausgangssituation eine fiktive Reise durch Deutschland zu starten, die ihren dramatischen Schluß in der Schweiz finden wird. Im Fortgeschrittenen Stadium des Textes wird der Stil und die herrschende Atmosphere zu Beginn nicht etwa durch ein Umschwenken radikal verworfen, sondern konsequent fortgesetzt und ein höchst widerspruchsvolles Bild des Charakters gezeichnet. Das oberflächliche Desinteresse des lyrischen Ich korrespondiert mit Aplomb, ebenso mit permanenter Deskription und höchst sensiblen Charaktereigenschaften, die konservative Züge aufzeigen und fast ins Kindliche umschlagen. Der Autismus des Charakters ist Resultat einer hochgradig problematischen Auffassung seiner Umgebung respektive der herrschenden Realität, die zu erläutern Aufgabe von diesem Text sein soll. Es wird hier also nun das Bild der Realität nachgezeichnet und problematisiert, welches von Kracht literarisch stilisiert wurde und einen Dominanten Part des Textes darstellt, gar eine Determinante, die auf weitere Aspekte des Textes wirkt. Dazu muss zuerst der Charakter des lyrischen Ich im Hinblick auf das Politische adäquat charakterisiert werden.
Dieses erweckt den Eindruck eines unpolitischen Menschen pflegt Antipathien gegenüber Linken, die an einigen Stellen sogar eliminatorische Wünsche des lyrischen Ichs offenbaren. (vgl. S. 119-120, 30, 53, 72, 73)
Rechtsextremismus wird in Verbindung mit dem Nationalsozialismus erwähnt und fungiert als Denunziation, beispielsweise, wenn Gewitter als „Wagner-Nazi-Gewitter“ (S. 98) bezeichnet werden. Repräsentaten von rechten Positionen werden abgelehnt. Die Ablehnung von „Links und Rechts“ entspringt nicht etwa kritischer Reflexion, jedoch folgt aus der Ablehnung keine Affirmation der sogenannten politischen „Mitte“.
Weiterhin scheint seine Grundeinstellung, im Sinne des Terminus, antideutsch geprägt zu sein, denn das lyrische Ich spricht beispielsweise vom „Nazi-Leben“ in Deutschland (S. 70). Ihr „Antideutschtum“ wird sich später als regressive emtionalisierende Negation der Gesellschaft herausstellen.
Häufig wird der Leser mit zum Teil überraschend trefflichen Reflexionen und Analysen über materiellen Besitz und soziale Status konfrontiert (z.B. S. 30, 53, 64). So merkt das lyrische Ich an, nachdem es Ärger einer Person auf sich zieht, „wenn (es) ein Ausländer wäre und kein Jackett anhätte, wofür er (diese Person) einen halben Monatslohn hergeben müsste, dann hätte er auch bestimmt etwas gesagt.“
Hier wird gegen eine Personnengruppe polemisiert, denen er ausdrücklich den Tod wünscht (S. 64): sogenannte „Neu-Reiche“.
Nicht ganz Nietzscheaner, aber dennoch antimodern und zivilisationsfeindlich scheint das lyrische Ich außerdem zu sein, denn er bedenkt mögliche Lebensweisen auf Bergen oder auf „einer Insel, wo es ständig windet und stürmt“.
Seltenst wird kritisches Selbstbewusstsein offenbart, welches aber oft diffus bleibt und politische Statements werden lediglich drei geäußert: Im betrunkendem Zustand denkt das lyrische Ich, es hätte „wahnsinniges Glück“, „im demokratischen Deutschland zu leben“. Seine Trunkenheit führt es aber unmittelbar als Erklärung für solches „SPD-Gewäsch“ an.
Außerdem wird erwähnt, es passiere „oft bei ganz reichen Leuten, dass sie (…) ins Hippietum abdriften“.
Viel intensiver und insistenter wird Anderes gedacht: Eine „Maschine, die sich selbst baut“ würde als Lebensraum für Menschen dienen, von denen einige „Auserwählte sind, die gute Autos fahren müssen und gute Drogen nehmen (…) und „nur durch den Glauben weiter leben können, alles ein bisschen Stilvoller zu tun“, „während um sie herum alle dasselbe tun, nur eben ein ganz klein bißchen schlechter“. Dem lyrischen Ich scheint es so, „als ob Deutschland nur noch eine (…) Maschine (wäre)“(S. 149), in denen „Selektierer, Geschäftsleute, Gewerkschafter und Autonome“, in seinen Augen bizarre Personen, (S. 153) leben würden.
Deutschland bzw. die deutsche Gesellschaft wird mit einer Maschine gleichgesetzt, und als Lebensform aufgefasst, die sich durch Zwänge gestaltet, somit sonderbare Menschen und Illusionen hervorbringt, von denen er sich häufig geschockt zeigt. Dies passiert nicht in einem emanzipativen und aufklärerischen Sinne, sondern stets reaktionär: So wird zum Beispiel Gruppensex als völlig verkommene Tätigkeit beschrieben und Ressentiments gegen eine „dekadente“ Gesellschaft gehegt. Diese Ressentiments reihen sich problemlos in die antimoderne Grundstimmung ein.
Die oben skizzierte emotionalisierende Kritik vertritt die Grundstimmung und Spannung des Romans und steht exemplarisch für die politische Ausrichtung des lyrischen Ichs. Sie repräsentiert die pure Negation des Politischen bei gleichzeitiger Präsenz internalisierter Werte, mit denen das lyrische Ich seine Antipatie und teils auch seinen blanken Hass gegen Situationen und Menschen, gegen Produkte des „Nazi-Lebens“ artikuliert. Seine scheinbar antideutsche Haltung offenbart sich also als Abneigung gegen eine „moralisch verkommene“ Gesellschaft voller „falscher Freunde“ (vgl. S. 139) und mündet, wie oben erwähnt, in absoluter Zivilisationsfeindlichkeit und Selbstmord.
Der widersprüchliche Charakter des lyrischen Ichs kann somit als Ausruck eines „politischen Nihilisten“ gelten, der beispielsweise Aufnäher von einem Freund „nur dumm und gar nicht witzig“ (S. 91) findet, sich von messerscharfer Analyse der Gesellschaft fernhält, jedoch umso verzweifelter seine Utopie des „ursprünglichen Lebens“ umklammert, nicht zuletzt, weil er zu bemerken scheint, dass er selber Teil der „Maschine“ ist, von der er wünscht, frei zu sein.
So Zum Beispiel erwähnt er, ein Taxifahrer würde ein Jackett von Davies & sons tragen, hätte er „das alles“ verstanden (vgl. S. 30), konstatiert später jedoch, dass „die Auserwählten“ im Glauben leben, sie würden ihr Dasein in der Maschine „nur ein bisschen stilvoller“ fristen (vgl. S. 153), relativiert seine Ansichten also radikal.
Ein Buch in der Tradition der Ideen der deutschen Romantik, (die hier anderswo ansatzweise kritisiert wurde) welches klar gegen Aufklärung und Intellektualismus Stellung nimmt.


5 Antworten auf “Faserland – Eine Kritik”


  1. Gravatar Icon 1 Baldur v.Berlepsch 20. September 2010 um 21:00 Uhr

    Hallo,

    Sie haben eine wuchtige Schrift verfasst, voller prima, wissenschaftlich klingender Worte! Aber Sie haben übersehen, dass es ein „lyrisches Ich“ in der Prosa nicht gibt, man spricht dort von einem „Ich-Erzähler“.

    Mit freundlichem Gruß bvb

  2. Gravatar Icon 2 schorsch 20. September 2010 um 21:15 Uhr

    Tatsächlich. Vielen Dank für die Korrektur! Ich wollte relativierend einwenden, dass der Text noch aus meiner Schulzeit stammt, aber grade dort hätte ich es besser wissen müssen.

  3. Gravatar Icon 3 Rüdiger 13. Juli 2012 um 23:02 Uhr

    Ich mag Faserland, habs zu meinem Geburtstag bekommen.

  1. 1 dieta na refluks Trackback am 03. September 2013 um 15:37 Uhr
  2. 2 http://classicbag1.wordpress.com/ Trackback am 01. August 2014 um 0:46 Uhr
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