Fußballweltmeisterschaft 2006

Unten findet ihr meinen neuesten Text zur Fußball WM 2006.
Der Text ist in Themenbereiche fragmentiert (Nationalismus, Ökonomie, Fußball-an-sich, Kritik der Vorstellungen des harmlosen „Party-Patriotismus“, Gender, Überwachung) und behinhaltet zwei Exkurse (Nationalismus, Neoliberale Restrukturierung der Stadt) und eine Schlußbemerkung.
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Der Text:

Fußballweltmeisterschaft 2006

„Scappa, che arriva la patria!“

„Mehr noch als die törichte Begeisterung des großen Haufens für jenen scheinbar zweckfreien Handlungsablauf, welcher sich seit Dezennien im Massenphänomen Sport manifestiert und in dem sich die Individuen für einen Moment vielleicht dem allgegenwärtig gewordenen Verblendungszusammenhang zu entziehen glauben, erstaunt mich der zum unhinterfragbaren Allgemeinplatz geronnene Enthusiasmus für jene spezifische Form obigen Phänomens, namentlich die Zuneigung für den nicht nur hierzulande so beliebten Fußball.“, Theodor W. Adorno , Kritische Einwürfe

Der folgende Text soll verschiedene Diskurse und Kritiken rund um die Fußballweltmeisterschaft 2006 bündeln und eigene kritische Gedanken formulieren.
Der während der Fußballweltmeisterschaft herrschende Ausnahmezustand scheint an der Eigenartigkeit des Fußball selber zu haften und somit werden konsequenterweise häufig Fragestellungen und Annahmen rund um den Fußball spezialisiert auf diese Sportart formuliert. Zwar mag dies in einigen Fällen vernünftig sein, so wird aber oft übersehen, dass der Fußballsport nur eine Erscheinungsform von vielen repräsentiert, das zugrundeliegende Phänomen jedoch stets dasselbe ist. Im Folgenden soll nun als Einführung zum Themenkomplex diese These belegt werden, wobei sich an der Argumentation von Andrei S. Markovits orientiert werden soll.
Fußball stellt nur dies dar, was Markovits „hegemoniale Sportkultur“ nennt. Derartige Sportkulturen unterscheiden sich von anderen durch etwas, was Markovits als „Rhapsodisierung“ charakterisiert: Die jeweilige Sportart wird zu einem Objekt, welches einer näheren Analyse scheinbar mehr offenbart, als den augenscheinlichen Spielverlauf. Es gibt also auch ein soziologisches Interesse an dieser Sportart. „Niemand in Deutschland schreibt längere Aufsätze darüber, dass Schwimmen oder andere olympische Disziplinen für etwas viel Größeres, viel Tiefliegenderes stünden, als allein für sich selbst.“
Weitere Aspekte kommen hinzu: Vertreter der jeweiligen hegemonialen Sportart sind davon überzeugt, dass „ihre“ Sportart ganz besonders fesselnd sei und andere Sportarten weit überragen würde, weshalb es lohnenswert ist, folgendes „Troika aus Herabsetzungen und Abqualifizierungen“ zu erwähnen. Es wird nämlich postuliert, alle anderen Sportarten seien langweilig, besonders leicht auszuüben, oder nicht mannhaft genug.
Die Legitimation für eine nähere Betrachtung des Fußball im folgenden Text lässt sich nun zum Einen aus dem aktuellen Anlass und zum Anderen aus der Tatsache ziehen, dass Fußball die Hegemonialstellung in weit mehr Ländern für sich vereinnahmen kann, als dies andere Sportarten können.
Die mediale Präsenz und Inszenierung des Fußballspiel und des sogenannten „gesunden Patriotismus“ ist wohl die offensichtlichste Erscheinung der Fußballweltmeisterschaft. Weil dieser Aspekt beim Fußball nahezu nie zu kurz kam, soll kurz ein Überblick über die Fußballgeschichte gegeben werden:
1846 verfassten Studenten der Universität Cambridge die ersten Fußballregeln und legten den Grundstein für den Fußball, wie er heute bekannt ist. Fußball diente vorerst als „Sport der Elite“ und galt als Ausdruck für das, „was der Nation inne wohnt“ . In Deutschland galt Fußball als „englische Krankheit“, die nicht gegen das Turnen eingetauscht werden sollte, da Turnen der moralischen Erziehung des „deutschen Volkes“ dienen und die Subsumtion der Individuen unter das Zwangskollektiv forcieren sollte. Fußball galt also als individualistisch und wurde daher abgelehnt.
Mit steigendem Lebensstandart wurde Fußball jedoch ein Massensport mit Disziplinierungspotential, der „neben Straße, Pub und Arbeitsplatz ein wichtiger Bestandteil der Arbeiteridentität“ wurde.
Der ehemals proletarische Sport entwickelte sich langsam zu einer eigenen Wirtschaftsbranche und förderte den Konflikt zwischen Amateurismus und Professionalismus, der auch im Nationalsozialismus seine Kulmination fand. Der Berufsfußball blieb während dem Nationalsozialismus verboten, da dieser, wie viele weitere Phänomene der Moderne, als „jüdische Verschwörung“ galt und die Vorstellung vom „schaffenden“ und „raffenden“ Kapital bediente.
In der BRD wurde die Idiotie einer Einkommensgrenze bis in die sechziger Jahre fortgesetzt, existiert heute jedoch nicht mehr.
Ein weiterer Aspekt, der bis heute eine Fortsetzung erfährt, ist die Inszenierung und Ästethisierung von Sport. Im Nationalsozialismus wurde besonders die Olympiade mit einer faschistischen Ästethik überzogen und die „Stadien in Bologna waren Ikonen faschistischer Kultur“ . All dies diente dem Zweck der Stabilisierung des Staates durch Schaffung eines geeinten und für die Zwecke des Staates geeigneten Volkes.
Heute tritt im Fußball die Ökonomie konsequenterweise deutlicher hervor, was später eingehender erläutert werden soll. Es gibt neue Überwachungssysteme, hohe Eintrittspreise, Einkaufszentren und Bars in Stadien, Vereine verwandeln sich in Wirtschaftsunternehmen und das Fußballspektakel während der WM können sich vor Ort fast nur noch Personen aus höheren Einkommensschichten leisten. Es findet also fortwährend eine Transformation des Fußball statt, die von einem leichten ideellen Paradigmenwechsel begleitet wird, der später spezifiziert werden soll.
Die Funktion des Fußball als eine Kraft die auch ein Nationalbewusstsein fördern kann, hat sich, wie bereits erwähnt, nicht fundamental geändert, wofür der Flaggenwahn wohl Beispiel genug ist. Das Fußballereignis reiht sich außerdem problemlos in die Ideen hinter der „Du bist Deutschland“ und „Land der Ideen“ Kampagnen ein, nur um einige zu nennen. Es etablierte sich schleichend ein Nationalismus, der mit „hochgekrempelten Ärmeln“ gegen die „schlechte Stimmung im Land“ ankämpft und der Welt ein neues Deutschlandbild verschaffen möchte. Man will wieder wer sein und sich per Schwarz-Rot-Goldenem Wimpel zu seiner Staatsangehörigkeit bekennen. Die Initiatoren von genannten Kampagnen sind diese, die vor einigen Jahren eine schlechte Stimmung zu verbreiten suchten, da Lohnnebenkosten zu hoch und Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit zu niedrig sei. Nachdem in der Folge die Peitschenhiebe verstärkt und das Zuckerbrot immer weniger seinem Namen gerecht wurde, sollen nun materielle Anerkennung der geleisteten Arbeit zugunsten von ideellem Lohn gekürzt werden. Die Lohnabhängigen Bürger sollten sich also „in der großen Sache spiegeln“ und „sich ignorant gegenüber den materiellen Bedingungen stellen“ , um das Land aus der Krise und sich selber kaputt zu arbeiten. Diese Hurra-Stimmung, die vorerst der ökonomischen Sphäre richtig zugeordnet zu sein scheint, offenbart, dass Nationalismus allein so nicht funktionieren kann: „Wir alle müssen unseren Teil … beitragen. Nörgler, Pessimisten, Schwarzmaler haben es in der Geschichte noch nie zu etwas gebracht.“ . Über die Botschaft von Werbekampagnen wird also ein Nationalismus transportiert, der Deutschland das „Büßerhemd“ ablegen will, mit „schwarzmalerischen Meldungen“ Schluss macht und Deutschland in einem neuen Gewand präsentiert. Da das Gewand den darunter verborgenen Körper noch nie zu ändern vermochte, bleibt auch hier zusammen, was zusammen gehört. Der „Humor und die Freundlichkeit der Deutschen“ kann, wie es die Tat in Potsdam und der mediale Umgang damit beweist, schnell in die praktische Umsetzung rassistischer Ressentiments münden. Fußball- und Naziprolls sind leider Spitze des nationalistischen Eisberges, der zum Beispiel Geschichtsklitterung zugunsten nationaler Fröhlichkeit betreibt, Zwangsarbeit für Arbeitslose und Bezahlung zuerst für Deutsche einfordert und häufig antisemitische Vorurteile respektive Urteile fällt, wie es beispielsweise die Heitmeyer-Studien eindrucksvoll offenbaren.
Eine breite, wirklich kritische Öffentlichkeit existiert nicht, da die Medienunternehmen häufig selber die Interessen der Think-tanks vertreten, und für den „Ruck durch Deutschland“ plädieren.
Abgesehen davon, dass die skizzierte Ideologie sich einer völkischen Argumentation bedient, indem „die Deutschen“ zu einem homogenen Volk stilisiert werden, verzerrt diese die wahren Gegebenheiten also zusätzlich bis zu Unkenntlichkeit. Sie lässt die Konsequenz des Nationalismus, nämlich Rassismus und Antisemitismus zu. Auf eine solche Stimmung trifft nun die Fußball WM, die derlei Gedankengut, ein nationales Selbstbewusstsein, schürt. Der Erfolg der ideologischen Funktion des Fußball und die herrschende nationalistische Stimmungslage wurde, ob gewollt oder nicht, perfekt vorbereitet. Fußball dient als nationale Projektionsfläche. Ideale, die für die Spieler auf dem Rasenplatz gelten, werden für die gesamte Gesellschaft zu Leitideen aufbereitet, nach diesen sich die Gesellschaft zu richten hat. Als Resultat präsentieren sich alte Feindbilder und Tugenden, wie Fleiß, Disziplin, Opferbereitschaft, Arbeitswillen und nationale Hingabe, die von gesellschaftlichen Missstände ablenken und diese auch reproduzieren.
Um regelmäßige und gewalttätige Ausschreitungen der Fans gegen Obdachlose und Migranten grundsätzlich zu verhindern, wird der DFB wohl keinerlei Anstrengungen unternehmen. Völkischer Stumpfsinn à la „Wir Deutschen haben etwas im Blut, um das uns die Welt beneidet. Wir geben nie auf“ runterstützt nämlich den Stumpfsinn des prügelnden Mobs und gibt wenig Anlass zur Hoffnung. Die bürgerliche Presse gibt übrigens Ähnliches von sich und besonders die auflagenstärkste Zeitung formt eine vorherrschende Stimmung in Deutschland ultranationalistisch. Während der Fußball WM herrscht in Zeitung und Television häufig eine ganz eigene Rassenlehre: deutsche Fußballer gelten noch am ehesten als Individuen, ausländische Spieler verdanken ihr Geschick nicht etwa härtestem Training, sondern volksspezifischen Genen oder „Rassenmerkmalen“, gegen die der deutsche Fußballer nur mit Umsetzung deutscher Tugenden eine Chance zu haben scheint. Derartige Rassenvorstellungen, die oft mit Rassismus korrespondieren, gehören häufigst zum Common Sense der Öffentlichkeit. In den Stadien scheinen nicht Fußballer, sondern Rassen oder Ethnien zu konkurrieren und somit wird eine Machtpräsentation angeboten, nämlich die Überlegenheit, der scheinbaren „Vertreter eines Landes“ über diese des gegnerischen Teams. Dies kann in weitere Überlegenheitsgefühle und Machtgehabe seitens der Zuschauer umschlagen, bringt häufig Momente der Aggression hervor, die durch den Kommentator angeheizt werden. Sie zeigt ebenso dauerhaft Wirkung, indem die bereits angedeutete nationalistische Stimmung und die immanente Struktur des Spiels, „Wir gegen die Anderen“, fortgeführt wird. Die „Gegner“ werden also degradiert, was wiederum die Homogenität der „eigenen Gruppe“ verstärkt. Im Stadion deutet sich dies an, was mit dem Wort „Volksgemeinschaft“ bezeichnet werden kann. Dort kann der Fan das scheinbar lang vermisste Kollektiv finden, sich diesem unterordnen und mit den Volksvertretern den Sieg der Mannschaft feiern. Dennoch ist diese „Volksgemeinschaft“ nicht perfekt: Viele WM-Tickets sind bereits an Sponsoren und Firmen abgegeben worden und die restlichen Tickets sind für viele Fans nicht erschwinglich. Mit Logen und VIP-Cards für die Elite und Stehplätzen für das „Volk“, setzen sich soziale Ungleichheiten im Stadion fort, und der gemeine Bürger soll an diese gewöhnt werden. Es findet also eine „Wiederbelebung von höfisch funktionierenden Strukturen in der Moderne“ statt.
Fußballfans, die im Freudentaumel von „ihrem Sieg“ sprechen, leiden an Größenwahn und Realitätsverlust, praktizieren Wunschdenken und Selbstbetäubung. Deren „Fixierung auf nationale Identität knüpft an die trügerische Hoffnung an, dass man zu den Gewinnern der Zukunft gehören wird.“ . In der Gesellschaft wird nicht der mündige Mensch, sondern vielmehr der „Fan“ gefördert. Dies verdeutlicht drastisch die Situation der herrschenden Gesellschaft, und zeigt ebenso deutlich, wie niedrig die Erfolgschancen für progressive und aufklärerische Tendenzen und Bewegungen sind.
Wie erwähnt, unterliegt der Aspekt des Nationalen und weitere ideelle Aspekte des Fußball, gemäß seiner ökonomischen Umstrukturierung, filigraner Veränderungen, die nun erläutert werden sollen.
Sollte Fußball einst primär Emotionen schüren und Identifikationen bedienen, so hat er sich zu einer profitablen Ware entwickelt. Um diese neue Rolle wahrnehmen zu können, müssen dennoch Nationalismen und Rassismen verstärkt werden, da Fußball während der WM stets als „Kampf der Nationen“ ausgetragen wird und die Fans darin besonders die Spannung des Sportes spüren. Fußball als eine neutrale Veranstaltung zwischen zwei Mannschaften, bestehend aus Individuen, ist nicht denkbar, weil eine solche Konzeption der Struktur von diesem Sport widerspricht und den Reiz für viele Fans verlieren würde, auf deren Interesse bzw. deren Geldbeutel sämtliche Unternehmen der Fußballbranche jedoch angewiesen sind. Zwar wird bemerkt, dass die Anwesenheit gewalttätiger und pöbelnder Fans auf Stadien einem Imageverlust gleichkommt. Jedoch wird, wie erwähnt, nicht versucht, dass Problem bei der Wurzel zu fassen, sondern den Schein einer heilen (Fußball-)Welt aufrechtzuerhalten. Zu den pöbelnden Fans ist also zu bemerken, dass diese immer häufiger von Stadien verwiesen werden, aber „sich die Gewalt (somit) durch den fortgeschrittenen Sicherheitsapparat in Parks, auf Rastplätze und in Innenstädte verlagert“ , die halbherzigen Versuche der FIFA also keineswegs ein Ende des Nazi-Mobs, also des Rassismus und Nationalismus, bedeuten.
Der Sieg der deutschen Nationalmannschaft 1990 resultierte in einer Pogromstimmung und aggressivstem Nationalismus, den es heute zwar ähnlich gibt und der keinesfalls bagatellisiert werden darf. Dennoch sorgte die ökonomische Re- und Umstrukturierung der Vereine für eine minimale Zivilisierung, da nicht mehr die Unterschicht, sondern die Mittelklasse den höchsten Publikumsanteil in den Stadien stellt. Diese artikuliert den Nationalismus nicht derart pöbelhaft, wie es dies Nazi-Prolls taten und tun und damit scheint Nationalismus für viel fast passé zu sein. So wird gerne betont, dass die Bevölkerung ein „völlig normales, unverkrampftes Verhältnis zu ihrem Vaterland“ habe und aus der Fußball-WM „ein einziges großes Fest“ mache. Auch kritische Zeitungen, zum Beispiel Jungle World und Jüdische Allgemeine , machen korrekterweise darauf aufmerksam, dass wahrlich kein „aggressiver Nationalismus“ oder gedankliches Begleitgut für ein „viertes deutsches Reich“ zu erwarten sei, bleiben somit allerdings auf phänomenologischer Ebene stehen und stellen fest, dass „die Angst vor dem Nationalismus (…) einem Irrtum (folge).“ . Es ist einerseits richtig, darauf hinzuweisen, dass viele Fans die Fußball WM wie eine große Partie feiern und selber keine große Gefahr für Migranten, Obdachlose, Homosexuelle und Linke darstellen und Fußball manchmal sogar eine integrative Komponente zeigt. Andererseits haben diese Fans fast immer den Nationalismus und oft latenten Rassismus mit ihrem scheinbaren Widerpart, den rechten Schlägern, gemein. Ihr Bekenntnis zu „ihrer Nation“ scheint eine nicht zu hinterfragende Natürlichkeit zu sein. Auch sie stellen nicht grade aufgeklärte Individuen dar, sondern laben sich vielmehr an den genannten ideologischen Borniertheiten, die durch die Fußball WM erst hervorgebracht, offensiv gefördert und unterstützt werden und die Partys der Fans haben einen „Brot und Spiele“ Charakter. „Wenn die nationale Borniertheit überall widerlich ist, so ist sie namentlich in Deutschland ekelhaft, weil sie hier mit der Illusion…(der „Volksgemeinschaftsparty“)…, denjenigen Nationalitäten entgegengehalten wird, die ihre nationale Borniertheit und ihr Beruhen auf wirklichen Interessen offen eingestehen.“
Ebenso wenig ist es reiner Zufall, dass die Mehrzahl „der Deutschen“ plötzlich angesichts der WM 2006 in frenetischen Jubel fällt. Der Grund sollte, wie angedeutet, im sozialen Gefüge gesucht und problematisiert werden. Denn Nationalismus stellt kaum eine adäquate und emanzipatorische Abschaffung der Verhältnisse in Aussicht , „in denen der Mensch ein erniedrigtes (und) ein geknechtetes (…)Wesen ist.“ . Im Übrigen gibt es genügend Stimmen, die sich gegen einen scheinbaren „Party-Patriotismus“ erheben und beklagen: „Wenn demnächst deutsche Soldaten in den Kongo aufbrechen, werden nicht Zehntausende die schwarzrotgoldenen Fahnen schwenken, die sie sich für die WM angeschafft haben.” Eine andere Kraft des Fußball wird auch gerne erwähnt und folglich angemerkt, dass Fußball ein „Vehikel der Integration und Solidarität“ sei. Doch teilen „integrierte Migranten“ mit „den Deutschen“ ihren Nationalismus. Die Integration von Individuen in ein Staatswesen, welches nach kapitalistischen Prinzipien funktioniert, sollte keineswegs Ziel der Emanzipation sein.
Alles in allem existiert also ein modernisiertes Modell von Fußball, was aus der Verbindung „kommerzieller Interessen und nationaler Semantik“ besteht und durch Klinsmann nahezu perfekt vertreten wird, da er Psychologen, PR-Manager und Fitness-Trainer ins Team holte und für viele dadurch symbolisiert, dass in Deutschland Reformen, nicht nur im fußballerischen Bereich, möglich sind, und so für das (neo-)liberale Paradigma steht. Angela Merkel wird vor diesem Hintergrund und angesichts der WM übrigens „nicht bange, dass dieses Land auch die Herausforderungen meistert, vor denen wir insgesamt stehen.“

Exkurs I: Nationalismus

Da zum Ende angemerkt wurde, dass sich Nationalismus zwar nicht mehr unbedingt durch Gewaltausübung artikuliert, soll in diesem kleinen Exkurs geklärt werden, was an Nationalismus eigentlich abzulehnen ist, wenn durch diesen niemand mehr Schaden zu beklagen scheint.
Zuerst ist zu bemerken, dass ein Axiom jeder nationalistischen Vorstellung in der Naturalisierung des Staates oder der Nation besteht. Eine Nation, oder gar ein Volk, stellen jedoch überhaupt nichts Natürliches dar.
Häufig wird die gemeinsame Verkehrsform, die Sprache, als Beweis für die Notwendigkeit und berechtige Existenz einer Nation angeführt. Hier kann exemplarisch der Fehler dargestellt werden, der vielen Legitimationsversuchen der Nation gemein ist. Resultate der Nationenbildung werden mit deren Gründen und Zwecken verwechselt. Die Sprache ist nämlich erst Folge eines Staatsentschlusses, eine Einheitssprache durchzusetzen und Dialekte innerhalb eines staatlichen Territoriums nicht mehr dulden zu wollen. Die Behauptung, „dass umgekehrt von der Gemeinsamkeit derselben Sprache alle Gegensätze und Unterschiede bedeutungslos würden, ist ein grober Schwindel und bloß für den plausibel, der verlangt, dass neben der ‚nationalen Identität’ alle sonstigen Interessen zu schweigen haben.“ . Der Versuch, kulturelle Leistungen in einer Nationalkultur zusammenzufassen, zeugt ebenso von der Entscheidung, alles durch die Brille des Nationalen zu betrachten und verschiedene Werke von ebenso verschiedenen Menschen als Gleichartiges zu sehen. Ein Kunstwerk bezieht sich immer auf Traditionen und kognitive Entwicklungen innerhalb einer Schule oder einer Szene und lassen sich nicht durch Staatsgrenzen beschränken. In vielen Ländern gibt es außerdem zahlreiche Subkulturen, die untereinander, also transnational, mehr Gemeinsamkeiten aufzeigen, als der Vergleich mit der jeweiligen nationalen Kultur an Gemeinsamkeiten hervorzubringen vermag. Am durchsichtigsten wird die endlose Begründerei bei der „gemeinsamen Geschichte“. Auch diese hat nichts Natürliches, sondern stellt die Folge von staatlicher Kalkulation und Handeln der Staatsbürger dar.
Jede Nation weist eine eigene Spezifik auf, jedoch ist daran nichts Natürlich, sondern wurde vom Menschen geschaffen. Alle Versuche, dieses Faktum zu verschleiern müssen als ideologische Rechtfertigungsversuche angesehen und folglich abgelehnt werden. Häufig sind Eigenschaften, die als Merkmal einer Nation erkannt werden wollen, selber ein Mythos, der durch insistente Widerholung stets aktualisiert und reproduziert wird. In jedem „Volk“ gibt es eine Vielzahl von Menschen, die nichts mit ihren „Volksgenossen“ gemeinsam haben, aber möglicherweise umso mehr Interessen und Eigenschaften mit Menschen anderer Nationen teilen. Ebenso wenig ist eine Nation eine Interessensgemeinschaft, denn wer kennt schon die Nation der Skater oder der Alkoholiker?
Der Versuch ein Volk nach biologischen Maßstäben zu determinieren ist purer Biologismus und setzt den beschriebenen Fehler im Reich der Biologie fort. Er kann auch deshalb nur unsinnig sein, da 5-15% der genetischen Variation sich zwischen menschlichen Großgruppen ereignen, während 85-95% der genetischen Variation innerhalb dieser Gruppen auftritt.
Auch sind „schwarz und weiß (…) keine essentialistischen Kategorien, sondern (…)durch historische und politische Kämpfe um ihre Bedeutung definiert“ und deswegen ist „Rasse“ ein „Produkt des Rassismus (…) und nicht umgekehrt“. . Jemanden ethnisch unterscheiden kann man so nur, wenn die Unterscheidungsmerkmale vorher schon feststehen. Niemand würde eine Unterscheidung aufgrund der Augenfarbe, oder Vorlieben im Fernsehprogramm treffen. Vorstellung und Ideale, eines ethnisch homogenen Nationalstaats gipfelten im 20. Jahrhundert in ethnischen Säuberungen.
„Ein „deutsches Volk“ gibt es also nicht, einen deutschen Staat aber leider schon, und die Zusammenfassung verschiedener Menschen auf einem bestimmten Territorium und unter ein gemeinsames Gesetzt beruht nicht auf einer Befragung jedes einzelnen Menschen, sondern ist Sache von Herrschaft.“ Dem steht die Behauptung von Hobbes diametral entgegen: Die Menschen würden einen Vertrag schließen, um ihrer wechselseitigen und triebhaften Vernichtung zu entgehen. Abgesehen davon, dass kein Bürger je ein Vertrag zeichnete, der dem Staat beispielsweise Verfügungsrechte über ihn selbst gewährte, erscheint der Mensch bei dieser populären Erklärung und Rechtfertigung des bürgerlichen Staates als ein äußert seltsames Wesen: Es kann seinen Destruktionstrieb nicht unter Kontrolle halten und agiert höchst unvernünftig, sieht dennoch ganz rational ein, dass ein Leviathan nötig ist, um der drohenden Vernichtung der Menschen durch den Mensch Einhalt zu gebieten. Nachdem der Mensch sich selber einer Herrschaft unterworfen hat, was in keinerlei Weise dem Menschenbild entspricht, welches vorherigen Überlegungen Hobbes’ Pate stand, kann er urplötzlich gar nicht mehr vernünftig denken und braucht die starke Hand, die ihn vor Selbstzerstörung rettet.
All solche Entwürfe und Legitimationen scheinen nicht sonderlich plausibel und deshalb soll nun mit der Erklärung von Nationalismus fortgefahren werden.
Der Staat, ohne den eine Nation gar nicht denkbar ist, greift als regulatives Element in die kapitalistische Produktionsweise ein. Er garantiert die Freiheit, ohne die notwendige Vertragschlüsse zwischen Warenverkäufern nicht möglich wären und Gleichheit. Diese zementiert den Unterschied zwischen Produktionsmittelbesitzer und Lohnabhängigen Bürgern, da sie Ungleiche gleich behandelt. Ebenso tritt der Staatsapparat als Garant der Funktion der kapitalistischen Produktionsweise auf, übernimmt Aufgaben, die keinen Mehrwert produzieren, legt die Rahmenbedingungen fest, innerhalb denen frei konkurriert werden darf, schützt den Kapitalismus so vor seinen Prinzipien und sichert außerdem sein eigenes Dasein. Der letzte Lebensmittelskandal zeigt eindringlichst, dass die kapitalistische Logik regelmäßig zur Vernichtung der Menschen beitragen könnte, gäbe es kein Staatswesen. „Was könnte die kapitalistische Produktionsweise besser charakterisieren als die Notwendigkeit, ihr durch Zwangsgesetz von Staats wegen die einfachsten Reinlichkeits- und Gesundheitsvorrichtungen aufzuherrschen?“
Genauso herrscht der Staat seinen Bürgern das sogenannte „Allgemeinwohl“ auf. Anstatt also zu versuchen sämtliche individuelle Bedürfnisse zu befriedigen, wird ein Abstraktum aufgestellt, in dessen Dienst sich jede/r zu stellen hat und an dem sich sämtliche Interessen relativieren. Die Notwendigkeit des Allgemeinwohls ergibt sich jedoch aus der Tatsache, dass im Kapitalismus die Erfüllung von ökonomischen Interessen stets auf die Verletzung ihres Pendants angewiesen ist. Die Maßnahmen des Staates „gelten ihm als Mittel zur Steigerung des Allgemeinwohls, d.h. er unterwirft die notwendigen Funktionen seiner Gewalt für die Gesellschaft dem Kriterium des wirtschaftlichen Wachstums.“ Da diese Art von Wachstum in Gesellschaften, in denen kapitalistische Produktionsweise herrscht, die produktive Nutzung von Privateigentum bedeutet, und Lohnabhängige als zu minimierender Kostenfaktor auftreten, wird stets das Interesse der verschiedenen Unternehmen durchgesetzt. Hier gibt es Ausnahmen, da der Staat kein korrumpierter Haufen ist, wie es Lenin annahm, sondern für die Umsetzung allgemeiner Bedingungen für Kapitalakkumulation sorgt. So wird schon mal ein Unternehmen angezeigt und bestraft, wenn es beispielsweise die Existenz der Lohnarbeiter gefährdet. Der Staat ist nämlich kein Staat, der durch die Unternehmen für ihre Zwecke funktionalisiert wird, sondern ist viel allgemeiner und abstrakter ein „Staat des Kapital“.
Durch die Trennung von Realpolitik und Verfassung wird der Staat aufrecht erhalten. Niemand kennt die Zwecke des Staates oder will diese wahrhaben und so wird hinter dem „Versagen der Politik“ eine „inkonsequente Anwendung der Verfassungsgrundsätze“ vermutet. Dies führt zu den Scharmützel der Parteien, die regelmäßig an ihren (scheinbaren) Zielen scheitern, nämlich das Wohlergehen der Bürger zu garantieren oder die Wahlen zu gewinnen.
Es stellt sich also heraus, dass die Armut der Bevölkerung Mittel im Kampf der Nation um den Reichtum der Welt darstellt, was in der Logik des kapitalistischen Wirtschaftswesen verankert ist.
Der Nationalismus, also die Identifikation des Bürgers mit „seinem“ Staat oder „seiner“ Nation, widerspricht nicht nur allen logischen Gedankenzügen, sondern entpuppt sich als passende Ideologie zu den Zwängen, die von Staat und Kapital ständig diktiert werden. „Wer nur Lohnsklave und Untertan sein will, hat allen Grund, seiner Nation und seinem Arbeitgeber fest die Daumen zu drücken. Er ist darauf verwiesen, den Erfolg des Kapitals und der Nation zum Maßstab seines Handelns zu machen.“ Sein Schaden ist zwar garantiert, jedoch würde das Scheitern von Staat und Kapital noch mehr Schaden für ihn oder sie bedeuten.

Doch nicht nur Nationalismen unterliegen einer Veränderung. Auch Vorstellungen vom klassischen Härteideal des Mannes, oft mit einer homophoben Ausformung garniert, erhalten einige Modifizierungen. Da solche Vorstellungen immer mit dem Thema „Frau und Fußball“, bzw. Sexismus korrelieren, sollen auch zu diesem einige Anmerkungen gemacht werden.
Fußball war seit Beginn durch sexistische Gedankenmuster geprägt. So wurden Frauen bis 1970 auf Anweisung des Deutschen Fußballbundes aus den Verbänden ausgegrenzt und während die Männermannschaft im Falle des Sieges weiterhin Pokale gen Himmel strecken durften, blieb dies dem Frauenfußballteam verwehrt. Die Frauen-Nationalelf erhielt nämlich, für den ersten Europameister-Titel, ein Kaffee- und Tafelservice und bei der Frauen-EM 2005 in England plädiert Uefa-Präsident Johannson für „attraktivere Kleidung“ der Spielerinnen, damit „man sehen (kann), dass es Frauen sind.“ . Der Frauenfußball gilt weiterhin als spezielle Existenzweise des eigentlichen (Männer-)Sports und so werden die Siege der Frauen-Nationalelf als zusätzliche Preziosen verstanden, mit denen sich die Nation schmücken kann.
Frauen gelingt es immer noch schwer, in der Fangemeinde der Männermannschaft akzeptiert zu werden. Akzeptanz herrscht meist nur dann, wenn sich Frauen sexistische Beleidigungen und stereotype Zuschreibungen gefallen lassen oder mit besonderem Fachwissen brillieren können. Frauen werden in Stadien seltener angetroffen, da Fußball als Männersport gilt, bei dem Frauen nichts zu suchen hätten. Aber auch ultra-sexistische Pöbeleien tragen dazu bei, dass Frauen diesem Ort lieber fernbleiben. „Frauen ohne männliche Begleitung haben vielfach eine Art „Freiwild“-Status und werden oft zu „allzeit bereiten“ Sexualpartnerinnen reduziert.“ . Immer noch wird Frauen oftmals die Zugehörigkeit zu Fanclubs verweigert oder zumindest erschwert. Interessant sind auch die medialen Darstellungen von Frauen im Fußballalltag, da diese obige Phänomene häufigst forcieren. Die Frauen der Fußballspieler können übrigens nicht verminderte Diskriminierung durch die Medien beanspruchen: Sie gelten entweder als „Fitnessgerät“ oder als Bedrohung der erlangten physischen und psychischen Perfektion des jeweiligen Spielers.
Fans versuchen durch Beschimpfungen und Grölereien die eigene Stärke, die in der Masse verstärkt erfahren wird, und ihre heterosexuelle Potenz zu demonstrieren. „Schwuchtel“ ist längst der Titel für mangelnde Männlichkeit und steht für die Homophobie des Fußballmobs. Die „Analyse der Boulevard-Medien mit den höchsten Verkaufs- und Einschaltquoten zeigt, wie sehr Fußball ein tradiertes Männerbild konserviert.“
Nun aber zur angedeuteten Änderung dieses Bildes. . Der Fußball vereinnahmt den einzelnen Spieler. Seine Konstitution, seine körperliche und geistige Gesamtverfassung, wird kontrolliert und somit werden Bereiche beansprucht, die normalerweise als privat erachtet werden. Dies liegt völlig in der Logik des Fußball selber und ist nicht etwa eine Gemeinheit von einzelnen Trainern. Der „Männerbund“ ist mit unterschiedlicher Intensität somit konstitutiv für jede Fußballmannschaft. In diesem Gebilde soll nicht der Individualist funktionieren, sondern das Individuum wird vielmehr zum Organ. Eine Befreiung des Fußball aus solchen Strukturen ist nicht denkbar, da der organische Körper „eine sich selbst der Form nach erzeugende Maschine ist“ . Der Fußball kann also ohne die „Organwerdung“ des Individuum nicht existieren, die jedoch immer eine Verstümmelung des Individuum bedeutet. Eine Befreiung von dieser Struktur im fußballerischen Bereich hätte also die Abschaffung oder eine derart radikale Umstrukturierung des Fußball zur Folge, das von diesem bloß ein Residuum bleibt, das höchstens an den heutigen Fußball erinnern würde.
Die Vereinnahmung der Spieler und ihre Integration in die „Sozialisationsagentur Männerbund“ bedeutet Desexuierung der Fußballer und Desexuierung ihrer Beziehungen untereinander. So umarmen und küssen sich Fußballer, ohne das die Medien einen schwulen Kicker auf dem Rasenplatz vermuten würden. Diese Konstellation würde ein schwuler Fußballspieler völlig zerstören. Allerdings werden Fußballer mit großen Anstrengungen zum einzelnen Star stilisiert, was der Logik des Männerbundes widerspricht, und durch die Medien sexualisiert. Somit wird das Bild des Fußballspielers leicht liberalisiert. Beispielhaft für diese Entwicklung steht wohl der Fußballer Beckham. Fußballspieler, die sich jedoch auf diese enge Gratwanderung eingelassen haben, sind gezwungen zwischen ihrem Auftritt auf dem Rasen und Soloauftritt „umschalten“ zu können. Es bildet sich also ein moderner und flexibler Spielertypus heraus, an den neben den älteren, völlig neue Anforderungen gestellt werden. Dieser neuartige Typ spiegelt den neoliberalen Umbau der Arbeitsgesellschaft wieder und bildet eine Ikone, die für die Gesellschaft und Jugend als neues Vorbild steht: „Profis, die (…) so flexibel und motivationstrainiert sind, dass ihnen keine Stelle (oder) Position unzumutbar ist.“
So sorgte zwar die Kommerzialisierung des Fußball in einzelnen Aspekten der Genderfrage für eine leichte Liberalisierung, allerdings herrschen neben den älteren nun neue ideologische Formen vor.
Ein weiterer Aspekt der Kommerzialisierung ist der Ausbau der Überwachungssysteme.
So werden während der WM AWAC-Flugzeuge eingesetzt, sämtliche Daten der Anstellten, die mit der WM zu tun haben geprüft, Informationen und Daten über (gewalttätige) Fans, die in zentralen Dateien zusammengefasst werden, ausgetauscht, was Einreise- und bundesweite Stadionverbote zur Folge hat. Ansonsten wird szenenkundige Zivilpolizei eingesetzt, RFID Chips und mobile Fingerabdrucksysteme verwendet und, auch per Ticketbestellung, extrem viele Daten gespeichert. Weiterhin wird in vielen Städten die Kameraüberwachung ausgebaut. Häufig wird beklagt, dass Stadionverbote oft vorschnell und ohne jegliche juristische Begründung erteilt und Fans kriminalisiert werden. So kann beispielsweise bereits das Befestigen von Aufklebern, Mitführen von Glasflaschen oder Urinieren in der Öffentlichkeit dazu führen, dass der oder die Betroffene präventiv in Polizeigewahrsam genommen wird. Häufig dient die WM als Vorwand, Überwachungstechniken auszubauen oder offensiver zu nutzen. Es gilt ein neues Paradigma: Generalverdacht statt Unschuldsvermutung.
Die Medien spielen ebenso eine wichtige, wie gefährliche Rolle: Obwohl der Vorsitzende der Innenministerkonferenz, Fritz Behrens, einen deutlichen Rückgang der Hooliganproblematik konstatierte, häuft sich die Medienberichterstattung über gewalttätige Fans und potentielle Gefahren, je näher die WM rückt. So wird ein Gefühl der Unsicherheit erzeugt, um die Akzeptanz und Zustimmung der Bevölkerung, im Bezug auf Überwachungstechniken, zu mobilisieren, also „Kontroll- und Überwachungstechnik salonfähig zu machen.“ . Auch während den olympischen Spielen in Athen wurde dort das Netzt der Überwachungskameras innerhalb der Innenstadt ausgebaut. Die Kameras sollten nach den olympischen Spielen wieder abgebaut werden, allerdings wurde die „Testphase“ bereits dreimal verlängert, was den Verdacht bestärkt, Hooliganismus und Terrorismus spielen auch während der WM 2006 die ideologische Begleitmusik, um ein geplantes Überwachungsgroßprojekt zu realisieren. Ein weiterer Aspekt besteht darin, dass die Bevölkerung häufig Denunziationsbereitschaft zeigt, was in Verbindung mit technischer Perfektion der „Sicherheitssysteme“ eine umfangreiche Überwachung bildet.
Der Staat übt eine Praxis, nach dieser Repressionen des Staats erst an Kleingruppen getestet wird. . Diese Vorgehensweise scheint auch zur WM umgesetzt zu werden. Diesmal gelten einige „auffälligere“ Fans und Hooligans als „Versuchskaninchen“ für die modernsten Überwachungstechnologien.
Der Ausbau der Überwachung folgt ökonomischen Interessen und fördert ein bestimmtes gewünschtes Verhalten, da nur noch der Rückzug ins private Leben – manchmal nichteinmal der – vor Kontrolle und Überwachung zu schützen scheint. „Nur durch konformes Verhalten (kann) verhindert werden (…), dass es zu (…) ermittlungstechnischen Maßnahmen kommt…“
Derartige Entwicklungen und Bestrebungen sind eng mit einer übergeordneten Änderung verbunden, die nun kurz dargestellt werden soll, um den sozi-ökonomischen Rahmen, der die skizzierten Entwicklungen begrenzt, nicht zu verschleiern und um auf Parallelitäten aufmerksam zu machen:

Exkurs II: (Neo-)liberale Restrukturierung des städtischen Raumes

„Die Produktion des Raumes im Fordismus basierte vor allem auf Lohnarbeit und Kleinfamilie“ , logische Konsequenz war die funktionale Einteilung des Wohnraums. „Die Wohnformen und Wohnbedürfnisse der Menschen mussten vereinheitlicht werden, da die tayloristische Produktionsweise auf einen Massenkonsum ausgerichtet ist“ und ein Wohn-Standartprodukt konstituiert.
Diese Wohnformen änderten sich im Zusammenhang mit den Transformationen im öffentlichen Raum. Durch Globalisierung, also veränderte Standortanforderungen, verschärft sich nicht nur die Konkurrenz der Nationen, sondern ebenso die Konkurrenz der Städte oder der Metropolen, was dazu führt, dass Städte vom Weltmarkt abgekoppelt werden und sich in ein Produkt verwandeln, welches häufig „Geisterstadt“ genannt wird. Um diesem Schicksal zu entgehen, werden die gesamten Strukturen einer Stadt unter die globalen, als auch lokalen Interessen der Kapitalverwertung geordnet. „Diese Binnenregulierung des städtischen Raumes (…) wird zunehmend kontrollgesellschaftliche organisiert.“ . Da die Produktion und Konsumtion wesentliche Elemente der Kapitalakkumulation darstellen, werden eben auch diese beiden Momente besonders überwacht und kontrolliert. Die Einführung von RFID-Chips in Supermärkten und die Kameraüberwachung am Arbeitsplatz dürften für diese Entwicklung wohl paradigmatisch stehen.
Da Sicherheit und Überwachung vermehrt nachgefragt werden, hat sich längst eine eigene ökonomische Sphäre um diese Bereiche gebildet. So müssen vermeintliche Garanten der Sicherheit, also Überwachungskameras, Alarmanlagen, aber auch Dienstleistungen, immer billiger produziert und angeboten, die Nachfrage ständig angekurbelt werden und somit gibt es ein objektives Interesse an Angst. Das ist ein Grund, warum die Überwachung öffentlichen Raumes stetig intensiviert und weshalb die Überwachung immer häufiger durch private Sicherheitsdienste übernommen wird. „Der Kontrollanspruch in diesen Sektoren richtet sich nicht mehr disziplinierend auf das Individuum, sondern er schwenkt über auf Orte, Plätze und Situationen“ , wo das Individuum den jeweiligen (Sicherheits-)Ansprüchen genügen und bestimmte Verhaltensweisen praktizieren muss: “Erwünschte Verhaltensnormen und Reaktionsweisen können aktuell gesponsert, unerwünschte, ’konsumfeindliche’ Einstellungsmuster können sanktioniert und diffamiert werden.“ . Städtische Aufenthaltsräume sind meistens durch kommerzialisierte Freizeit bestimmt und somit gilt die Ausgrenzung von Obdachlosen, Drogenabhängigen und Personen, die dem herrschendem Konstrukt nach, „Kriminalität“ repräsentieren, häufig jugendliche Migranten.
Um den Konsum noch freudiger zu gestalten, werden Orte des kontrollierten Erlebens, wie beispielsweise „Shopping-Malls“, geschaffen, die sich am Mythos der heilen Kleinstadt orientieren. Es gelten hier die Verhaltensweisen, die vom Besitzer des Hausrechtes festgelegt werden. Meist werden, wie dargelegt wurde, Verhaltensweisen gewünscht, die der Konsumtion dienlich sind. Häufigst schließt sich die örtliche Politik den vorgestellten Zwecken an. Es gilt dann die Logik der „Null-Toleranz“-Politik, die sich in sozialrassistischen und sozialhygienischen Maßnahmen artikuliert.
Eine weitere Problematik besteht darin, dass die Innenstädte für Obdachlose, Bettler und illegalisierte MigrantInnen Schutzfunktionen bieten, die mit den Verwertungsinteressen der Investoren und Unternehmen, der Kapitale, kollidiert.
Die Ursachen für Armut und die resultierenden Verhaltensweisen werden in den betroffenen Menschen oder den diversen Orten situiert, und das Bild der „gefährlichen Klassen“ erlebt eine Renaissance. So werden repressive Maßnahmen, eine erhöhte Überwachung und Kontrolle von Orten als einzig vernünftige und angemessene Reaktion bewertet und im Zuge der WM massiv vorangetrieben.

Es offenbart sich, dass die Fußballweltmeisterschaft trotz leichter ideeller Veränderungen, allen Unkenrufen und Aspirationen zum Trotze, eine höchst regressive Veranstaltung ist. Ihre Substanz zehrt sich zum minimalsten Teil aus einer neutralen Freude am Sport, welcher allerdings bei Kollektivsportarten stets eine ideologische und reaktionäre Komponente enthalten sein muss. Weiteren Ingredienzien wurde der ideologisch völlig bornierte und deshalb abzulehnende Gehalt nachgewiesen. Nur im besten Falle besteht dieser aus affirmativ-reproduktiven Inhalten und im schlimmeren Fall bedeuten diese ideologisches Beiwerk für den barbarischen Straßenmob. Weil die irrationale Verve des Fußball und die angesprochenen Problematiken nahezu gesamtgesellschaftlich herrschen, ist „…unerbittliche Skepsis gegenüber der naiven Unschuld auf grünen Rasen angezeigt. Zeigen doch die lautstark im höchsten Diskant vorgetragenen Bekundungen für die eigene Großgruppe nachdrücklich…“ den Zustand der Gesellschaft, der als „unaufgeklärt und unmündig“ charakterisiert werden muss. Das Menetekel der Barbarei ergibt ein Diktum, welchem es sich zu beugen gilt: Dauerhafte Reflexion und Präsenz der „Waffe der Kritik“ um aufklärerisch gesinnte Gedanken gegen die herrschende Hegemonie zu verteidigen. Es gilt also nach wie vor, „weder von der Macht der anderen noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.“


2 Antworten auf “Fußballweltmeisterschaft 2006”


  1. Gravatar Icon 1 frickel 10. Juli 2006 um 13:58 Uhr

    unterhaltsame illustration zu diesen ausfuehrungen findet ihr uebrigens unter :
    http://youtube.com/watch?v=kxetSW5kqH8
    und als download von
    www.frickelfraktion.net.tc

  2. Gravatar Icon 2 schorsch 02. Oktober 2006 um 14:57 Uhr

    Falls es den Text auf Rapidshare nicht mehr geben sollte, genügt eine Mail per Kontakt Feld.

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