Emanzipation und Kultur

Ein kleiner Beitrag zu Tokio Hotel, links-alternativer Punkszene und „28 days later“, außerdem wenige Anmerkungen zur Romantik und Expressionismus.

Was das miteinander zu tun hat?
Leßt doch einfach meinen folgenden Text:

Wer kennt nicht die Hass- und Wutausbrüche gegen Tokio Hotel und deren Fans? Diese seien allesamt „dumme Schwuchteln“ oder, so der sich „links-alternativ“ schimpfende Jugendliche, „Spielzeug der Kommerz-Industrie“, die „nur an Geld interessiert“ seien. Die wahrlich banale Erkenntnis, dass es Zweck des Wirtschaftssubjekts ist, möglichst an (viel) Geld zu kommen, scheint diese Menschen jedoch häufig nur an der Musikszene zu erzürnen, und verlangt deshalb eine nähere Beschreibung, die dann auch endlich an das eigentliche Thema anschließt. Und zwar ereifert sich die Punkszenen-Meute deshalb darüber, weil ihre geliebte „Szene“, also das, was von ihnen als „Richtiges im Falschen“ konstruiert wurde, zu zerbrechen droht. Dieses Konstrukt bedarf einer Kritik, denn „es gibt kein Richtiges im Falschen“ (Adorno). Eine Konzeption die daruf abzielt, das Kuscheln in einer harmonischen Untergrundkultur als vernünftiges Ziel darzustellen und in letzter Konsequenz gar nicht mehr danach trachtet, die kapitalistische Gesellschaft in einen „Verein freier Menschen“ (Marx) zu transformieren, muss in der Nähe von esoterischen Zirkeln und anderen reaktionärem Stumpfsinn situiert werden. Der qualitative Unterschied, zu völlig legitimen Forderungen zur Verbesserung der eigenen Lage innerhalb des Bestehenden und der oben skizzierten Vorstellung besteht darin, dass eben diese Apologeten der Untergrundkultur die Flucht von der Realität, die jedoch die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft bestehen lässt, als rationales Endziel postuliert oder gar eine Flucht ins Private als antikapitalistischen Akt verklären will.
Die andere Polemik gegen die Band, zeigt sofort, dass sie einem faschistischem Begehren folgt. Exemplarisch hierfür sei das absolut dumpfe „Remake“ eines Songs von Tokio Hotel namens „Krüppel und Schwul“ angeführt, welches derzeit im Internet umhergeistert und sich größter Beliebtheit erfreut: Die Produzenten des Songs sagen den „ganzen Schwuchteln von Tokio Hotel“, dass sie es nicht verdienen zu leben. Die Welt soll von Drogenkonsumenten, Homosexuellen und „behinderten“ Personen gesäubert werden (so der Text dieses „Remakes“), ein großer Teil der deutschen Jugendlichen kann seine eliminatorischen Wünsche gegen eine Minderheit äußern, die schoneinmal dem deutschen Wahn zum Opfer gefallen ist.

Es zeigt sich also, dass die vermeintliche Kritik von links-alternativen Gefühlslinken bei näherem Hinsehen eine verkürzte Kapitalismuskritik und ein reaktionäres Weltbild offenbart, sich bestenfalls als eine in letzter Konsequenz blinde Affirmation entpuppt, der andere, größere Teil kann als Gegensatz zur Aufklärung aufgefasst- und nahezu faschistisch charakterisiert werden, denn „die Verve der Wut ersetzt Überlegung und Selbstbesinnung – genau darauf ist jeder Faschismus angewiesen“ (WKL).

Doch es gibt einen weiteren Aspekt zu beachten, der beiden Idiotien eins ist: Einer „künstlichen Welt“ wird das „echte Leben“ gegenübergestellt. Als „künstlich und falsch“ wird häufig genau das bezeichnet, was logische Konsequenz einer verkürzten Kapitalismus- und Konsumkritik ist, nämlich das „raffende Kapital“, der „US-Amerkanische Raubtierkapitalismus“, MC Donalds, Fernsehapparate, und Computerbildschirme. „Echt“ ist dagegen das Leben in Einklang mit der Natur, welches, laut der Vertreter dieser Ideologie, der Zivilisation vorgezogen werden soll. Wer erinnert sich hier nicht Voltaires spitzen Polemik gegen Rousseau und seinem „Diskurs über die Ungleichheit“, man „bekomme nun ordentlich Lust auf allen Vieren zu gehen.“ Anstatt also eine Emanzipation über die bestehenden Produktionsverhältnisse hinaus und des Menschen allgemein zu fordern, wird der Rückschritt in eine Urgesellschaft und wahlweise auch eine Rückbesinnung auf „alte Tugenden und Werte“, auf „das Echte“ verherrlicht.

Somit kann auch der Bogen zum Anliegen viele Expressionisten und Romantiker gespannt werden: Das bäuerliche Leben wird dem “dekadentem Leben“ in der Stadt vorgezogen, Flucht aus dem gesellschaftlichen Leben in idyllische Welten manifestiert und der Hass auf das Äußerliche vollzogen. Vorbild ist meißtens die Existenzform einiger Naturvölker. Zwar wird festgestellt, dass die herrschende Realität nicht „die beste aller denkbaren Welten ist“, es wird aber ein falscher wie folgenreicher Schluß gezogen, nämlich dieser einer schon erwähnten Rückkehr, die ebenso eine Rückkehr zu Zwängen darstellt, von denen sich der Mensch jedoch bereits erfolgreich befreite. Sie können sich die Veränderung der ökonomischen Verhältnisse nur im ökonomiefreien Raum vorstellen (vgl. Konkret 7/05) und müssen deshalb Konstrukte vom „Wahren“ und „Echten“ halluzinieren. Es werden unnütze, sinnfreie Imperative geschaffen, an denen sich der Mensch orientieren solle, die diametral der Bedürfnissbefreidigung des Menschen gegenüberstehen. Es herrscht die „Unfähigkeit, sich eine bessere Welt intellektuell und nicht gefühlsduselig beseelt vorzustellen.“ (Martin Büsser in Konkret 7/05)

Doch es geht auch anders: Der Film „28 days later“ pointiert meines Erachtens in kluger und aufklärerischer Weise, dass es dem Mensch um nichts als ein „schönes Leben“ gehen sollte. Besonders das Ende des Filmes ist hierfür wichtig, weshalb ich den Inhalt kurz darlegen möchte:
Nachdem in Großbritannien aufgrund eines Virus nahezu sämtliche Menschen zu zombieähnlichen Wesen geworden sind, findet der Hauptcharakter und seine Begleiter- und Mitstreiterinnen Zuschlupf bei einigen ehemaligen Militärs, die ein wehrhaftes Lager errichtet haben, welches gegen die Angriffe der infizierten Menschen schützen soll. Der Führer der Legion berichtet, die gesamte Welt sei von den Virus erfasst, und es gelte nun aus seinem Lager die Rezivilisierung zu beginnen. Der Film zeigt an einigen Stellen deutlich, wie sehr die Ideologie dieser Militärs mit einer faschistischen, gar nationalsozialistischen korrespondieren, und doch fühlt sich der Zuschauer den Militärs, sogar dem Führer selbiger hingezogen, zeigt dieser doch, wie dem Fluch der Zombieherrschaft zu entkommen ist. Der Zuschauer bemerkt überhaupt nicht, wie schnell er sich in der faschistischen Ideologie zurecht findet. Nun schwenkt die gesamte Situation, da sich offenbart was Ziel der Militärs ist, nämlich die Vergewaltigung einer Frau und eines Mädchens, die eben neu zu dem Kampfbund hinzugestoßen sind. Der Hauptcharakter metzelt die Kampftruppen dahin, und zeigt somit drastisch, worum es eigentlich gehen sollte: Um individuelle Emanzipation und nicht um Unterordnung, um Genuß des Lebens und nicht um (schädigende) Zielsetzung als Selbstzweck.
Das Ende des Filmes unterstreicht diese Annahme: Die Frau, das Mädchen und der Hauptcharakter befinden sich in einem einfachen Landhaus, begnügen sich jedoch nicht mit dieser Lage, sondern versuchen auf sich Aufmerksam zu machen, da sie wissen, dass der Rest der Welt nicht infiziert wurde und sind erfolgreich, da sie von zwei Jagdbombern gefunden werden. Die Jagdbomber repräsentieren einmal die Ambivalenzen der kapitalistischen Zivilisation, aber eben auch die Zivilisation, die in der Lage ist, dem Mensch ein schönes Leben zu bescheren, indem sie „die Müseligkeiten der menschlichen Existenz erleichtert“ (Bacon).


2 Antworten auf “Emanzipation und Kultur”


  1. Gravatar Icon 1 kante 28. April 2006 um 15:05 Uhr

    Was alternative Jugendliche so über ihre erfolgreichen Altersgenossen denken:

    „was ich ma total nich akann sind diese nervigen viecher von tokio hotel wozu sollen die gut sein??“

  1. 1 “Krüppel und schwul” — eine deutsche Vernichtungsphantasie // Lysis Pingback am 02. April 2006 um 13:31 Uhr
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