Fragmente der Kritik: (Neo-)Liberalismus

Hier sollen nur einige Aspekte oder Gedanken der (neo-)liberalen Theorie kritisiert, jedoch kein kritischer Überblick über diese verschafft werden. Ein Überblick verschafft z.B. der Text von Systemtranszendenz, „(Neo)liberalismus“.

Ein großer Unterschied zwischen Marx und Hayek besteht in der Konzeption menschlichen Handelns: Marx fordert im Sinne der Aufklärung Erkenntnis der Realität und folglich bewusste (Um-)Gestaltung dieser durch den Mensch. Er fordert eine Emanzipation des Menschen über scheinbare Natürlichkeiten hinaus und zeigt folgerichtig, dass der Markt, das kapitalistische Wirtschaftswesen abschaffbar ist.
Hayek hingegen fasst den Markt als hohes, gar höchstes Produkt menschlicher Entwicklung und Zivilisation auf, welcher nicht durch Eingriffe des Menschen gesteuert werden soll.
Als Resultat ergibt sich zwangsläufig eine Bevormundung des Menschen durch den Markt, also ein „gesellschaftliches Verhältnis der Produzenten zur Gesamtarbeit als ein außer ihnen existierendes gesellschaftliches Verhältnis von Gegenständen“ „unter deren Kontrolle sie stehen, statt sie zu kontrollieren.“(Marx)
So kann der Bogen zu Forderungen der (Neo-)Liberalen gespannt werden: Mehr Eigenverantwortung solle jedem Bürger zukommen und dieser für seinen Erfolg oder Misserfolg verantwortlich sein.
Dabei konstituiert die ökonomische Freiheit, auch eine Kernforderung liberaler Apologeten, individuelle Unfreiheit, wie schon Marx pointiert zu beschreiben wusste, nämlich dass „die Unabhängigkeit der Personen voneinander sich zu einem System allseitiger sachlicher Abhängigkeit ergänzt“, Eigenverantwortung und Chancengleichheit also überhaupt gar nicht auf Erfolg hinauslaufen müssen. Der „Markt als Mechanismus des Nichtrationalen“(Demirovic) scheint den Liberalen nach also nur dann für das Individuum ohne Erfolg zu sein, wenn sich grade dieses, im Sinne der Rationalität des Marktes, falsch verhält. Von sämtlichen Wirtschaftssubjekten und Politikern wird konsequenterweise „marktkonformes“ Verhalten eingefordert. Die Kräfte des Marktes müssten seit Smith angeblich bloß freigesetzt werden, um ihre heilenden Wirkung entfalten zu können. Doch scheinbar besteht darin doch nicht das Erfolgsrezept: Die Menschen, vor deren Eingriffe paradoxerweise ebendiese den Markt schützen sollen, müssen sich nun doch speziell verhalten um die Potenz des Marktes nicht zu stören.
Die neoliberale Ideologie, die den Menschen im Kapitalismus absolute Handels- und Willensfreiheit, vernunftmäßiges, bewusstes Handeln unterstellt, kann diverse „Abweichungen“ im sozialen Verhalten von Gruppen oder Individuen (und im Extremfall sogar Arbeitslosigkeit) nur durch persönliche Verfehlungen erklären, weshalb z.B. die autoritäre innenpolitische Praxis von Thatcher eine logische Konsequenz (neo-)liberaler Ideen zu sein scheint: Bekämpfung der Erscheinungsformen von gesellschaftlichen Problematiken und Widersprüchen, die jedoch in Folge der skizzierten Ideologie ausgeblendet werden.
Es läuft also darauf hinaus, dass, wie bereits angedeutet, der Staat den Markt schützt und der Mensch sich „blind“ auf die Anforderungen des Marktes anpassen muss. „Blind“, weil er weder an eigene Erfahrungen, noch an eigenes Wissen oder gar an seine Vernunft anknüpfen darf und kann. Eigensinnigkeiten und Bedürfnisse, die nicht den Anforderungen des Marktes entsprechen, müssen systematisch ausgegrenzt werden, will man sich die Aussicht auf kapitalistischen Erfolg nicht vollständig versperren. Es wird Selbstverstümmelung betrieben, um nicht vollständig verstümmelt zu werden und selbst dies muss nicht von „Erfolg“ gekrönt sein. Wer aber „den Markt als (postuliertes) höchstes Resultat der Evolution stört, hat mit dem autoritären Staat zu rechnen.“ Die einzige Freiheit, die der Markt anbietet ist (somit) die „Irrationalität einer Unternehmergesellschaft, die sich dem Markt als Naturgesetzt und Endpunkt der Geschichte unterwirft.“(Demirovic)
Der autoritäre Staat wurde von neoliberalen Theoretikern auch als Hilfsmittel gedacht, die kapitalistische Wirtschaftsweise zu retten. Der „Notbehelf des Augenblicks“, also der Staat, wurde im Folge neoliberaler Theoriekonzeption, im Bezug auf die Ökonomie, anerkannt. Die Folgen wurden oben bereits angerissen.
Ein weiterer Aspekt ist dieser: Die Menschen müssten sich der Begrenztheit des individuellen Verstandes bewusst sein. Diese Erkenntnis solle zu „Demut gegenüber den unpersönlichen und anonymen sozialen Vorgängen führen, durch die die Einzelnen mithelfen, Dinge zu schaffen, die größer sind als sie wissen.“(Hayek, zit. nach Phase 2)
Hier wird neben der Konformität aus Einsicht in die scheinbare Natürlichkeit ein Opfer fürs’ Ganze mehr oder minder offen eingefordert und bewiesen, dass sich die Individuen völlig dem Diktat des Marktes zu richten haben um nicht „Opfer“ des Staates zu werden. Die Illegalisierung von Streiks oder gar Gewerkschaften spiegelt sich in den zitierten Zeilen höchst eindrucksvoll und offenbart, dass das Zusammenspiel von Ökonomie, Politik und Gesellschaft als ein „Uhrwerk“ verstanden wird, welches keine Handlungsfreiheiten mehr zulässt oder zulassen sollte (vgl. Demirovic). Gewalt gegen Protestierende und sozial Marginalisierte erscheint nicht nur als vernünftig, sondern gar als notwendig, da diese den Markt und seine reibungslosen Abläufe stören.
Es scheint im (Neo-)Liberalen Theoriegebäude also eine spezifische Dialektik von Freiheit und Autorität zu geben, die nicht zugunsten einer Seite entschieden werden kann aber auch nicht in einer Synthetisierung münden muss oder vielleicht gar nicht in der Lage ist eine solche zu vollziehen.

Lesehinweise:


2 Antworten auf “Fragmente der Kritik: (Neo-)Liberalismus”


  1. 1 Mit Deutschland gegen die Krise « Schorsch’s online Journal Pingback am 15. Dezember 2008 um 20:40 Uhr
  2. 2 Militärputsch in Honduras « Schorsch’s online Journal Pingback am 30. Juni 2009 um 12:45 Uhr
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