Einige Anmerkungen zur Kritik der Toleranz

1.) Wahrheitsfindung im Diskurs setzt sich durch indem andere Meinungen, Aussagen gerade nicht toleriert werden und somit die Sache diskutiert wird. Am Anfang einer Diskussion steht als die Intoleranz.

2.) Toleranz im Diskurs degradiert eine Meinung. („Das ist bloß deine/meine/unsere/… Meinung“) und verhindert somit einen Austausch, denn das Ergebnis einer Diskussion fordert stets die Anerkennung einer Meinung als bloße Meinung. Wahrheitsfindung spielt also keine Rolle. Wer toleranz predigt soll sich in die Ecke stellen und nichts mehr sagen.

3.) Es gilt das Recht auf eine persönliche Meinung, welches das bürgerliche Subjekt unbedingt einfordert. Argumente und falsche/richtige Annahmen bleiben also bestehen und werden so zu Meinungen. Der Verstand wird als Mittel benutzt, die Welt zu interpretieren, und sich gemütlich mit der Realität abzufinden. Es besteht also das „Recht auf Einbildung“ und die Leute gewinnen ihre (falschen) Gedanken lieb.

4.) Eine Meinung darf Jede/r haben. Über die praktische Umsetzung entscheidet in einer Nation der „Freien“ und „Gleichen“ entscheidet die Macht, besser gesagt der Staat. Eine praktische Konsequenz aus einer Meinung darf nicht gezogen werden, womit Meinungsfreiheit faktisch nutzlos wird, denn was nutzt die schönste Theorie, wenn die Praxis ausgelassen wird?

5.) Tatsache ist, dass das theoretische Dogma der Toleranz ungeeignet für praktische Konsequenzen schon deshalb ist, da praktische Umsetzung Streit einfordert, denn irgendwetwas wird immer durchgesetzt. (Bsp: Todesstrafe: A favourisiert diese, B eher das Zuchthaus. Was nun mit „Straffälligen“ geschehen mag, ist völlig ungewiss, wenn Toleranz weiterhin eingefordert wird.)

6.) Das Toleranzgebot ist somit der Imperativ, sich der herrschenden Macht auszuliefern, und allein dieser Macht praktische Durchsetzung zuzugestehen.

7.) Alles außer der „Meinung des Staates“ ist von Praxis gefeit. Nur wer für den Staat denkt, darf auf Umsetzung seiner Ideen hoffen. Daraus resultiert:

- Konstruktive Kritik: Kritisiert wird nur der Maßstab des herrschenden Systems, nie zugrundeliegende Strukturen, also das System selber. (Alles andere ist „radikal“, „umstürzlerisch“ und wird mit dem Verfassungsschutz bedacht.)

- Apelle an den Staat: Da selber nicht gehandelt werden darf, stellen einige ganz Mutige, die ihre Kritik, ihre Meinung trotz des Toleranzgebotes durchgesetzt sehen wollen ihre Forderungen dem Staat, was bedeutet, dass diese Forderungen für des Staates Fortkommen sinnvoll sein müssen, womit wieder konstruktive Kritk eingefordert wird. („Lieber Vater Saat, Umweltzerstörung nervt nicht nur uns, sondern schadet möglicherweise auch der Wirtschaft und dir selber!“) Es wird also der Maßstab, den der Staat auf sein Handeln anlegt, auf die eigenen Gedanken angewand, und somit eine Selbstkontrolle durchgeführt, ob sich die eigenen Gedanken/Kritiken bewähren könnten. Nur diese werden dann auch wircklich hervorgebracht.

8.) Jeder hat den Dank den Instanzen (den Mächtigen) abzuliefern, die ihm seine Meinung erlauben und deshalb sind diese Instanzen schon kategorisch von grundsätzlicher Kritik befreit.

9.) Die bürgerliche Presse hat dieses Toleranzgebot mit allen Folgen völlig internalisiert. Die Presse ist also so frei, dass sie lediglich konstruktives Miteifern an der bürgerlich-kapitalistischen Realität als „vernünftige“ Meinung akkzeptiert. Kritik wird außerdem kanalisiert.

Siehe auch: MSZ Text zur Toleranz, argudiss Vortrag „Die Kritik der Toleranz“ und den Text auf contradictio.de